Die Infektsprechstunde

Mit Husten, Halsschmerzen und Kopfschmerzen ist man ja früher einfach so ganz normal zum Arzt gegangen. Hat einen Termin gemacht, kurz im Wartezimmer gesessen und ist dann rein zum Arzt, der einen nach einem kurzen Gespräch mit einer Krankschreibung und einem Rezept wieder entlassen hat. Vorn an der Rezeption noch kurz verabschiedet, dann wieder ab nach Hause.

In Zeiten von Corona ist das anders. In Zeiten von Corona könnte hinter jedem Halskratzen ein tödliches Virus stecken. Jeder Fieberschub könnte Anzeichen für eine gefährliche Infektion sein. Deswegen geht man mit verdächtigen Symptomen heute auch nicht mehr einfach so zum Arzt. In Zeiten von Corona bekommt man einen Termin für die Infektsprechstunde. Für mich ein völlig neues Erlebnis.

Ein positiver Aspekt der ganzen Coronageschichte in den vergangenen Monaten für mich war, dass ich aufgrund der Hygienemaßnahmen mit Maskenpflicht und Abstandsgebot offenbar mit keinerlei grippe- und erkältungsbelastetem Material in Kontakt gekommen bin. Im Winter 20/21 bin ich zum ersten Mal seit Jahren nicht ein einziges Mal krank gewesen. Meine Hustenbonbons sind sogar abgelaufen – eine tolle Erfahrung! Dieses Jahr sollte das leider wieder anders aussehen.

Nach der erfolgreichen Eingewöhnung unseres Nachwuchses im Kindergarten hatte es nicht lange gedauert, bis mit einsetzendem Grippewetter auch das erste Kita-Souvenir in Form eines Infekts unser Zuhause erreichte. Während die Symptome bei den übrigen Familienmitgliedern nach ein paar Tagen wieder abgeklungen waren, legte der Infekt bei mir erst richtig los. So wie früher. Hurra.

Durch Nebeneingang in die Praxis

Telefonisch bat ich um Konsultation beim Hausarzt und bekam einen Termin für besagte Infektsprechstunde. Mir wurde eingebläut, dass ich aus Sicherheitsgründen auf gar keinen Fall den Haupteingang der Praxis, sondern einen Nebeneingang benutzen sollte. „An der linken Seite des Gebäudes kommt erst ein Bäcker, dann ein Zigarettenautomat und dann eine Holzpforte. Dort müssen Sie rein“, lautete die Anweisung der Mitarbeiterin am Telefon.

Pünktlich um 12.05 Uhr fand ich mich am vereinbarten Treffpunkt ein. Bei meiner Ankunft war ich der einzige Wartende. Ich trat durch die Holztür und gelangte in einen schmuddeligen Innenhof mit Mülltonnen und Unkraut. Am anderen Ende des Platzes erblickte ich eine offene Tür, aus der die Geräusche einer Unterhaltung drangen.

„Hallo“, sagte ich, nachdem ich durch die Tür getreten war und nun in einem Treppenhaus stand.

„Bitte warten Sie draußen, wir holen Sie ab“, sagte eine Sprechstundenhilfe, die in einem weißen Schutzanzug im Treppenhaus neben einem kleinen Tisch stand. Auf einem Stuhl saß ein Kollege, möglicherweise vom Sicherheitsdienst, dachte ich.

Ich ging wieder nach draußen und wartete. Kurz darauf kam der Mann, den ich dem Sicherheitsdienst zugeordnet hatte, heraus und sagte, ich könne nun eintreten. Dann ging er. Er war offenbar kein Kollege, sondern der Patient vor mir.

Ich betrat wieder das Treppenhaus und erwartete eine provisorische Rezeption. Stattdessen stand ich bereits im provisorischen Behandlungszimmer mit Tisch und Stuhl. Die vermeintliche Sprechstundenhilfe entpuppte sich als Ärztin.

Mein erster Coronaabstrich

Ich setzte mich, schilderte meine Symptome und beantwortete ein paar Fragen. Die Ärztin klopfte Stirn und Wangenknochen ab und leuchtete in Rachen und Ohren. Anschließend folgte der berühmte Coronaabstrich. Für mich war es das erste Mal. Ich hatte schon viel gehört und gesehen und war doch überrascht, wie tief das Stäbchen in die Nase eingeführt werden musste. Ich bekam sofort einen Hustenanfall und meine Augen tränten wie die Hölle. Mit einer Krankschreibung für vier Tage sowie einem Rezept für die Apotheke verließ ich das provisorische Infektionssprechzimmer im Treppenhaus. Vor der Tür warteten bereits die nächsten beiden Patienten.

Insgesamt hatte die Sprechstunde inklusive Wartezeit nur zehn Minuten gedauert. Das war erfreulich, in Pandemiezeiten und mit diesem außergewöhnlichen Behandlungsformat aber wahrscheinlich genauso gedacht.

Ich schaute noch kurz in der benachbarten Apotheke vorbei. Die Mitarbeiterin händigte mir die verschriebenen Medikamente aus, inklusive der obligatorischen Einnahmetipps und allen guten Besserungswünschen. Zufrieden fuhr ich nach Hause.

Die kommenden Tage amüsierte ich mich weiterhin mit Halsschmerzen, Husten und Kopfschmerzen, hatte gute und schlechte Nächte und vermied jeden unnötigen Kontakt zur Außenwelt. Über die Möglichkeit, Corona haben zu können, machte ich mir nur sehr kurz Sorgen. Wo sollte ich das denn auch herhaben? Ich arbeitete ausschließlich im Homeoffice, bewegte mich nur zu Fuß oder im Auto durch die Gegend und hatte außer dem Supermarkt keine regelmäßigen Reiseziele außerhalb meiner Heimstatt. Doch man wusste ja nie, wo einen so ein fieser Virus überall einholte. Und was wäre wenn? Müssten dann meine ganze Familie und ich in Quarantäne? Wie sollte das denn gehen?

Ergebnis des Coronatests nach drei Tagen

Drei Tage nach dem Coronaabstrich sollte mir das Testergebnis telefonisch mitgeteilt werden. Es dauerte bis zum frühen Nachmittag, bis die Praxis sich meldete: Der Test war negativ. Kein Corona also.

Krank fühlte ich mich aber immer noch, also ließ ich die Krankschreibung verlängern. Es handelte sich also doch wahrscheinlich nur um eine dieser nervigen Infekte, die sich bei mir wochenlang festsetzten. So wie früher. Hurra…

Zweite Infektsprechstunde mit Blutabnahme

Und damit sollte diese Geschichte eigentlich zu Ende erzählt und schon längst gebloggt sein. Doch in den folgenden Tagen besserten sich meine Symptome kein bisschen. Ganz im Gegenteil. Zu Husten, Hals- und Kopfschmerzen gesellte sich schließlich ein fieser Schnupfen. Die Fab Four waren nach langer Zeit mal wieder komplett.

Also wieder ab zum Arzt. Wieder Infektsprechstunde. Wieder durch den schmuddeligen Hintereingang ins zugige Treppenhaus. Die Ärztin, diesmal eine andere Kollegin, zapfte mir in diesem improvisierten Szenario Blut ab, um alle Möglichkeiten auszuschöpfen. Der Coronaabstrich erfolgte vor der Tür an der frischen Luft, diesmal allerdings nur im Rachenbereich.

Anschließend verbrachte ich zwei weitere Wochen krank auf dem Sofa mit Antibiotikum, Frustschokolade und einem Taschentuchverbrauch, dem ein mittelgroßer Amazonasregenwald zum Opfer gefallen sein musste. Immerhin war auch der zweite Coronaabstrich negativ. Wenigstens etwas.

Die Grippesaison für ein Jahr ausfallen zu lassen ist schön und gut, doch dass sie im darauffolgenden Jahr doppelt so heftig zuschlägt, darüber wäre ich gerne vorab informiert worden. Gute Kommunikation ist so wichtig in diesen Tagen.

Lasst euch bitte gegen Corona impfen!

Bleibt bitte alle gesund. Und lasst euch impfen! Dabei geht es nicht nur um euch und eure individuelle Freiheit. Das ist zu kurz gedacht. Und zu egoistisch. Es geht um eure Familie, eure Freunde, eure Liebsten. Und am Ende auch um die Freiheit aller. Ich danke euch.

Bild: Hermann Kollinger auf Pixabay 

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