Der erste Martinstag auf der anderen Seite (5:30)

Seit einem Jahr wohnen wir nun in unserem eigenen Haus und mit den meisten Umgewöhnungen in der ruhigen 30er-Zone sind wir durch. Nur eine Erfahrung fehlte uns noch: Der Martinstag. Zum ersten Mal sollten wir ihn auf der anderen Seite, also der Seite hinter der Haustür, erleben. Bis vor einem Jahr haben wir ja noch in einer Dachgeschosswohnung im vierten Stock gewohnt. Bis dorthin hoch traute sich kein Kind. Für ein läppisches Snickers schien sich der Weg nicht zu lohnen, zumal in der Gegend an der Bundesstraße offensichtlich keine Kinder wohnten, die sich zu diesem alljährlichen Brauch motivieren konnten. Jedenfalls sind wir in all den Jahren, in denen wir dort wohnten, von singenden, schokoladesüchtigen Kindern verschont geblieben.

In diesem Jahr hatten wir uns gut vorbereitet, hatten ein breites Angebot an Süßwaren in Snackform in einer Schüssel im Flur deponiert und warteten auf die ersten Besucher.

Zuvor war allerdings ein gewisser Rechercheaufwand nötig, um unser Wissen über die nötigsten Eckpunkte zu diesem Ereignis aufzufrischen. Wann wird denn überhaupt gesungen? Am 10. oder 11. November? Martinstag ist ja schließlich erst am 11. Lässt man die Kinder zu Ende singen, bevor sie die Süßigkeiten bekommen? Oder öffnet man gar erst die Tür, nachdem der letzte Ton verklungen ist? Wie viel bekommt ein Kind? Darf es sich selbstständig aus der Schüssel bedienen oder obliegt uns die Zuteilung? Müssen wir auch laktose- und glutenfreie Bio-Fair-Trade-Alternativen bereithalten? Fragen über Fragen, die den Neuling auf der Martinstag-Supporter-Ebene schon mal kurz überfordern können!

Wir sind schließlich bei den Klassikern der Mars- und Nestle-Familie geblieben und ließen den Abend auf uns zukommen. Online hatte ich in Erfahrung bringen können, dass bei den Evangelen eher am 10. November gesungen wird. Dieses Datum hatte ich auch noch aus Kindertagen in Erinnerung. Wir konnten also wie geplant starten. Den Beginn musste ich allerdings allein überstehen, da sich meine Frau noch im Kinderinvasionstrainingslager beim Geburtstagskuchenessen in der Verwandtschaft befand.

Kurz hatte ich befürchtet (vielleicht auch ein bisschen gehofft), dass das Martinssingen dieses Jahr ins Wasser fallen würde, denn noch am späten Nachmittag zog ein mittelschwerer Hagelschauer über uns hinweg. Ich sah schon die halb angezogenen Kinder traurig und daneben die skeptisch zum Himmel blickenden Väter erleichtert ins Wohnzimmer zurückkehren. Doch pünktlich zur Dämmerung um 16.30 Uhr bot sich wieder bestes Martinswetter.

Leichte Aufregung machte sich breit. Hatten wir genug eingekauft? Kommt überhaupt jemand? Mal ehrlich: Ist in Zeiten von Netflix und iPhone ein Spaziergang im Dunkeln, bei dem uralte Lieder gesungen und ein bisschen Schokolade verteilt werden, überhaupt noch angesagt? Anscheinend schon.

Um Viertel nach fünf kündigte sich meine Martinstagspremiere durch einen ansteigenden Kinderlautstärkepegel auf der Straße an. Kurz darauf klingelte es an der Haustür. Ich sprang von meinem Bürostuhl im Arbeitszimmer auf und stolperte in den dunklen Flur. Ich schaltete das Licht ein. Bis zu diesem Zeitpunkt musste auch unser Haus von außen nicht mehr als ein dunkler Klotz gewesen sein, doch davon ließen sich die kleinen Schokopilger offenbar nicht abhalten. Als ich den Fuß auf die erste Stufe der Treppe nach unten setzte, klingelte es erneut. Gleichzeitig wurde der Gesang angestimmt. Ich eilte hinunter und öffnete die Tür.

Meine gelächelten Begrüßungsworte „Na, wer ist denn da so ungeduldig? Ich habe euch doch schon gehört“, oder so ähnlich, gingen in einem ambitionierten Vortrag von „Matten Matten Herrn“ unter. Mein Versuch, den Gesang mit einem Einsatz der Süßigkeitenschale vorzeitig zu beenden, wurde ignoriert. Nach dem Ende des Songs, griffen die drei Kinder routiniert zu, während ich mich in Nachbarschafts-Smalltalk mit den mitgereisten Eltern der Kinder versuchte. Schönen Abend noch, Weihnachten dann am Feuerkorb im Garten, Tschüss.

Das war es also, mein erstes Martinstagserlebnis auf der anderen Seite der Tür. War gar nicht schlimm. Sogar ein bisschen nett und niedlich. Ich schloss die Tür, ging wieder hinauf ins Arbeitszimmer und arbeitete weiter.

Kurz darauf kam meine Frau nach Hause und übernahm den Martinstagsservice an unserer Haustür. Auch für sie war es das erste Mal. Und auch sie musste ihre anfängliche Skepsis über diesen Brauch hinterher ablegen.

Insgesamt waren rund 20 Kinder bei uns zu Besuch. Der Hit des Abends war eindeutig „Matten Herrn“. Einen anderen Song bekamen wir nicht zu hören. Ich erinnere mich, dass ich früher mit „Als Martin noch ein Knabe war“ auftrumpfen konnte. Das war kürzer, was für beide Seite nicht schlecht sein konnte, dachte ich. Lernen die Kinder dieses Lied heute nicht mehr?

In manchen Familien wird das Martinssingen zu einem richtigen Event. Teilweise schließen sich mehrere Familien zusammen und ziehen als gemeinsame Horde durch die Straßen. Manchmal sind mehr Erwachsene als Kinder dabei. Sogar die Väter scheinen Spaß daran zu haben.

Ich überlege, ob ich im nächsten Jahr eine zweite Schüssel mit kleinen Schnäpsen vorbereiten soll. Für die Väter. Doch wenn sich das rumspricht, kommen wir aus dem Feiern vor meiner Haustür wohl gar nicht mehr heraus.

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