Ohne Formulare wär‘ die Kur nur halb so schön (6:30)

Allein das Beantragen einer Kur rechtfertigt in meinen Augen bereits den Anspruch auf eine Kur. Wer es geschafft hat, den zwei Zentimeter dicken Stapel mit Formularen und Fragebögen für die Deutsche Rentenversicherung auszufüllen und abzuschicken, der sollte allein dafür, unabhängig von Art und Schwere des Leidens, die Reha-Maßnahme bewilligt bekommen. In der Phase des Beantragens entsteht bisweilen ein Stress, der eigentlich nur durch mehrwöchige und intensive psychologische Betreuung zu kompensieren ist. Da mir aber während meiner Krebserfahrung von mehreren medizinischen Fachleuten zu einer Reha geraten wurde, gehe ich dieses Vorhaben selbstverständlich an.

Alles beginnt mit einem kiloschweren Din-A4-Umschlag, der eines Tages im Briefkasten liegt. Darin enthalten ist der besagte zentimeterdicke Papierstapel, auf den sämtliche Behörden in Deutschland ein Patent angemeldet haben. Die eine Hälfte besteht aus mehrseitigen Formularen und Fragebögen, deren Blätter sich auf den zweiten Blick auch noch als doppelseitig bedruckt entpuppen. Die andere Hälfte sind Informationen, Erklärungen und Erläuterungen, ebenfalls auf eng bedruckten Seiten, ähnlich wie bei Versicherungen.

Wir starten mit „Angaben zur Person“. Name und Adresse gehen mir leicht von der Hand, schließlich komme ich mit beidem mehrmals am Tag in Kontakt. Doch wie lautet wohl meine Rentenversicherungsnummer? Ich stelle mein Arbeitszimmer auf den Kopf, verteile jede Menge Aktenordner auf dem Boden und wühle mich durch alte Unterlagen. Ist sie identisch mit der Sozialversicherungsnummer? Tatsache! Stolz trage ich sie ein und räume das Arbeitszimmer wieder auf.

Auf der nächsten Seite wird nach der Steuer-ID gefragt. Ich fluche leise und amüsiere mich erneut mit meinen Ordnern im Arbeitszimmer. Diesmal bin ich schneller, denn ein Blick auf meine letzte Gehaltsabrechnung genügt.

Im nächsten Formular wird nach den Bedingungen an meinem Arbeitsplatz gefragt. „Heben Sie schwere Lasten?“ Ich überlege. Wie schwer ist wohl so ein Kugelschreiber? Obwohl: Die Kaffeetasse kann manchmal nicht groß genug sein. „Arbeiten sie überwiegend sitzend, stehend, in Bewegung, gebeugt, kniend oder mit den Händen über Kopfhöhe?“ Wieder überlege ich. Sitzen, Kaffee holen, sitzen, denken, schreiben. Ich kreuze „sitzend“ an.

In den Erläuterungen lese ich, dass es der Deutschen Rentenversicherung in erster Linie darum geht, mich wieder „arbeitsfähig“ zu machen. Glücklicherweise ist die Formulierung „gesunder Volkskörper“ schon vor vielen Jahren aus dem Sprachgebrauch in Deutschland verschwunden.

Was folgt, ist der sogenannte „Selbsteinschätzungsbogen“. Gefragt wird nach meinen Erwartungen an die Kur. „Ich möchte, dass sich endlich jemand um mich kümmert! – Wie sehr trifft das zu, auf einer Skala von 1 bis 10?“ Die Frage klingt mir etwas zu verzweifelt, was ich eigentlich nicht bin. Spontan möchte ich die Eins ankreuzen. Dann überlege ich wieder und kreuze die Drei an. Ein bisschen Wehleidigkeit kann nicht schaden, denke ich. Die Frage nach den aktuellen Beschwerden und Belastungen lasse ich erst mal aus. Was soll ich da denn schreiben? Wird die Reha nicht bewilligt, wenn ich zu wenige Beschwerden habe?

Ich beschließe, das meinen Arzt zu fragen, denn zu ihm muss ich auch noch. Er muss das Formular mit den medizinischen Einzelheiten, Krankenhausaufenthalten und OPs ausfüllen. Selbst der Profi scheint mit dem Beantragungsausmaß etwas überfordert zu sein. Er kreuzt zunächst die falsche Rehabilitationsmaßnahme an, muss dann seinen Fehler auf dem Formular durchstreichen, korrigieren, seine Unterschrift daneben kritzeln und vergisst anschließend, meinen zweiten Krankenhausaufenthalt, immerhin 12 Tage, in die dazugehörige Liste einzutragen. Doch schließlich ist auch das geschafft.

Zu Hause trage ich dann, auf Anraten des Arztes, meine aktuellen Beschwerden und Belastungen nach, inklusive Hauskauf, Renovierung, langem Arbeitsweg und Donald Trump.

Nach zweieinhalb Wochen habe ich endlich alle Formulare, Nachweise und Befunde zusammen, die für den Kurantrag nötig sind. Kurz vor dem dritten Advent gebe ich alles in die Post und kümmere mich erst mal um die Vorbereitungen für Weihnachten.

Die Freude über die Bewilligung des Kurantrags kommt in Intervallen und ebbt schnell wieder ab. Anfang des Jahres flattert zunächst der Bescheid darüber ins Haus, dass die Reha genehmigt wurde. Wann und wo sie startet, wird mir erst ein paar Tage später in einem gesonderten Schreiben der Klinik mitgeteilt.

„Lieber Stefan Kübler, bitte kommen sie in zwei Wochen in unsere Reha-Klinik in den Harz. Wir freuen uns auf sie!“ – Hätte ich gerne gelesen. Stattdessen werde ich mit dem nächsten Formular-Stapel konfrontiert. Wie ich denn gedenke, anzureisen, werde ich gefragt. Was folgt sind seitenlange Erläuterungen mit allen Vor- und Nachteilen der Anreise mit der Bahn sowie dem Auto. Aus gesundheitlichen Gründen werde von einer Fahrt mit dem eigenen Pkw abgeraten, heißt es. Aus demselben Grund entscheide ich mich jedoch dafür, denn die Fahrt mit dem Zug in das kleine Bergbaukaff würde mehr als doppelt so lange dauern. Trotzdem verschlinge ich die Reisehinweise bezüglich des gratis Bahntickets und der kostenlosen Gepäckbeförderung durch den Hermes-Versand. Ferner führe ich mir die Ratschläge zur Kinder- und Haustierbetreuung bzw. Haushaltshilfe in meiner Abwesenheit sowie zur Abbestellung meiner Tageszeitung zu Gemüte. Nichts davon werde ich in Anspruch nehmen müssen, doch ich befürchte, etwas Wichtiges zu überlesen, sollte ich einen Absatz überspringen.

Anschließend wende ich mich der Hausordnung der Klinik zu und lese, dass in den Zimmern weder der Genuss von Alkohol noch das Färben von Haaren gestattet ist. Ich frage mich, was in der Vergangenheit in der Klinik passiert sein muss, dass diese Regeln aufgestellt werden mussten. Die Liste endet mit dem Hinweis, dass die Klinik nur über eine begrenzte Anzahl von Parkflächen verfüge und eine Anreise mit der Bahn zu empfehlen sei. Als Service werde ein Shuttle vom Bahnhof in die Reha-Klinik angeboten.

„Dreieinhalb Stunden, ihr Spacken!“, schreie ich das Papier an. Ob die Botschaft auf der anderen Seite ankommt, weiß ich nicht.

Und natürlich will die Klinik noch einiges über mich wissen. Wie es mir geht, ob ich bei der Arbeit schwer tragen muss und was ich mir von der Kur erhoffe.

„Fragen Sie bitte die Rentenversicherung, die weiß Bescheid“, schreibe ich auf das Formular, bevor ich es zurückschicke. Dann kann ich mich endlich zurücklehnen und mich auf die Reha freuen. Nächste Woche soll es schon losgehen. Ich frage mich, wie viele Formulare ich vor Ort noch ausfüllen muss und gehe meinen Kugelschreiber wiegen.

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