Plötzlich Haus mit Garten (5:15)

Das Telefon klingelte an einem dieser Vormittage, an denen ich eigentlich nichts Böses ahnte. Der Tag hatte ganz normal mit Sonnenaufgang, Toilette und Frühstück begonnen. Zur Verdauung sonnte ich mich anschließend auf dem Sofa im Schein der Tageszeitung.

Als ich gerade erfolgreich den Übergang von der Weltpolitik zum Lokalteil gemeistert hatte, schellte der Fernsprecher.

„Guten Morgen!“, freute sich jemand am anderen Ende der Leitung. „Es ist vollbracht, Sie können in ihr Haus einziehen, morgen bekommen Sie die Schlüssel!“

Ich blickte den Telefonhörer verwirrt an, konnte an seinem Gesichtsausdruck aber nicht erkennen, ob die ganze Sache ein schlechter Scherz war. Wovon redete der Mann dort im Telefon?

Ich ließ mich auf das Spiel ein und antwortete: „Ach, ist das schön! Wir freuen uns! Bis morgen.“

Meinem schauspielerischen Talent war es zu verdanken, dass man mir die vorgetäuschte Freude nicht anmerkte.

Nachdem ich aufgelegt hatte, fragte ich meine Frau, ob sie in letzter Zeit irgendwo ein Haus bestellt hätte. Im Internet vielleicht. Passiert ja schnell, dass man so ganz unverbindlich auf irgendwelchen Shoppingseiten stöbert, ein paar Sachen im Warenkorb speichert und am Ende aus Versehen auf „kaufen“ klickt. Wäre ja aber auch nicht so das Problem, schließlich gibt es ja das Rückgaberecht.

Meine Frau war sich keiner Schuld bewusst und so grübelten wir weiter.

„Hatten wir da nicht einmal einen Besichtigungstermin oder so was ähnliches? So vor ein, zwei Jahren oder so?“, fragte ich sie.

„Stimmt!“, rief sie aufgeregt. „Und bei der Bank waren wir doch auch! Und beim Notar! Weißt du noch? Die vielen Unterschriften?“

Natürlich wusste ich noch. Aber das war doch alles schon eine Ewigkeit her. Nach dem Termin beim Notar, bei dem wir tatsächlich den Kaufvertrag für ein Haus unterschrieben hatten, hatten wir wochenlang nichts gehört, was Schlüsselübergabe und Einzugstermin anging. Wir hatten, glaube ich, noch ein-, zweimal nachgefragt, waren aber jedes Mal auf später vertröstet worden. Irgendwann hatten wir die ganze Angelegenheit vergessen.

Erst letzten Monat hatte ich mir eine Woche Urlaub genommen, um unsere Zwei-Zimmer-Dachgeschosswohnung zu renovieren. Die Wände gestrichen hatte ich. Jedes Zimmer in einer anderen Farbe. Neue Deckenlampen hatte ich montiert, ebenso eine neue Schrankwand und ein Sicherheitssystem für die Wohnungstür. Dazu komplett neue Fliesen im Badezimmer und in der Küche, ein Dach über dem Balkon, ein Durchbruch zwischen Küche und Wohnzimmer – nichts Großes also.

Schließlich dachten wir, dass sich das mit dem Haus erledigt hätte, also wollten wir es wenigstens in unserer kleinen Wohnung schön haben. Und jetzt das! Ein Haus! Wo sollten wir denn damit hin?

Im vergangenen Sommer hatten wir unsere ganzen Ersparnisse außerdem für einen USA-Urlaub rausgehauen. Bei der Finanzierung für ein Haus sollte man ja eigentlich mit möglichst viel Eigenkapital starten, doch als wir nach der Kaufvertragsunterzeichnung mit unseren Anrufen bei der Bank und beim Notar immer wieder abgeblitzt waren, hatten wir das Ganze schließlich als Versehen abgespeichert. Die angesparte Kohle wollten wir trotzdem für etwas Schönes ausgeben, also flogen wir in der Business-Class nach New York und starteten von dort eine vierwöchige Rundreise durch alle Großstädte der USA. Wir besuchten Washington, Boston, Chicago, New Orleans, Seattle, San Francisco, Las Vegas und Los Angeles. Am Ende waren wir blank, aber überglücklich. Und jetzt sollten wir plötzlich ein Haus bezahlen, das obendrein noch renoviert werden musste? Wie sollten wir das denn schaffen?

„Kommen wir da irgendwie wieder raus?“, fragte ich meine Frau.

„Ich glaube nicht“, sagte sie, während sie ein Schluchzen unterdrückte. „Du weißt doch, der Vertrag…“

Mist, dachte ich und starrte wütend an die Decke. Gibt es da keine Verjährungsfrist? Alle Strohhalme, an die ich mich klammerte, brachen nach kurzer Zeit wieder ab und ich knallte mit meinen Sorgen zurück auf den Boden der Rechtsgrundlage.

Plötzlich schoss mir ein Blitz durch die Kommandozentrale und ich strahlte meine Frau mit solch großen Augen an, dass sie im ersten Moment dachte, ich hätte gleichzeitig Durchfall, einen Orgasmus und einen Schlaganfall.

Doch es war nichts dergleichen. Ich hatte die Lösung!

„Schatz!“, sagte ich. „Wir müssen doch noch renovieren. RENOVIEREN! Verstehst Du? Mit Handwerkern Termine vereinbaren und Kostenvoranschläge durchgehen. Fliesen und Parkett aussuchen. Möbel kaufen. Tapezieren. Eine Terrasse bauen. Fenster und Türen austauschen. Und… und… Weißt du was das heißt?“

Sie wusste.

„Ja!“, rief sie. „Das dauert ewig! Mindestens nochmal zwei Jahre! Da können wir bei der Finanzierung kleckerweise noch ganz schön viel Zeit rausschlagen!“

Genauso hatte ich mir das gedacht.

Am nächsten Tag bekamen wir die Schlüssel für unser Haus. Vor Ort konnte ich mich nicht daran erinnern, es jemals zuvor gesehen zu haben. Aber unter dem zwei Jahre alten Kaufvertrag für das Objekt mit dieser Adresse stand meine Unterschrift. Musste also seine Richtigkeit haben. Je länger ich mir das stark renovierungsbedürftige Haus anschaute, desto besser gefiel es mir. Ich war schließlich ein Mann mit viel Fantasie. Und an die extravagante Lage zwischen Autobahn, Flughafen und Atomkraftwerk hatten wir uns auch bald gewöhnt.

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10 Gedanken zu “Plötzlich Haus mit Garten (5:15)

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  7. Ich weiß, das geht am Kern der Sache vorbei, aber war dieser orgasmische Herzkasperblick beim Diarrhoeieren ähnlich dem im Headerbild?? Nur so, damit ich mir das mal vorstellen kann :D (Wobei ich nicht sicher weiß, ob ich das will…..)
    Glückwunsch zum „Neuerwerb“, unverhofft kommt oft und [hier bitte weitere Kalenderweisheiten nach Wahl eintragen] … *Brot und Salz rüberschieb*

    Gefällt 1 Person

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