Ohne Fernsehen am Arsch der Welt (5:00)

Als sie ihre Schuhe auszog, war die Sache für mich erledigt. Ich stand auf und verließ den Saal. Als sie sich vor wenigen Minuten geräuschvoll neben mich setzte, da ahnte ich bereits, dass ich es nicht bis zum Ende des Films würde aushalten können.

Die Dame hatte sich dermaßen schnaufend und keuchend in den Sitz neben mich fallen lassen, als hätte sie auf dem Weg hierher einen Dauerlauf durch das Treppenhaus absolviert. Kaum Platz genommen, richtete sie sich auf ihrem Stuhl häuslich ein. Der Sitz auf der anderen Seite neben ihr wurde in Windeseile mit Proviant gefüllt. Neben einer großen Saftflasche platzierte sie ein paar Tupperdosen, eine Tüte mit Süßigkeiten sowie mehrere in Folie eingewickelte Brote.

Der Vorgang des Auspackens schien die Dame körperlich erneut zu beanspruchen. Am Ende war sie wieder schwer außer Atem und ihr standen die Schweißperlen auf der Stirn. Kurz darauf präsentierte sie mir den Grund für ihren rasselnden Atem. Sie zückte ein Taschentuch und schleimte genüsslich dort hinein. Offenbar war ich an eine prall gefüllte Virenschleuder geraten. Ich konnte mich gar nicht weit genug von ihr abwenden.

Den Platz zu wechseln, kam für mich aber nicht in Frage. Ich saß in der hintersten Reihe des Raumes und konnte meine Füße auf dem Stuhl vor mir ablegen. Das war sehr bequem und störte hier hinten keinen, zumal es sich die gesamte Sitzreihe auf diese Weise gemütlich machte. Noch wog die Bequemlichkeit schwerer als die Belästigung durch das Rascheln, Keuchen und Schnäuzen.

Der Film begann. Er war ganz ok. Ein schwedisches Werk über einen Stardirigenten, der nach einem Zusammenbruch auf der Bühne in sein Heimatdorf zurückkehrt und dort die Leitung des örtlichen Kirchenchors übernimmt.

Die Besucherin neben mir hatte nur darauf gewartet, dass der Film startete. Kaum war das Licht gelöscht, machte sie sich über ihren Proviant her. Die Leberwurstbrote konnte ich nur riechen, die Gurken und Radieschen aus den Tupperdosen dagegen umso besser hören. Zwischendurch fuhr ihre Hand immer wieder raschelnd in die Süßigkeitentüte. Und mit einem genüsslich geschmatzten Schluck aus der Saftflasche spülte sie alles hinunter.

Anschließend ging die Dame zur Entspannung über. Sie zog ihre Schuhe aus und legte ihre Füße ebenfalls auf den Stuhl vor sich. Der Geruch von Wurstbrot vermischte sich mit dem von Käsefuß und umwehte nun meine Nase. Ich konnte kaum an mich halten. Als sie dann auch noch das nächste Taschentuch füllte, war es für mich vorbei. Ich stand auf, schlich zur Tür und trat vor den Saal auf den hellen Flur. Der Dirigent musste jetzt ohne mich klarkommen.

Einen Moment lang genoss ich die Stille und den neutralen Geruch. Ich atmete tief durch. Was sollte ich jetzt mit dem angebrochenen Abend anfangen?

Eigentlich war der Kinoabend nur als Notlösung gedacht. Seit gut drei Wochen befand ich mich hier in dieser Reha-Klinik im Harz und ich hatte von Muße beim Thai Chi über Wassergymnastik bis hin zu weiteren nervenden Mitinsassen schon einiges erlebt. Heute hatte es so heftig geschneit, dass der Fernsehempfang ausgefallen war. Sich im Internet die Zeit zu vertreiben, war leider keine Alternative. Der Handyempfang war hier draußen ebenfalls mehr als bescheiden und die teuren Extragebühren für das WLAN zu bezahlen, sah ich nicht ein. Es blieb mir also nur die Kinovorstellung im Veranstaltungssaal. Doch die hatte sich ja jetzt auch erledigt.

Ich ging zurück in mein Zimmer und versuchte es noch einmal mit dem Fernseher. Statt Borussia Dortmund in der Champions-League konnte ich allerdings nur schwarze Klaviertasten bei Nacht beobachten. Da tat sich gar nichts, da half auch kein Fluchen.

Wie viel Zeit und Ruhe plötzlich da ist, wenn das Fernsehen nicht geht. Irgendwie komisch.

Ich nahm mein Smartphone zur Hand und startete die Radio-App. Nach dem dritten Mal „Und wenn sie tanzt, ist sie woanders“ hatte ich davon aber auch genug und ich wechselte zu einer Folge der drei Fragezeichen, in der Justus, Peter und Bob das Geheimnis um eine Entführung und mehrere damit verbundene sprechende Puppen lösen mussten.

Nachdem alle Unholde verhaftet waren, schaute ich auf die Uhr. Halb 10. Noch viel zu früh, um ins Bett zu gehen. Ich setzte mich an den Schreibtisch und startete meinen Laptop. Den Abend konnte ich jetzt nur noch mit etwas Sinnvollem zu Ende bringen. Nach kurzem Überlegen schrieb ich folgende Geschichte: „Als sie ihre Schuhe auszog, war die Sache für mich erledigt. Ich stand auf und verließ den Saal. Als sie sich vor wenigen Minuten geräuschvoll neben mich setzte, da ahnte ich bereits, dass ich es nicht bis zum Ende des Films würde aushalten können…“

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