Tod eines Bahnreisenden (8:00)

„Do more things that make you happy!“ – Diese Lebensweisheit ist mir in letzter Zeit von mehreren Seiten zugetragen worden, vor allem zum Jahreswechsel. Neue Vorsätze und so. Konzentriere dich aufs Glücklichsein und trenne dich von Dingen, die dir schaden. Etwas abgedroschen, doch durchaus von Wahrheit durchdrungen. So habe auch ich mir mit dem Wechsel der Jahreszahlen ein Herz gefasst und mich von einem Ding getrennt, das mich in letzter Zeit gar nicht mehr glücklich gemacht hat: dem Berufspendeln mit der Bahn.

Durch eine Änderung in meinem Arbeitsverhältnis ist es mir nun endlich möglich, auf das tägliche Bahnfahren nach Hamburg und zurück zu verzichten. Am Anfang verspürte ich noch keine große Veränderung meiner Gemütslage, ähnelte der Zustand des Nichtpendelns doch eher einem Urlaub. Doch so langsam entspanne ich mich wieder. Die Bahn-App auf meinem Handy habe ich nun schon einige Zeit nicht mehr öffnen müssen und auch die Verkehrsmeldungen auf entsprechenden Facebookseiten habe ich abbestellt. Wettervorhersagen mit Sturm und Schnee lassen meinen Puls jetzt nicht mehr hochfahren. Und ich kann mir sicher sein, dass ich jeden Abend trocken und warm auf dem heimischen Sofa verbringen kann.

Tschüss Deutsche Bahn: Einige Dinge sind nun nicht mehr Teil meines Alltags. An erster Stelle steht die Deutsche Bahn. Sie werde ich nicht vermissen. Dieses Unternehmen gibt sich wahrscheinlich mehr Mühe als wir denken, um seine Kunden pünktlich ans Ziel zu bringen, doch leider hat es einen großen Anteil daran, dass mir mein täglicher Weg nach Hamburg schon bald keinen Spaß mehr gemacht hat. Zu Anfang war ich noch voller Euphorie und Hingabe für den neuen Job. Der Sommer stand vor der Tür und mit den ersten Verspätungen zum Feierabend kam ich gut klar. Doch leider blieb der verhunzte Feierabend keine Ausnahme, sondern wurde zur Regel. Das kann ich nach fast vier Jahren Berufspendeln ohne Übertreibung sagen. Hin und wieder eine kleine Verspätung kann ich verschmerzen. Doch exakt an den Tagen, an denen ich nach Feierabend gut gelaunt zum Bahnhof spazierte, weil schon seit gut drei Wochen keine Verspätung mehr aufgetaucht war, schlug das Schicksal erbarmungslos zu und ließ mich gleich eine ganze Stunde lang auf dem zugigen Bahnsteig auf meinen Feierabend warten.

Wiederholt musste ich Umwege über Rothenburg und Hannover in Kauf nehmen, um nach Hause zu kommen. Der Gipfel waren schließlich zwei ungeplante Übernachtungen in Hamburg, weil aufgrund einer Komplettsperrung bis zum nächsten Morgen gar keine Züge mehr fuhren. Das erste dieser Vorkommnisse ereignete sich kurz nach meiner Krebserfahrung, als ich gerade wieder angefangen hatte zu arbeiten. Noch etwas unsicher auf den Beinen musste ich durch die Stadt eilen und mich um Hotelzimmer, Zahnbürste und frische Kleidung für den nächsten Tag kümmern. Irgendwann habe ich bestimmt mal wieder eine etwas differenzierte Einstellung zur Deutschen Bahn, doch für den Moment bin ich sehr froh darüber, dass ich sie los bin.

Tschüss Hamburg: Im Gegensatz zur Deutschen Bahn wird die Hansestadt Hamburg für immer einen Platz in meinem Herzen behalten. Daran kann auch diese Pendlererfahrung nichts ändern. Hamburg hat mich zum ersten Mal vor 18 Jahren mit offenen Armen empfangen und mir eine unvergessliche Zeit an der Uni, im Studentenwohnheim und auf dem Kiez beschert. Hätte ich Hamburg nicht schon vorher in mein Herz geschlossen, hätte ich den Job vor vier Jahren dort vielleicht gar nicht erst an- und das Pendeln mit der Bahn auf mich genommen. Doch die Stadt war mir vertraut. Eine Sorge weniger.

Mein täglicher Fußweg vom Hamburger Hauptbahnhof ins Büro führte mich jedoch an Orte, die ich bis dahin noch nicht kannte: den Stadtteil St. Georg. Dieses Viertel ist wahrlich bemerkenswert. Zwischen Steindamm und Alster wechselt die Atmosphäre mit jeder Nebenstraße. Angefangen bei den Obsthändlern gegenüber der Polizeistation Nr. 11 geht es über Drogenszene, Säuferszene, Straßenprostitution und Schwulenbars vorbei an Hotels, Schulen und Kindergärten, dann über die hippe Lange Reihe mit einem preisgekrönten Supermarkt bis zum maritimen Naherholungsgebiet an der Alster. Und das in gerade einmal zehn Minuten.

Meine tägliche Herausforderung war der Hansaplatz, den ich morgens und abends jeweils einmal überqueren musste. Vorbei an den Kellerkneipen, aus denen morgens um 9 Uhr laute Schlager schallten, fragte ich mich am Anfang, ob dort immer noch oder schon wieder gefeiert würde. Wahrscheinlich beides. Nachtschwärmer auf dem Weg nach Hause vermischten sich mit Touristen, die nach dem Frühstück vor die Hoteltür traten, um die Stadt zu erkunden. Nebenan betraten Mütter mit Kinderwagen die Straße. Dazwischen mischten sich Straßenreinigung, Bierlieferanten, Handwerker und Postboten.

Den Weg abends nach Feierabend über den Hansaplatz habe ich in Gedanken oft als Nuttenslalom bezeichnet. An jeder Ecke standen leichte Damen, die mir ein „Hallo Süßer“ entgegenhauchten, sobald ich auch nur einen Sekundenbruchteil in ihre Richtung blickte. Männer dufte ich auch nicht allzu lange anblicken, da viele von ihnen mir dann mit einem verschwörerischen Blick zu verstehen gaben, dass sie Drogen anzubieten hatten. Dazu kamen viel Polizei, regelmäßig Krankenwagen und ab und zu mobile Arztpraxen für Sozialschwache und Obdachlose. Und mehr als einmal beobachtete ich Filmdreharbeiten auf dem Platz. Ein krasses Viertel. Immer öfter nahm ich den Umweg über die Parallelstraße in Kauf, um dieser aufdringlichen Szenerie zu entfliehen.

Tschüss Leute: Als Berufspendler liefen mir jeden Tag unzählige Menschen über den Weg. Auf dem Bahnsteig, im Zug und auf dem Fußweg ins Büro habe ich viele von ihnen immer wieder gesehen. Die eine Dame zum Beispiel, die ihr Frühstück im Zug jeden Tag in der gleichen Reihenfolge absolvierte. Erst ein Schluck Tee, dann den zu Hause angerührten Haferbrei, anschließend noch ein Schluck Tee und schließlich eine kurze Passage aus der Bibel. Dann der Griff zum Telefon, um Arzttermine zu vereinbaren oder Sprachnachrichten zu murmeln. Irgendwann saß sie ein paar Reihen hinter mir und telefonierte offenbar mit ihrer kleinen Tochter. „Weißt du Spätzchen, Mama muss bald nicht mehr nach Hamburg fahren. Dann haben wir wieder ganz viel Zeit.“ Happy End.

Tschüss auch an die anderen Pendler zwischen Hamburg und Celle. Den adrett gekleideten und gut frisierten Herren, der mich immer freundlich gegrüßt hat. Der junge Kerl mit der Mütze. Die ältere Dame. Die junge Frau mit dem Fahrrad. Die Blonde. Der Kurzhaarige. Namen habe ich keine. Auf Pendlerfreundschaften war ich nie aus. Alles Gute für euch.

Tschüss an die Bahnmitarbeiter im Zug. Die beiden lustigen Bistroherren. Der eine betrat das Abteil oft mit den Worten „Wer hat noch nicht, wer will nochmal“, während er den Getränkewagen vor sich herschob. Der andere hörte sich eher an wie ein Roboter, denn er wiederholte immer nur „Kaffee bitteschön, Kaffee bitteschön…“ und eilte durch die Sitzreihen.

Tschüss Uelzen, Bad Bevensen, Lüneburg, Hamburg-Harburg. Tschüss umgekehrte Wagenreihung, Ersatzzug und kaputte Klimaanlage.

Tschüss Supermarkt an der Langen Reihe in Hamburg. Deiner Salatbar und deine Bäckerei haben mir stets ein tolles Mittagessen bereitet, das ich anschließend im Lohmühlenpark oder an der Alster genießen durfte.

Tschüss auch Kollegen. Die Arbeitsatmosphäre hatte sich leider schon vor uns verabschiedet.

Hallo Leben, Hallo Zukunft: Ich habe jetzt endlich wieder mehr Zeit. Da ich nicht mehr stundenlang im Zug sitzen muss, kann ich mich wieder um die wichtigen Dinge im Leben kümmern. In den vergangenen Wochen habe ich in unserem Haus endlich mal ein paar Sachen an die Wand geschraubt, die seit unserem Umzug vor über zwei Jahren immer nur in der Ecke standen und ständig umfielen. Außerdem habe ich zum ersten Mal in meinem Leben ein Brot gebacken und bin seit Jahresbeginn schon über 50 Kilometer gelaufen. Ich bin gespannt, was die nächsten Monate so bringen.

 

Bildquelle Titelbild: Pixabay

6 Gedanken zu „Tod eines Bahnreisenden (8:00)

  1. Teilweise amsüsant aber auch leicht bitter liest sich dieser Beitrag. Ich bin auch über Jahre nach Frankfurt gependelt, teils mit der Bahn, teils mit dem Auto. Empfand beides als gleich schlimm. In der Bahn konnte ich aber wenigstens lesen :) Alles Gute für Deinen neuen Job und die Zukunft, die nun vor Dir liegt. Deutlich mehr Lebensqualitäte hat sie sicher

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  2. Pendeln und Abhängigkeit von der Bahn ist auf jeden Fall eine unangenehme Erfahrung, und auch bin froh, dass ich dieses nicht täglich lebe, ansonsten muss ich gestehen ein Fan der deutschen Bahn zu sein. Insofern wünsche dir Abstand, Ruhe und eventuell mal wieder ein entspanntes Gefühl zu diesem Unternehmen.

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  3. Der seit 2003-Quiddje konnte hier viel Neues über HH erfahren und bedankt sich ganz herzlich; liebe Stefan, nach der Todeserfahrung meines Vaters im letzten Jahr in meiner Geburtsstadt Dortmund, hat mich Dein Beitrag wieder hingeführt zu WordPress; einen herzlichen Dank dafür. Und der Grund, warum Du nicht mehr nach Hamburg „musst“ ? Neuer Job, irgendwo anders ?

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