Kinder, Kinder, Haus, Krebs, Kunst – Mein 2016 (10:30)

Ach ja, der Blogger-Jahresrückblick. Ich wollte so etwas eigentlich nie schreiben, denn noch vor kurzem war ich der Meinung, dass ich dafür nicht genug Gewichtiges zu erzählen hätte. So wie die meisten Blogger. Die dann aber trotzdem einen schreiben mit Themen wie „Mein Lieblingsoutfit des Jahres“ oder „Wie ich endlich in meinem Leben angekommen bin“ oder „Ich musste dieses Jahr kaum noch an meinen Ex denken“. Ich habe in diesem Jahr allerdings viel zu erzählen. Leider, muss ich sagen, denn ich habe in diesem Jahr so viel erlebt, dass es eigentlich für fünf Jahre reichen würde. 2016 fühlte sich für mich streckenweise wie eine Seifenoper an, wo hier ein Haus gekauft wird, dort einer Krebs bekommt, einer einen Preis gewinnt und der andere Onkel wird. Bei mir vereinen sich alle diese Ereignisse auf mich allein. Ich bin 2016 gewissermaßen mein eigener kleiner Marienhof gewesen.

Der neue Stefan Jahresrückblick 2016

Kinder, Kinder, Kinder

Ich habe in diesem Jahr so viele Glückwunschkarten zur Geburt schreiben und Neugeborenengeschenke suchen müssen, wie noch nie, denn in meinem näheren Umfeld sind 2016 unfassbare 17 Kinder geboren worden. Fünf davon allein bei meinen Arbeitskollegen. Mein persönlicher Höhepunkt war natürlich die Geburt meines Neffen. Das allein hätte mir ja schon gereicht, doch nahezu der gesamte Freundeskreis hatte sich entschieden, in diesem Jahr ebenfalls Nachwuchs auf die Welt zu bringen. Und da war wirklich alles dabei. Jungen wurden geboren, sogar ein paar Mädchen (irre!). Es gab Zwillinge, Frühgeburten, Kaiserschnitte, eheliche und uneheliche Kinder, Affären führten zu alleinerziehenden Verhältnissen und, und, und. Es gab Kinder mit Migrationshintergrund und sogar einige mit Kopulationshintergrund. Von Januar bis Dezember war hier in Sachen „Next Generation“ einiges los.

2011 war mit sechs Hochzeiten in meinem Freundeskreis lange Zeit eines der aufregendsten Jahre, allein schon, weil eine dieser Hochzeiten in Indonesien stattfand und wir mit gut 40 Freunden aus Deutschland extra dort anreisten. 2016 geht nun also als bislang kinderreichstes Jahr in die Geschichte meiner Erlebnisse ein. Und wer weiß: Vielleicht ist unter so vielen Neuankömmlingen auf der Erde der nächste David Bowie oder die nächste Carrie Fisher dabei.

Langeweile? Kauft euch ein Haus!

Mitte 2015 waren meine Frau und ich uns noch sicher: „2016 wird sicherlich ein langweiliges Kackjahr, lass doch mal ein bisschen Stress einschieben.“ Gesagt, getan und so legten wir uns kurzerhand ein Haus zu. Und der Plan war ein voller Erfolg. Das ganze Stressausmaß mit Immobiliensuche, Finanzierung, Verhandlung und Hauskauf war immens, doch wir hatten es ja so gewollt. Schließlich entschieden wir uns für ein Objekt, leisteten unzählige Unterschriften bei Banken und Notaren und hielten Anfang 2016 endlich den Schlüssel für unser Eigenheim in Händen. Da es sich dabei um Second-Hand-Ware handelte, gut erhalten aber dennoch renovierungsbedürftig, war einiges an Aufwand nötig, um aus der verwohnten 50er-Jahre-Bude ein modernes Einfamilienhaus zu zaubern.

Abrissarbeiten und Bauphase dauerten gut sechs Monate, in denen wir uns über gute Handwerker freuten und über schlechte ärgerten. Familie und Freunde standen uns zur Seite, entweder mit Bohrhammer und Kreissäge oder mit Kaffee und Mettbrötchen. Vor allem in der zweiten Hälfte der Renovierungsphase, in der ich krankheitsbedingt ausfiel (siehe nächster Absatz), konnten wir uns auf die Fähigkeiten und den Sachverstand in unserem Umfeld verlassen. Im Herbst sind wir schließlich eingezogen, wieder mit tatkräftiger Unterstützung vieler Freunde. Wir haben jetzt ein Haus. Krass, oder? 30er-Zone statt Bundesstraße vor der Tür ist zwar immer noch etwas ungewohnt, aber das wird.

Krebs. Ja, Krebs.

„Was soll denn der Scheiß jetzt?!“, dachte ich im Sommer, nachdem ich meine Krebsdiagnose bekam. Damit hatte ich wirklich nicht gerechnet, zumal ich von dieser Form des Krebses noch nie etwas gehört hatte. Und ich hatte wirklich besseres zu tun, als mich acht Wochen krank schreiben und zweimal operieren zu lassen und insgesamt 25 Tage im Krankenhaus zu liegen. Doch da musste ich jetzt durch. Und es verlief glücklicherweise alles gut, sodass ich mich jetzt nicht mehr mit der Krankheit, sondern nur noch mit der Heilung der Wunden beschäftigen muss. Zur Katastrophe am Haus ist es auch nicht gekommen. Mit selbstständiger Arbeit hätte ich in die Bauphase sowieso nicht mehr eingreifen können und bei der Koordinierung der Handwerker und Baufirmen hatte meine Frau bereits hervorragende Arbeit geleistet, als ich noch gesund war. Dass sich auf nur 1,60 Meter Körpergröße so viel Organisationstalent verteilen lässt, hätte ich nie für möglich gehalten. Ohne diesen Rückhalt wäre die Bewältigung meiner Krankheitsphase nicht so gut verlaufen.

Für schlimme Erlebnisse gibt es natürlich nie den richtigen Zeitpunkt, doch bei genauerem Hinsehen war die Zeit für diese Erkrankung gar nicht so schlecht. Wäre ich davon einige Jahre eher getroffen worden, als ich noch freiberuflich unterwegs war, wäre ich wahrscheinlich ziemlich schnell in finanzielle Engpässe geraten. Hätte mich das ganze erst mit 60 Jahren oder später erwischt, wären die Heilungschancen sicherlich schlechter gewesen. Und die Ärzte hätten sich bei der optischen Wiederherstellung des betroffenen Organs wahrscheinlich auch weniger Mühe gegeben. „Es gibt für alles seine Zeit“, „Das Leben geht weiter“ und „Shit happens“. Im Krankenhaus hat mich die Liedzeile „Shit that doesn’t kill you makes you strong“ aufgebaut (Welcher Song? Wer weiß es?). Meine Krebserfahrung hat mich nachhaltig geprägt und wird mich sicherlich noch lange Zeit begleiten.

Der neue Stefan und die Kunst

Es war ja nicht alles schlecht damals! Stimmt. Richtig scheiße war eigentlich nur der Krebs. Das Haus war zwischendurch etwas anstrengend, doch das Ergebnis kann sich echt sehen lassen. Und richtig nach vorne ging es für mich in diesem Jahr auf kultureller Ebene. Im Frühjahr habe ich zum ersten Mal an einem Poetry-Slam teilgenommen. Meine Beiträge kann ja jeder still und heimlich für sich auf meinem Blog nachlesen. Doch ich finde, dass einige Geschichten auch mal laut auf einer Bühne vorgetragen werden können. Und das habe ich beim Celler Poetry-Slam „Angeprangert“ getan. Ich bekam Applaus und einige Punkte, wurde nicht Erster, aber auch nicht Letzter. Ich habe unter den Scheinwerfern auf der Bühne geschwitzt, viele neue tolle Menschen kennengelernt, zwei Bier umsonst bekommen und am Siegerschnaps nippen dürfen. Für mich ein voller Erfolg! 2017 geht es damit auf jeden Fall weiter.

Außerdem habe ich in diesem Jahr die Seppo-Blogauszeichnung gewonnen und darf mir jetzt den goldenen Seppo auf den Kaminsims stellen. Obwohl eindeutig als Spaßveranstaltung gekennzeichnet, habe ich mich sehr darüber gefreut, zumal es eines der ersten positiven Erlebnisse nach meinem Krankenhausaufenthalt war. Mitleidspunkte habe ich aber keineswegs bekommen, wie mir Seppo persönlich versicherte, denn die Entscheidung sei gefallen, bevor ich meine Krankheitsgeschichte öffentlich gemacht habe. Das freut mich um so mehr. Bin ich jetzt eigentlich automatisch für die Endrunde im kommenden Jahr qualifiziert oder muss ich da auch wieder von vorn anfangen? Muss ich mal fragen.

Und sonst?

Natürlich ist 2016 noch viel mehr passiert. Bei meiner Mutter beispielsweise ist eingebrochen worden. Auch so eine Sache, die eigentlich nur anderen passiert. Gestohlen wurde glücklicherweise nichts und die Kellertür ist danach mit allem möglichen Sicherheits-Schnickschnack aufgemotzt worden. Ist also auch gut gegangen. Krankenhausgeschichten gibt es aus meinem Bekanntenkreis auch genug zu erzählen. Nierensteine, Herz-OP, beim Joggen mit Radfahrer kollidiert und Arm gebrochen – Scheiße passiert eben.

Außerdem sind nicht nur Menschen auf die Welt gekommen, sondern leider auch von uns gegangen. Und nicht nur prominente Musiker, Schauspieler und Politiker, sondern auch Menschen in meinem näheren Umfeld. Doch leider verblasst der Schmerz der anderen irgendwann vor dem eigenen Schmerz. Vieles habe ich wahrscheinlich gar nicht mitbekommen, weil ich mich in diesem Jahr so intensiv um mich selbst kümmern musste. Vielleicht geht es den anderen ja ähnlich. Und vielleicht freue ich mich gerade deswegen so sehr auf 2017, wenn ich den nächsten Poetry-Slam angehe, wieder Geburtstag und Weihnachten feiere, wieder Zehn-Kilometer-Läufe unternehme, Dienstreisen und Betriebsausflüge mache und unser Haus mit dem großen Garten genieße. Außer Rasen mähen und Laub harken ist dort nämlich noch nicht so viel passiert. Als nächstes muss ich unbedingt… Ach, wartet doch einfach ab, bis ich darüber schreibe, denn das wird 2017 auf jeden Fall auch weitergehen. Frohes neues Jahr!

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6 Gedanken zu “Kinder, Kinder, Haus, Krebs, Kunst – Mein 2016 (10:30)

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