Omas, die auf Würste starren (5:00)

Schlange stehen nervt eigentlich immer. Außer beim Bäcker. In einer Bäckerei stehe ich gerne in einer Warteschlange mit zwei oder drei anderen Kunden vor mir, denn auf diese Weise habe ich genug Zeit, um die Auslage in aller Ruhe zu studieren.

Ich mag es nicht, in eine leere Bäckerei zu kommen und mich gleich entscheiden zu müssen. Ich gerate sofort in Stress, wenn ich direkt beim Betreten des Verkaufsraums mit einem freudestrahlenden „Was kann ich für Sie tun“ begrüßt werde. Ich traue mich meistens nie, mir etwas Zeit zu nehmen und die erwartungsfrohe Dame warten zu lassen und zeige dann immer auf die erstbesten Brötchen, die ich sehe. Wenn die Verkäuferin anschließend alles zusammenrechnet und ich mein Geld herauskrame, fällt mir auf, dass da vorne im Glaskasten ja noch ganz andere Brötchen liegen, die auch lecker aussehen. Na ja, leider zu spät, vielleicht beim nächsten Mal.

Als Teil einer Warteschlange passiert mir sowas nicht. Während die anderen Kunden bedient werden, kann ich ganz entspannt das Angebot prüfen. Ich lasse meinen Blick von rechts nach links über das Regal und von links nach rechts über den Glaskasten schweifen. Und wieder zurück. Und dann habe ich genug gesehen und mich entschieden und freue mich darauf, von der Verkäuferin gleich angesprochen zu werden.

Meistens gehe ich nur mit einer vagen Vorstellung von irgendeinem Brötchen oder irgendeinem Stück Kuchen zum Bäcker. Hinaus gehe ich dann oft mit einem „Kraftbatzen“, einem „Kornmeister“, „süßen Lümmels“ oder einer „saftigen Schnitte“. Moderne Backwaren müssen anscheinend wie Superhelden oder Pornostars heißen. Von mir aus.

Letztens erst konzentrierte ich mich als Dritter in der Warteschlange gerade auf die Auslage, als mich der Satz „Ich hätte gerne einen flotten Dreier“ aus den Gedanken riss. Ich blickte auf und erkannte einen Mann um die 50 im Anzug, der diese Bitte soeben ohne mit der Wimper zu zucken über den Verkaufstresen hinweg geäußert hatte. Einen flotten Dreier kann er ja gerne haben, dachte ich, doch dieses schien mir das falsche Etablissement dafür zu sein. Allein schon aus hygienischen Gründen. Und Kinder liefen hier ja auch ab und zu mal vorbei. Unmöglich sowas.

Kurz darauf reichte die Verkäuferin dem Mann ein Tablett mit einem belegten Brötchen, einem Stück Kuchen und einer Tasse Kaffee und sagte: „5,80 bitte.“

Flotter Dreier. Ich hatte verstanden. Drei Teile. Megawitzig.

Der Mann bezahlte und vernaschte seinen flotten Dreier an einem Tisch.

Als nächstes wurde die Oma vor mir bedient. Die rüstige Dame wusste genau, was sie wollte.

„Ich hätte gerne ein Brot“, sagte sie. „Geschnitten bitte. Aber machen Sie die Scheiben nicht so dick!“

Die Verkäuferin gehorchte und überreichte der Seniorin wenig später ein in akkurate, sieben Millimeter dicke Scheiben geschnittenes Roggenmischbrot. Die Kundin war zufrieden.

Anschließend wandte sich die Dame hinter dem Tresen mir zu.

„Was darf es denn für Sie sein?“

Das Brot sah gut aus, weswegen ich spontan von meinem ursprünglichen Brötchenplan abwich.

„Für mich auch ein Brot bitte. Ein halbes. Auch geschnitten. Aber bei mir können sie die Scheiben ruhig etwas dicker schneiden.“

Daraufhin drehte sich die Oma, die noch dabei war, ihr Brot zu verstauen, zu mir um. Während mein Brot von der Maschine in stattliche Acht-Millimeter-Scheiben zerteilt wurde, sagte die ältere Dame, eigentlich nur zu mir, aber so laut, dass es alle anderen mitbekamen:

„Wissen sie, wenn das Brot so dick ist, schmeckt man die Wurst nicht mehr.“

Ergriffen von so viel Lebensweisheit stiegen mir fast die Tränen in die Augen.

„Aber gute Frau“, entgegnete ich, „wenn Sie die Wurst nicht schmecken, müssen sie sie dicker schneiden.“

Gütig lächelte sie mich an und nickte schließlich. Wir einigten uns auf ein Unentschieden. Unter Standing Ovations verließen wir gemeinsam den Laden.

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