Po… ähh… Tree? (4:45)

Das ist also dieses „Backstage“, von dem alle immer erzählen. Ein zerschlissenes Sofa mit blauem Stoffüberzug, davor ein alter Couchtisch mit einer leeren Bierflasche und einer angefangenen Packung Kekse darauf. Das Licht ist schummrig. Die Stehlampe hat auch schon bessere Zeiten gesehen und schafft es nicht, den Raum in ein ausreichend helles Ambiente zu hüllen.

Ich hocke auf der Armlehne des Sofas. Der Dreisitzer sowie der Stuhl in der Ecke der Künstlergarderobe müssen für die acht Personen reichen, die heute beim Poetry-Slam auftreten. Mittlerweile sind alle Teilnehmer da. Einige stehen. Konzentriertes Gemurmel erfüllt den Raum. Die meisten Slammer gehen leise ihre Texte durch.

Sie wirken ruhig und routiniert. Für mich ist es dagegen das erste Mal, dass ich bei einem Poetry-Slam auf der Bühne stehe. Und ich weiß noch nicht, wohin mit meiner Aufregung.

Bis vor kurzem bin ich mir gar nicht sicher gewesen, ob ein Poetry-Slam das Richtige für mich ist. Ich hatte die Befürchtung, dass meine Texte zu solch einer Veranstaltung nicht passen würden. Doch dann besuchte ich einfach mal einen und war überrascht von der textlichen Vielfalt, die dort dargeboten wurde. Ich hörte längst nicht nur Lyrik, sondern auch Prosa, teilweise mit einem Hauch Comedy versehen. Perfekt, dachte ich.

Und jetzt sitze ich hier und warte auf meinen Auftritt. Ich versuche, locker und entspannt auszusehen. Dabei schlägt mir das Herz bis zum Hals.

Es ist nicht das erste Mal, dass ich auf einer Bühne stehe und vor vielen Menschen rede. Auch in ein Mikro zu sprechen, ist mir nicht neu. Doch das hier ist keine private Hochzeitsfeier oder eine Radiosendung. Das ist richtige Unterhaltung. Die Menschen dort draußen haben bezahlt und erwarten etwas dafür. Etwas Gutes. Und ich selbst erwarte auch etwas Gutes.

Bei meiner Ankunft vorhin bin ich gefragt worden, wie der Moderator mich ankündigen soll. Auch das noch! Ich sage, dass ich so etwas zum ersten Mal mache. Der Moderator findet das gut, ein anderer Slam-Teilnehmer allerdings nicht. Ich schlage vor, meinen Blog zu erwähnen, damit die Leute nicht einen lupenreinen Poetry-Slammer erwarten. Dem Moderator wird schon irgendwas einfallen, denke ich. Ist ja sein Job.

Die Reihenfolge der Auftritte wird ausgelost. Ich bin erst in der zweiten Hälfte des Abends nach der Pause an der Reihe. Viel Zeit, um meine Aufregung zu pflegen. Habe ich den richtigen Text ausgewählt? Soll ich lieber einen anderen nehmen? Was sage ich, bevor ich beginne? Sage ich überhaupt etwas?

Ich hole mir ein Bier, ein großes, und setze mich in den hinteren Bereich des Zuschauerraumes, wo alle Teilnehmer auf ihren Auftritt warten. Der Saal ist ausverkauft. Alle 100 Plätze waren bereits kurz nach dem Einlass besetzt. Dass sich in meiner kleinen Stadt so viele Menschen für Poetry-Slams interessieren, hätte ich nicht gedacht.

Die Stimmung ist gut. Auch auf der Bühne. Die Konkurrenz ist stark. Obwohl hier von Konkurrenzdruck nichts zu spüren ist. „Respect the Poet“ ist eine goldene Regel. Die Mitstreiter fiebern mit, motivieren sich gegenseitig und klatschen jedem Teilnehmer beherzt Beifall. Viele kennen sich bereits von anderen Veranstaltungen. Einige sind sich vorhin bei der Begrüßung vor Freude um den Hals gefallen. Die Szene der Poetry-Slammer, zu der ich jetzt wohl auch gehöre, ist eine eingeschworene, lebenslustige, kreative und sympathische Gemeinschaft.

Nach vier Vorträgen folgt die Pause. Für mich eine letzte Galgenfrist. Nach der Unterbrechung ist zunächst eine junge Frau dran, anschließend soll ich angekündigt werden.

Ich bleibe bei meinem Text. Ich habe ihn geprobt und jetzt soll er auch seine Chance bekommen. Probieren geht über Studieren, Lehrjahre sind keine Herrenjahre und wer nicht wagt… ihr wisst Bescheid.

Ich falte meinen Text, stecke ihn in die Hosentasche und setze mich wieder in den hinteren Bereich des Zuschauerraums. Soll ich mich vorstellen? Nee, das macht doch der Moderator schon. Einfach so anfangen? Finde ich auch komisch. Ich könnte einen Rockstarauftritt hinlegen, bei dem ich ständig den Namen der Stadt schreie und wie toll das ist, dass alle da sind und dass ich die Leute alle liebe. Doch das passt nicht so ganz zur Veranstaltung. „Na, wie geht’s? Seid ihr gut drauf?“ ist dagegen ein bisschen zu lahm, oder?

Ich könnte auch… Ach Gott, jetzt kommt Applaus! Die Teilnehmerin vor mir verlässt die Bühne! Der Moderator ergreift das Wort und kündigt mich an! Ich höre meinen Namen und stolpere wie in Trance ins Scheinwerferlicht. Ich blicke Richtung Publikum, doch die Lampen sind so hell hier oben, dass ich keine Gesichter ausmachen kann. Ich spreche ins Nichts.

„Hallo Nachbarn!“, sage ich.

Applaus, herzhaftes Lachen, einige heben ihr Bier und prosten mir zu. Das ist meine Stadt!

Ich beginne. Und finde mich eigentlich ganz gut.

So etwas könnte ich jeden Tag machen.

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5 Gedanken zu “Po… ähh… Tree? (4:45)

  1. Pingback: Kinder, Kinder, Haus, Krebs, Kunst – Mein 2016 (10:30) | Der neue Stefan

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