Kale, Cremant und Kichererbsen – Eine Weihnachtsfeier (6:00)

Es war drei Uhr früh an einem Donnerstagmorgen und ich stand in Hamburg auf der Großen Freiheit. Was war passiert? War ich noch Student im Jahr 2005, als mir die Wochentage für meine Partynächte egal waren? Oder hatten wir 2017 und ich hatte soeben die Weihnachtsfeier meiner Firma verlassen? Richtig war Letzteres. Wir hatten Weihnachtsfeier und nach neun Stunden hatte ich genug. Die Party lief zwar immer noch, nachdem sie aus einem Restaurant etwas außerhalb in die Karaokebar „Thai-Oase“ an der Großen Freiheit verlegt worden war. Doch ich wollte noch etwas schlafen, bevor ich sechs oder sagen wir mal lieber sieben Stunden später wieder am Schreibtisch sitzen und kreativ sein musste.

Die Weihnachtsfeier ist neben dem alljährlichen Betriebsausflug eines meiner Highlights bei der Arbeit. Essen, Trinken, Party – bezahlt alles die Firma. Dieses Jahr hatte jeder schon morgens ein Wichtelgeschenk auf dem Schreibtisch und nachmittags wurde der Eierpunsch angestochen.

Dass die Weihnachtsfeier in diesem Jahr für mich mit einer kriminellen Prostituierten zu Ende gehen würde, ahnte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Der Ort für die Weihnachtsfeier wird bei uns immer bis zum letzten Moment geheim gehalten. Nach Feierabend traf sich die Belegschaft im Foyer und trottete im Gänsemarsch dem Festausschuss bis zur nächsten Bushaltestelle hinterher. Es erwies sich als ausgezeichnete Idee, einen Bus im Hamburger Feierabendverkehr auf einen Schlag mit 50 weiteren Fahrgästen zu befüllen. Leider kam in dem Fahrzeug keine richtige Partystimmung auf, weil der Festausschuss für die Anreise keine passende Beschallung eingeplant hatte.

Unser Ziel war ein Restaurant in Winterhude. Was folgte, war das bewährte Weihnachtsfeierprogramm mit Glühwein, Ente, Rippchen, Bier und Cocktails. Für die nötige Portion Extravaganz sorgten Kale, Kichererbsen und Cremant. Und natürlich die Ballermannsongs des extra eingeflogenen DJs.

Auch mein Outfit kam extrem gut an: ein mit Blinklichtern versehener Weihnachtspullover mit einem nackten Weihnachtsmann darauf. Außer mir hatte nur ein weiterer Kollege die Idee, den vorgeschriebenen Dresscode „casual chic“ mit einem „Ugly Christmas Sweater“ zu interpretieren. Kann halt nicht jeder tragen.

Auf das bewährte Weihnachtsfeierprogramm folgte schließlich die bewährte Firmentradition, den Abend in der Thai-Oase ausklingen zu lassen, einer romantischen Karaokebar auf dem Hamburger Kiez. In das Taxi dorthin stieg ich nur ein, weil ich mir von dort einen besseren Anschluss an die öffentlichen Verkehrsmittel Richtung meines Hotelzimmers erhoffte. So stolperte ich noch kurz mit in die Bar hinein, drehte eine höfliche Runde, während ich nicht einmal meine Jacke auszog und verabschiedete mich schließlich. So meine Erinnerung. Wenn ich am nächsten Tag erfahren hätte, dass ich noch ein paar Robbie-Williams-Songs gesungen habe, wäre ich allerdings nicht verwundert gewesen.

Ich war mir ziemlich sicher, an diesem Abend genug erlebt und vor allem genug getrunken zu haben. Ich registrierte nicht einmal, wer von meinen Kollegen überhaupt noch in die Bar mitgekommen war. Also stolperte ich wieder hinaus und machte mich auf den Weg zum Taxistand am Ende der Großen Freiheit.

Mitten auf der Straße wurde ich plötzlich von der Seite angesäuselt.

„Na Süßer, wie wärs mit uns Zwei?“

An die genauen Worte kann ich mich beim besten Willen nicht mehr erinnern, aber so oder so ähnlich sind diese Damen aus dem Vergnügungsgewerbe ja alle drauf.

Ich lehnte dankend ab und wollte weitergehen, doch so schnell gab die Dame nicht auf. Sie trat ganz dicht an mich heran und schien mir mit ihren Fingern einen kleinen Vorgeschmack auf ihre Fähigkeiten geben zu wollen. Kostenlose Werbung ist ja ok. Bei Netflix kann man ja auch ein paar Wochen kostenlos gucken, bevor die erste Rechnung kommt. Aber ich musste die Dame erneut entschieden zurückweisen. Sie ließ schließlich von mir ab.

Reflexartig muss ich daraufhin den Inhalt meiner Hosentaschen geprüft haben, denn ich merkte fast augenblicklich, dass ich mein Handy nicht mehr bei mir hatte. Ich drehte mich wieder um. Verschwommen konnte ich erkennen, dass die Prostituierte noch da war.

„Ähm… hast du mir gerade mein Handy abgezogen?“, fragte ich.

Wahrscheinlich hat sie mich kurz unsicher angeschaut. Erkennen konnte ich nichts mehr.

„Ja, sorry“, sagte sie dann und rückte mein Telefon wieder heraus. Ich vergewisserte mich kurz, dass es auch wirklich meins war und dass sie nicht irgendwelche Ferngespräche geführt und Passwörter ausgespäht hatte und steckte es wieder ein. Als ich den Taxistand erreichte, hatte ich den Vorfall schon wieder vergessen.

Ganz anders ein paar Stunden später. Erstaunlich schnell war ich nach dem Weckerklingeln am Morgen wieder auf den Beinen. Der Handyvorfall kam mir direkt wieder in den Sinn. So betrunken scheine ich gar nicht gewesen zu sein, wenn ich das noch gemerkt habe. Fragt sich nur, wo die üblen Kopfschmerzen, das Sodbrennen, der rebellierende Darm und das Schwindelgefühl herkamen. Wahrscheinlich war eine der Kichererbsen nicht gut.

Der Tag nach der Weihnachtsfeier war sehr ruhig im Büro. Ein paar Gestalten schlichen langsam durch die Flure und durchs Treppenhaus. Für diesen Tag die Maler zu bestellen, war keine gute Idee gewesen. Viele Kollegen hatten nach Feierabend weiße Flecken auf den Klamotten oder auf der Stirn, weil sie beim verkaterten Weg durchs Treppenhaus immer wieder gegen die frisch gestrichene Wand torkelten. Ich bin an diesem Tag nur Fahrstuhl gefahren.

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