64 Schrauben (7:00)

Das eigene Haus wird ja immer besser, je länger man es hat. Glücklicherweise ist der ganze Stress nach Hauskauf, Renovierung und Umzug noch lange nicht vorbei. Das wäre ja furchtbar! Gott sei Dank hat man auch lange nach dem Einzug noch so viel zu tun, auszupacken und aufzubauen, dass freie Wochenenden, wenn überhaupt, nur verschwommen in der Ferne zu erkennen sind. Und auch wenn irgendwann mal alle Kartons ausgepackt sind, müssen die vielen leeren Plätze an den Wänden und in den Ecken schleunigst mit neuen Regalen und Schränken zugebaut werden. Mit Kleiderschränken von Ikea natürlich. Die aus Platzgründen allerdings nicht mit normalen Schwingtüren, sondern mit Schiebetüren versehen werden müssen. Was das für eine Tortur nach sich zieht, hätte ich nie für möglich gehalten.

Ikea mag ich ja eigentlich. Mit dem Aufbauen komme ich sehr gut klar. Es ist ja auch eigentlich immer dasselbe Prinzip. In der Vergangenheit hatte ich es allerdings immer nur mit Billy-Regalen oder ähnlich einfachen Schränken zu tun. Auch das Sofa dauerte zwar etwas länger, setzte aber keine unmenschlichen Kraftakte voraus. Jetzt also Schiebetüren. Kann ja auch nicht allzu schwer sein, dachte ich – und lag damit meilenweit daneben. Denn Ikea-Schiebetüren sind echt das höchste Level. Der Endgegner. Wer das geschafft hat, der schustert danach ein 1000-Teile-Puzzle mit verbundenen Augen und einer Hand auf dem Rücken zusammen. Gegen Schiebetüren von Ikea sind die Pyramiden von Gizeh eine Nachmittagsbastelstunde im Kindergarten mit Bauklötzen und Fingerfarbe!

Es fing eigentlich ganz einfach an. An den bereits aufgebauten Schrank mussten oben und unten zunächst zwei Schienenleisten angeschraubt werden, in denen die Schiebetüren später hin und her geschoben werden konnten. Es dauerte nur wenige Minuten und ich hatte mich in der Anleitung bis zu Punkt sechs vorgearbeitet. In zwei Stunden wollte ich laufen gehen. Das passt, dachte ich.

Schnell merkte ich, dass das Anschrauben der Leisten von dem Verfasser der Aufbauanleitung bewusst an den Anfang gesetzt worden war. Es hätte auch kurz vor das Einsetzen der Türen platziert werden können, doch der Kunde sollte wahrscheinlich mit einem Erfolgserlebnis starten, damit er den anschließenden Horrortrip aushielt.

64 Schrauben. Eine Doppelschiebetür von Ikea für einen zwei Meter hohen Kleiderschrank wird mit exakt 64 Schrauben zusammengebaut. Aus einem Wirrwarr von kurzen, langen und mittellangen Aluminiumleisten soll in Kombination mit mehreren Holz-, Glas- oder Spiegelelementen unter Zuhilfenahme besagter 64 Schrauben eine stabile Tür entstehen. Das tut sie auch irgendwann. Allerdings erst nach viereinhalb Stunden.

Um aus allen Einzelteilen ein halbwegs brauchbares Türenelement zu fertigen, sind körperliche Anstrengungen sowie Nervenstärke von solch immensem Ausmaß von Nöten, die ich zu diesem Zeitpunkt aus Konditions- und anderen Belastungsgründen nicht aufbringen konnte. Hätte ich in einer 30 Quadratmeter großen Werkstatt gestanden, in der ich das Werkstück auf einem Tisch hätte platzieren und um es herum gehen können und hätte ich dabei auch noch einen Praktikanten oder Azubi zu Hilfe gehabt, der mir die Schrauberei abnimmt, hätte ich die Aufgabe eventuell in einer annehmbaren Zeit, ohne Gefluche und vor allem ohne Muskelkater in ungeahnten Körperregionen überstanden. Ich stand allerdings nur in unserem Schlafzimmer, wo ich den Bausatz auf dem Fußboden ausbreiten und zusammensetzen und dabei aufpassen musste, das vor wenigen Monaten frisch verlegte Parkett nicht zu zerkratzen. Ich musste Haltegriffe sowie gebückte oder gehockte Körperpositionen einnehmen, mit denen mein aktuell recht untrainierter Körper nicht klar kam. Nach kurzer Zeit taten mir die Füße und Knie weh und meine Oberschenkel brannten wie nach 100 Kniebeugen. Dazu kamen Schürfwunden und Schnitte an den Händen, denn nur durch das beherzte Zusammendrücken der scharfkantigen Aluminiumschienen waren die Einzelteile in die von der Bauanleitung vorgesehene Position zu bringen.

Nach gut drei Stunden elendigen Drückens, Schiebens und Schraubens waren beide Türenelemente endlich fertig. Jetzt noch kurz in die Schienen einhängen und dann kann ich vielleicht noch im Hellen laufen gehen, dachte ich. Doch wie so oft sollte aus diesem „kurz“ ein „Scheiße! Ich habe keinen Bock mehr!“ werden.

Natürlich wird dem Kunden an dieser Stelle in der Anleitung empfohlen, die Türen gemeinsam mit einer zweiten Person einzuhängen. Ein Praktikant hatte sich bis dahin allerdings immer noch nicht blicken lassen und so versuchte ich es allein. Klappte auch. Allerdings ging dafür die nächste Stunde drauf. Einige Metallelemente der Schiebetür können nämlich erst nach dem Einhängen angeschraubt werden. Von innen. Dort, wo ich bereits Böden und Schubladen eingebaut hatte, die jetzt allerdings im Weg waren, wenn ich den Akkuschrauber ansetzen wollte. Ich bekomme allein schon vom zurückerinnern wieder Herzrasen!

Und schließlich fehlte nur noch eine einzige Leiste. Eine, die eigentlich nur Dekorations- und Verblendungscharakter besaß. Doch wie das immer so ist mit Dingen, die einfach nur gut aussehen, brachte diese Leiste mein Nervenfass endgültig zum Überlaufen. Diese Leiste war der absolute Endgegner unter den Endgegnern im letzten Level. Kurz nachdem man die Prinzessin gerettet hat und eigentlich schon wieder auf dem Weg hinaus aus dem Schloss ist und sich dann einem noch ein besonders fieses Schleimmonster in den Weg stellt. Man ist eigentlich am Ende seiner Kräfte und kann gerade so die Prinzessin im Arm halten, doch man muss nochmal das Schwert ziehen und kämpfen. So war diese Leiste. Sie musste nämlich ebenfalls von innen befestigt werden! Idealerweise von einem kleinen Zwerg, der sich auf die Einlegeböden im Schrank setzt und mit seinem kleinen Zauberschrauber die noch kleineren Kackschrauben von innen festzieht. Doch ich bin leider nur der dicke Mönch aus dem Weinkeller, der die Mistschrauben mehr schlecht als recht und krumm und schief und alles andere als fest versenken konnte.

Gelaufen bin ich an diesem Tag übrigens nicht mehr. Und die nächsten Tage auch nicht. Ich hatte durch die ganzen Verrenkungen nämlich mit einem Muskelkater zu kämpfen, den ich das letzte Mal vor 25 Jahren nach einer Trainingseinheit Taekwondo erlebt habe. Natürlich sieht die Schiebetür jetzt gut aus, so, wie sie da hängt. Ich hasse sie trotzdem. Leider haben wir noch einen weiteren Schrank, der mit Schiebetüren ausgestattet werden muss. Bevor ich das jedoch in Angriff nehme, mache ich erst mal ein dreiwöchiges Trainingslager in Schweden. Inklusive Yoga und autogenen Entspannungsübungen.

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7 Gedanken zu “64 Schrauben (7:00)

  1. Pingback: Ein Jahr mit Krebs (10:30) | Der neue Stefan

  2. Pingback: Plötzlich 30er-Zone: Was sich mit dem Umzug ins eigene Haus ändert (7:00) | Der neue Stefan

  3. Ein wirklich toller Beitrag – ich fühle richtig mit dir 😄 Mit Ikea Möbeln hatte ich bis jetzt auch immer viel Spaß. Besonders blöd habe ich auch geguckt, als ich bei meinem neuen Schreibtischstuhl nur zwei der eigentlich vorgesehenen 4 Schrauben montieren konnte, weil Unter- und Oberteil praktisch einfach nicht so zusammengepasst haben, wie sie es in der Theorie sollten 😄

    Liebe Grüße
    Stephi von http://stephisstories.de

    Gefällt 1 Person

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