Ein Jahr mit Krebs (10:30)

Es ist genau ein Jahr her, da bin ich so optimistisch wie noch nie ins Krankenhaus gefahren. Es war eigentlich ein recht schöner Tag. Mitte August, die Sonne schien und ich hatte frei. Zugegeben, frei hatte ich nur, weil ich diesen Termin im Krankenhaus hatte. Doch den ging ich mit jedem noch so kleinen Fitzelchen Zuversicht an, den ich aufbringen konnte. Dabei ging es um ein schreckliches Thema. An diesem Tag wollten die Ärzte mir nämlich sagen, ob ich Krebs hatte oder nicht. Es sollte mein persönlicher D-Day werden. Oder besser gesagt mein K-Day. Mein Krebstag.

Ich rechnete nur mit einem kurzen Gespräch, in dem mir erläutert werden würde, dass das Geschwür im Genitalbereich nichts weiter als eine harmlose Entzündung sei, die mit einer Routine-Operation entfernt werden könnte. Im Vorgespräch zur Biopsie vor ein paar Wochen hatten die Ärzte mir nämlich erklärt, dass Peniskrebs eigentlich nur bei alten Männern auftrete und überhaupt viel zu selten sei, als das ich ihn haben könnte. Die Statistik war also auf meiner Seite und so saß ich an diesem Freitag zusammen mit meiner Frau im Auto auf dem Weg nach Hannover und war mir sicher, dass das alles bald vorbei sein würde. Stattdessen begann eine der schlimmsten Erfahrungen meines Lebens.

Im Sprechzimmer erwartete uns ein junger, nervös wirkender Arzt. Das beunruhigte mich noch nicht, schließlich hat man es in einer Uniklinik oft mit jungen Medizinern zu tun, die noch nicht lange dem Hörsaal entwachsen zu sein scheinen.

Mit „Wir müssen ausschließen, dass es Krebs ist“ hatten die Ärzte noch vor wenigen Wochen die Biopsie begründet und anschließend eine Probe des Gewächses genommen. Heute konnten Sie es leider nicht mehr ausschließen. Als mir der junge Arzt mitteilte, dass ich tatsächlich Peniskrebs hatte, konnte er mich kaum anschauen. Wie genau ich selbst diese Horrornachricht im ersten Moment aufnahm, weiß ich gar nicht mehr. An das Wort „Horrornachricht“ aus meinem Mund kann ich mich aber noch erinnern. Ebenso an den Kloß in meinem Hals und einen Blick in die Zukunft, der sich vor meinem inneren Auge abspielte. Der Krebs musste entfernt werden, das war klar. Doch wie viel noch? Wie würde mein Leben danach aussehen?

Mit Kugelschreiberzeichnungen auf weißem Papier versuchte der Arzt zu verdeutlichen, wie die Operation ungefähr ablaufen würde. Sein „Eigentlich kann ich gar nicht zeichnen“ lockerte die Situation leider kein bisschen auf. Mir wurde klar, dass da vorne nicht nur ein bisschen, sondern ganz schön viel entfernt werden musste. Mindestens die Eichel. An das Wort „Lebensqualität“ aus meinem Mund und ein verzweifeltes „allerdings“ von meiner Frau kann ich mich auch noch erinnern. Dass wir uns vor Anspannung beim Händchenhalten nicht die Finger brachen, grenzte an ein Wunder.

Schließlich entließ uns der Arzt mit dem Hinweis, dass einem eine Krebsdiagnose eigentlich in einem etwas anderen Rahmen mitgeteilt werden würde. Vor der Tür des Sprechzimmers brachen wir dann zusammen, meine Frau äußerlich, ich innerlich. Wir schleppten uns zurück in den Wartebereich und setzten uns. Und sammelten uns. Und umklammerten uns. Nach ein paar Minuten wurde es etwas besser, doch in diesem Moment wollte ich von dem Stuhl im Wartezimmer nie wieder aufstehen. Denn ich wusste, sobald ich aufstehen würde, müsste ich mich um den Krebs kümmern. Krebs. Mein Gott, ich bin jetzt Krebspatient!

Irgendwann sind wir natürlich wieder aufgestanden. Und noch in diesem Krankenhaus begann eine kleine Odyssee, die ein paar Tage anhalten sollte, bis ich den richtigen Weg zur Lösung dieses Problems gefunden hatte.

Plötzlich waren unglaublich viele Dinge zu tun. Meine innere To-do-Liste wuchs ins Unermessliche. Ich vereinbarte direkt einen Beratungstermin für die anstehende OP in dieser Klinik und einen weiteren für die Entnahme einer Spermaprobe. Ich war an diesem Tag dankbar für jede Hilfestellung und eilte nach der Diagnose wie ferngesteuert durch mehrere Klinikstationen, um die Termine zu machen. Doch ein paar Tage später sollte ich beide wieder absagen. Ich hatte bessere Lösungen gefunden und würde in dieses Krankenhaus vorerst nicht mehr zurückkehren.

Die Untersuchung meiner Fortpflanzungsfähigkeit durch Abgabe und Konservierung meines Erbgutes sollte zu dieser Erfahrung wohl dazugehören. Wie so vieles. Wenige Wochen vor der niederschmetternden Krebsdiagnose war die Welt noch in Ordnung gewesen. Von Krebs am Penis hatte ich noch nie etwas gehört. Kurz darauf erschien der Feind zum ersten Mal auf dem Radar, doch die Abfangjäger in Form von statistischen Erhebungen brachten sich bereits in Stellung und landeten ein paar Achtungstreffer. Nachdem mir dort vorne ein paar Proben abgeschnitten worden waren, fielen allerdings die ersten Triebwerke aus. Mit Erhalt der Diagnose zerschellte schließlich der letzte treue Pilot mit seiner Maschine am Berg. Das Krebsgeschwür blieb allein und breit grinsend auf dem Schlachtfeld zurück. Doch mehr als diese erste Schlacht sollte es nicht für sich entscheiden.

Die Odyssee nach der Diagnose führte meine Frau und mich erst mal wieder zurück nach Hause. Es war Freitagnachmittag und außer einkaufen und essen konnten wir nicht mehr viel machen. Und nachdenken. Nachdenken und beschließen, dass alles gut wird. Positiv denken. Oft beschworen, aber immer bewährt. Das bevorstehende Wochenende passte da ganz gut.

Gedanken ordnen war jetzt wichtig. Wem musste ich zuerst davon erzählen? Meiner Mutter natürlich, doch die befand sich gerade im Urlaub in Bayern, um dort zum ersten Mal ihren vier Monate alten Enkel in die Arme zu schließen. Dieses Erlebnis wollte ich nicht mit schlechten Nachrichten überschatten. Am Telefon wollte ich ihr das sowieso nicht erzählen, also musste ich noch ein paar Tage warten. Auch andere Verwandte und Freunde sparte ich erst mal aus. Irgendwie wollte ich eine gewisse Prioritätenliste einhalten und verhindern, dass Personen, die mir nahe standen, diese Nachricht von jemand anderem als von mir erfuhren. So sagte ich erst mal niemandem Bescheid.

Wie wir dieses Wochenende verbrachten, weiß ich nicht mehr genau. Wahrscheinlich habe ich schlecht geschlafen und viel Zeit auf dem Sofa verbracht. Mit ziemlicher Sicherheit sind wir auch wieder einkaufen gewesen, denn meinen Appetit hatte ich noch nicht verloren. Ich sollte ihn die ganze Zeit über nicht verlieren und habe das immer als gutes Zeichen gewertet.

Aufgrund mangelnder Alternativen war es am Montag mein Chef als erster Außenstehender, dem ich von meiner Erkrankung erzählte. Erzählen musste. Denn schließlich musste ich ihn darauf vorbereiten, dass ich bald für viele Wochen ausfallen würde. Wie lange genau? Keine Ahnung. Ich würde Bescheid sagen. Alles Gute.

Mitte der Woche konnte ich endlich meiner Mutter davon erzählen. Sie war von ihrem Antrittsbesuch als Großmutter zurück und unter dem Vorwand, Werkzeug zu brauchen, kündigte ich für den Abend mein Kommen an. Meine Mutter nahm die Nachricht mit genau dem richtigen Optimismus auf, den ich in diesem Moment brauchte. Nach einem Ehemann, also meinem Vater, der vor mehr als 20 Jahren an Krebs gestorben war, hatte sie nun auch einen krebskranken Sohn. Aber hey, das wird schon! Lass dich davon nicht fertig machen! Positiv denken. Oft beschworen, aber immer bewährt.

Jetzt, da meine Mutter Bescheid wusste und keine Gefahr mehr bestand, dass sie durch ein plötzliches „Hast du schon gehört?“ davon erfuhr, konnte ich es endlich allen erzählen. Es folgten ein paar Telefonate mit meinem Bruder und engen Freunden. Ein Urlaub musste storniert werden, der genau in die Behandlungszeit fallen würde. In ein paar Tagen sollte außerdem ein Klassentreffen stattfinden. Das sagte ich ebenfalls ab. „Und, was machst du jetzt so?“ „Och, ich habe Krebs.“ Das musste nicht sein.

Mittlerweile stand mein erster OP-Termin fest, denn in der Zwischenzeit hatte die besagte Odyssee Fahrt aufgenommen. Zwischen den Zeilen hatte ich verstanden, dass die Klinik in Hannover für diese Erkrankung nicht die richtige war. Also holte ich Zweit- und Drittmeinungen ein. Ich habe im Beitrag über meine Krebserfahrung schon ausführlich darüber geschrieben und möchte das hier nicht noch einmal tun. Am Ende bin ich jedenfalls in Rostock gelandet, wurde dort zweimal operiert und bin damit bis heute sehr glücklich.

Was ist seitdem passiert? Der Krebs ist weg und ich hoffe, dass das so bleibt. Mein Leben hat sich, zumindest körperlich, nicht so stark verändert wie befürchtet. Nach insgesamt 25 Tagen Krankenhaus und einer achtwöchigen Krankschreibung kehrte ich für drei Tage an meinen Arbeitsplatz zurück. Zugfahren und ins Büro gehen funktionierte gut und von meinen Kollegen wurde ich berührend herzlich wieder aufgenommen. Ich konnte mich sogar noch an meine Passwörter erinnern und brauchte nur einen halben Tag, um mich durch die aufgelaufenen E-Mails zu lesen.

Nach drei Tagen begann allerdings mein schon lange geplanter Urlaub, den wir mit unserem Umzug in unser Haus verbringen wollten. Neben der Krebserkrankung hatten wir uns im vergangenen Jahr nämlich auch um die Renovierung unseres kurz zuvor erworbenen Hauses kümmern müssen. Mit viel Manpower der besten Freunde schafften wir auch das. Auf diese Weise gestaltete sich für mich ein Neuanfang in doppelter Hinsicht: Erstens war der Krebs weg und zweitens lag vor uns ein Leben im eigenen Haus.

Von einer engmaschigen Nachsorge bin ich glücklicherweise verschont geblieben. Anfang dieses Jahres habe ich mich einem MRT-Scan unterziehen müssen und wenn es alles so erfreulich weiterläuft wie bisher, muss ich den nächsten erst Anfang kommenden Jahres angehen.

Kurz nach der MRT-Untersuchung, deren Ergebnisse besser nicht hätten sein können, begann ich eine dreiwöchige Reha. Auch darüber habe ich ausführlich berichtet.

Ansonsten laufe ich wieder regelmäßig und bin sogar schon wieder rudern gewesen. Der Weg zurück in die Normalität ist länger als erwartet, doch er wird irgendwann geschafft sein. Und dann? Dann geht’s weiter mit neuen Zielen! Mit spätestens 42 möchte ich die 42 Kilometer laufen, also einen Marathon. Die fünf Jahre bis dahin sollten für das nötige Training ausreichen.

Und schreiben muss ich natürlich weiterhin. Über den Krebs würde es wahrscheinlich für ein ganzes Buch reichen. Doch auch unser Haus, das Bahnfahren und die gesamte Menschheit an sich birgt noch viel Potenzial. Es sind noch längst nicht alle Geschichten erzählt!

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