Die Sprüche der Ärzte (7:15)

Krankenschwestern, Pfleger, Ärzte – Während meiner Krebserfahrung haben mich dutzende medizinische Fachkräfte begleitet. In den vergangenen Monaten habe ich meine Hose so oft vor fremden Leuten herunterlassen müssen wie noch nie. Von jungen Medizinstudentinnen bis hin zu erfahrenen Chefärzten war alles dabei. Im Großen und Ganzen bin ich mit der Behandlung hochzufrieden. Stets verlief alles professionell und ich fühlte mich gut aufgehoben. Zahlreiche Sprüche sind mir aber im Gedächtnis geblieben. Die häufigsten, witzigsten und merkwürdigsten habe ich zusammengetragen.

„Das muss der Körper mit seinen Heilkräften jetzt selbst wieder hinkriegen“

Damit fing der ganze Schlamassel an. Mit diesem Spruch verabschiedete mich mein erster Urologe, nachdem er meine Entzündung ein halbes Jahr lang mit Salben und Kamillebädern behandelt hatte. Auf die Frage, wie lange ich dem Körper Zeit geben sollte, bevor ich das nächste Mal zum Arzt ging, gab er keine klare Antwort. Auch eine mögliche Krebserkrankung blieb unerwähnt. Dieser Arzt war es auch, der in den gut sechs Monaten Behandlung bestimmt zweimal zu mir sagte: „Ziel ist es, dass ihr Penis irgendwann wieder so aussieht wie meiner.“ Ich habe jedes Mal gehofft, dass er ihn mir nicht auch noch zeigen will. Nach dem Selbstheilungsspruch bin ich nie wieder bei ihm gewesen.

„Das bekommen nur alte Männer“

Diesen Spruch habe ich ziemlich oft gehört und er hat mir vor der niederschmetternden Diagnose noch Hoffnung gegeben. Die Statistik schien auf meiner Seite zu sein. Dieser Krebs ist so selten, dass es dafür keine einheitlich festgeschriebene Behandlung gibt. Und wenn die Krankheit ausbreche, dann nur bei Männern im Rentenalter, hieß es. „Wir müssen einfach ausschließen, dass es Peniskrebs ist“, sagte einer der Ärzte in der ersten Uniklinik zu mir. Nach der Biopsie fuhr ich so optimistisch wie noch nie zu der Besprechung der Ergebnisse. Leider konnten die Mediziner den Krebs dann nicht mehr ausschließen.

„Darf ich davon ein Foto machen?“

Das fragte mich einer der jungen Ärzte ebenfalls in Uniklinik Nummer eins. Ich habe kurz überlegt und es dann erlaubt. Zu dem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass es Krebs ist, doch ich würde es im Nachhinein wieder so machen. Bessere Forschungsergebnisse und Heilungserfolge sind meiner Meinung nach nur möglich, wenn der Patient offen mit der Krankheit umgeht, vor allem, wenn sie so selten ist und es noch nicht so viele gesicherte Erkenntnisse darüber gibt.

„Das habe ich selbst noch nie gesehen“

Diesen Satz habe ich leider auch öfter hören müssen. Und das nicht nur bei jungen Ärzten, sondern auch bei Urologen, die schon viele Jahre in dem Beruf tätig sind, und das sogar in einer deutschen Millionenstadt. Unglaube und Erstaunen waren meistens die ersten Reaktionen, ziemlich schnell gefolgt von Neugier und echtem Interesse. Mit welchem Arzt ich auch zu tun hatte, ich hatte immer das Gefühl, vor Menschen zu stehen, die an der Lösung des Problems interessiert waren. Gerne habe ich mich als Forschungsobjekt betrachtet, das mit seiner Kooperation in diesem Fall für bessere Forschungsergebnisse sorgen kann.

„Wir machen ihren Penis nur zehn Jahre älter“

Das sagte ein Arzt in der zweiten Uniklinik zu mir, als er mir die mögliche Operation und die möglichen Folgen für die Funktionstüchtigkeit des Organs erklärte. Es war ein nettes, professionelles Gespräch mit Ultraschalluntersuchung und vielen Infos und Zuspruch. Ohne Alternative hätte ich mich guten Gewissens in die Hände dieser Ärzte begeben, doch ich wollte mir unbedingt noch eine dritte Meinung holen.

„Ohne OP sterben sie in drei Jahren daran“

So deutlich sagte es mir der Chefarzt der Urologischen Abteilung in Uniklinik Nummer drei. Ich hatte mich schon vorher über dieses Krankenhaus informiert und mein Besuch bestätigte meinen Eindruck, dass ich hier bei den richtigen Spezialisten angekommen war. Wir vereinbarten sofort einen OP-Termin für die kommende Woche und wenige Tage später ging es dem Krebs an den Kragen.

„Damit können sie auch in die Sauna gehen“

Fand ich wieder lustig, diesen Spruch. Er kam ebenfalls vom Chefarzt der dritten Uniklinik. Damit wollte er mir erklären, dass man dem Organ die OP hinterher gar nicht ansehen würde. Ich war schon viele Jahre nicht mehr in der Sauna gewesen, aber durch den Spruch war ich mir sicher, dass ich hier richtig war. Woanders hätte man sich bei der optischen Wiederherstellung dieses Körperteils wahrscheinlich weniger Mühe gegeben. Hier gehörte der plastische Aspekt zum Standardprogramm, schon hundertmal gemacht und bewährt.

„Wundern sie sich nicht, wenn sie morgen keinen Penis mehr haben“

Vor der ersten OP fiel beim Aufklärungsgespräch mit einer jungen Urologin dieser Satz. Sie erklärte mir die Vorgehensweise und sagte, man werde dem Tumor scheibchenweise auf den Grund gehen. Die Chirurgen würden so lange Gewebe entfernen, bis kein Krebs mehr nachgewiesen werden könne. Schneiden, prüfen  – und wenn nötig nochmal. „Wundern sie sich also nicht, wenn sie hinterher keinen Penis mehr haben“, sagte sie lapidar. Ich beschloss, mich zunächst einmal nicht über diesen Spruch zu wundern. Direkt nach der OP – ich war gerade wieder auf dem Weg in Richtung klarer Verstand – prüfte ich den aktuellen Zustand. Ich war auf alles vorbereitet, doch die Form des Verbandes stimmte mich zuversichtlich. Das meiste war noch da.

„Rund kann ja jeder“

Einen Tag nach der OP standen die ersten Verbandswechsel an. Unter anderem musste auch das große Pflaster auf meinem Oberschenkel ausgetauscht werden. Es bedeckte die kreditkartengroße Stelle, an der mir die Haut für die Wiederherstellung der Penisspitze entnommen wurde. Das Abziehen des Pflasters war die Hölle. Ich krallte mich dankbar in den kräftigen Oberarm der Schwester, den sie mir freundlicherweise angeboten hatte. Beim Blick auf die Wunde erkannte ich, dass sie eckig war. „Rund kann ja jeder!“, sagte die Schwester daraufhin. Gerne hätte ich mir eine Form ausgesucht. Einen Stern vielleicht oder einen Smiley. Beim Kieferorthopäden durfte ich mir die Farbe meiner Zahnspange damals schließlich auch aussuchen.

„Das ist wie ein Sechser im Lotto“

Der erste Besuch beim Hausarzt, nachdem ich beide OPs und insgesamt 25 Tage Krankenhaus hinter mir hatte. Wieder Erstaunen, Betroffenheit, Interesse. Wieder „nur alte Männer“ und „selbst schon viel gesehen, aber das noch nie“. Dann Faszination. Das konnte ich verstehen, denn es ging mir nicht anders. Noch war längst nicht alles verheilt, doch es war bereits abzusehen, dass es sich optimal entwickeln würde. Bis heute bin ich fasziniert davon, was die Chirurgen da geleistet haben. Und dankbar natürlich. „Das ist wie ein Sechser im Lotto“, sagte der Kollege in der Hausarztpraxis und spielte damit auf die geringe Wahrscheinlichkeit dieser Erkrankung an.

Mit einem Sechser im Lotto kann man viel Blödsinn anstellen. Für sich behalten, verprassen, versaufen. Mit meiner außergewöhnlichen Erfahrung möchte ich lieber etwas Nachhaltiges anstellen. Deswegen schreibe ich darüber. Auch für all jene, die Ähnliches durchgemacht haben, darüber aber nicht schreiben können oder wollen. Motivieren, Mut machen, Vorbild sein – viel besser als ein Sechser im Lotto.

Advertisements