Ey Mann, wo ist mein Internet?! (5:00)

„Wir könnten doch vielleicht ein Buch lesen“, sagte meine Frau.

Ich drehte mich zu ihr um, packte Sie bei den Schultern und schaute ihr tief in die Augen.

„Dreh‘ jetzt bloß nicht durch!“, sagte ich. „Wir müssen einen kühlen Kopf bewahren, dann überstehen wir das schon!“

Schweigend lagen wir noch eine Zeitlang nebeneinander im Bett. Sie schlief irgendwann ein. Der Tag ging zu Ende.

Das hatte der technische Fortschritt also aus uns gemacht. Wir wussten nichts mehr mit uns anzufangen, wenn einmal das Internet ausfiel. Denn genau das war wenige Stunden zuvor an diesem Montag geschehen. Unser Router hatte plötzlich seinen Geist auf- und an seinem Platz im Flur außer einem mechanischen Klicken nichts mehr von sich gegeben. Alle LEDs waren erloschen. Da kam nichts mehr.

Der gesamte Unterhaltungsbereich in unserem Haus hängt von einer intakten Internetverbindung ab. Ohne Internet sind Computer, Telefon und Fernsehen wertlos.

Nur das Handy blieb uns als Verbindung zur Außenwelt. Nach 45 Minuten in der Warteschleife des Telefonanbieters nahm sich ein schwäbelnder Servicemitarbeiter unseres Problems an.

„Ha, des isch der Router, des han i glei im Diagnose-Programm g’sehe!“

Er versicherte uns, dass wir uns am nächsten Tag einen neuen Router in der Filiale des Anbieters bei uns in der Fußgängerzone abholen könnten.

Bis dahin mussten wir uns aber irgendwie beschäftigen. Zur Entspannung gönnte ich mir am Abend eine extralange heiße Dusche und zur Frustbewältigung bestellten wir uns Pizza mit extra Dessert. Wir durchforsteten unsere DVD-Sammlung und entschieden uns für zwei Filme, die wir beide noch gar nicht bzw. schon lange nicht mehr gesehen hatten. Schließlich machten wir uns fertig für die Nacht und mussten ohne jegliche Fernsehunterhaltung Schlaf finden. Ohne Tagesthemen, Wetterbericht und Sitcom.

Natürlich funktionierte das alles, doch es war ungewohnt. Wenn die jahrelang praktizierte Abendroutine plötzlich wegen technischer Probleme gestört wird, ist das zunächst irritierend. Doch es schafft auch die Gelegenheit, um über die Abhängigkeit von Technik nachzudenken. Noch vor wenigen Jahren wäre der Komplettausfall des Internets bei uns weniger problematisch gewesen, da wir an einem unserer TV-Geräte noch einen DVBT-Receiver angeschlossen hatten. Den hatten wir jetzt sogar noch im Keller, doch nach einer auf diesem Gebiet erfolgten technischen Umstellung vor einiger Zeit war das Gerät nun unbrauchbar geworden. Auch mit dem guten alten Kabelanschluss von „früher“ wäre so etwas nicht passiert. Erneut wurde mir bewusst, wie sehr mein Leben mittlerweile von funktionierender Technik abhing.

Meine letzte grausame Erfahrung mit defekter Technik ist ca. zwei Jahre her. Damals stellte meine mobile Festplatte von heute auf morgen ihren Dienst ein. Vielleicht hatte sie beim Umzug ins Haus etwas abgekriegt. Es war ausgerechnet die Festplatte, auf der ich die meisten Urlaubsfotos gespeichert hatte. Die letzte Sicherungskopie war glücklicherweise noch nicht allzu lange her, doch die meisten Dokumente aus dem Jahr 2016 gingen verloren. Es schien, als wären wir niemals im Urlaub in Trier und Luxemburg gewesen. Fotos als Beweise gab es nicht mehr. Auch ein paar Arbeitsproben aus meiner Zeit beim Radio waren futsch. Am schlimmsten schmerzte jedoch der Verlust aller Fotos und Videos, die ich während des Umbaus und der Renovierung unseres Hauses gemacht hatte. Eigentlich wollte ich am Ende alles zusammenschneiden und eine Foto- und Videocollage erstellen. Das konnte ich jetzt vergessen. Es schien, als wäre das alles niemals passiert, wo ich doch sonst alle Urlaube und weiteren Ereignisse stets umfangreich auf Fotos festgehalten hatte. Es war wie Gedächtnisverlust. Digitale Amnesie.

Ähnlich enttäuscht war ich auch jetzt wieder. Darüber, dass die Technik uns erneut im Stich gelassen hatte. Ich hasse es, wenn Dinge nicht so funktionieren, wie sie sollen. Vor allem, wenn man viel Geld dafür bezahlt.

Der schwäbelnde Servicemitarbeiter hatte nicht zu viel versprochen. Am nächsten Tag bekamen wir unseren neuen Router, der sich einwandfrei installieren ließ und uns jetzt wieder mit der Außenwelt verbindet. Doch ich bin von diesem Erlebnis gezeichnet. Ich überlege, ob ich uns zur Sicherheit einen Notfall-DVBT2-Receiver besorgen soll. Den stecke ich dann in einen Glaskasten mit der Aufschrift „Im Notfall Scheibe einschlagen“.

 

Bildquelle: Pixabay

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