Manche feiern, manche sterben (8:30)

Ich habe letztens zwei gebildete Menschen gesehen. Der eine ist Richter, der andere Arzt. Sie standen nebeneinander und fürchteten um ihr Leben. Erst vor kurzem waren sie sich zufällig über den Weg gelaufen. Tausende Kilometer von zu Hause entfernt. Nachdem jeder von ihnen vor vielen Jahren sein Studium mit Auszeichnung beendet hatte, startete er erfolgreich in seinen Beruf. Der Richter brachte viele Mörder ins Gefängnis, der Arzt rettete zahlreiche Leben. Sie genossen hohes Ansehen in der Gesellschaft. Beide gründeten eine Familie und lebten viele Jahre lang in Frieden. Nur leider hatte das Schicksal dafür gesorgt, dass sie sich ihr traumhaftes Leben ausgerechnet in Syrien aufgebaut hatten. Plötzlich kam beiden der Krieg in die Quere.

Schießereien und Bombenanschläge bestimmten von nun an den Tag. Der Richter und der Arzt bangten jeden Tag ein kleines Stückchen mehr um ihr Leben und das ihrer Frauen und Kinder. Die Regierung forderte, dass die beiden Männer ebenfalls zu den Waffen griffen und das Land gegenüber den Rebellen verteidigten. Doch sie hatten sich beide nicht jahrelang für das Gute eingesetzt, um sich am Ende dem Terror gegen Schwächere anzuschließen. Der Arzt wollte Leben retten und nicht Leben nehmen.

Es gab nur eine Lösung: Flucht. Am besten nach Europa, denn dort herrschte Frieden. Beide Männer, die bis dahin noch nichts voneinander wussten, küssten zum Abschied ihre Frauen und Kinder und machten sich auf den Weg. Mit nichts dabei außer der Kleidung am Leib und einem kleinen Rucksack mit den nötigsten Dingen. Sie rechneten damit, innerhalb weniger Wochen in Sicherheit zu sein und dann ihre Familien nachholen zu können.

Einen Schlepper fanden beide schnell. Es war ein offenes Geheimnis, wo man in Syrien einen treffen und mit ihm über die Flucht verhandeln konnte. Manche machten sogar Werbung auf Facebook. Geld war kein Problem. Sowohl der Richter, als auch der Arzt hatten in den letzten Jahren gut verdient. Umgerechnet 1000 Euro mussten beide ihrem jeweiligen Schlepper bezahlen, um über die Grenze in die Türkei gebracht zu werden. Und damit begann der Horror.

Der Richter kam am Anfang gut voran. Über die Türkei gelangte er nach Griechenland und wurde dort von einer anderen Schlepperbande zusammen mit unzähligen anderen Flüchtlingen nach Mazedonien gebracht. Sie waren meistens nachts unterwegs, um nicht aufzufallen. Tagsüber krochen sie zum Schutz in die Wälder oder schlichen sich in verlassene Keller. Licht gab es dort nicht. Toiletten natürlich auch nicht. Wasser nur ganz selten. Die Schlepper schrien meistens herum. Manche wurden aggressiv und schlugen zu, wenn einer der Flüchtlinge nicht gehorchte. Auch Frauen mit kleinen Kindern waren darunter. Warum die sich diese Strapazen überhaupt antaten? Weil sie keine Männer mehr hatten, die vorgehen konnten. Sie waren im Krieg bereits gefallen.

Schließlich kam der Richter in Albanien an und hoffte, dort auf ein Boot nach Italien zu kommen. Erst, nachdem er den dortigen Schlepper ein zweites Mal bezahlt hatte, wurde er auf ein Boot gelassen. Italien. Das war das Europa, in das er wollte. Von dort aus war es nicht mehr weit bis nach Deutschland.

Der Arzt entschied sich für den Weg über Land. Von der Türkei aus schaffte er es über Bulgarien und Serbien bis nach Ungarn. Unterwegs war er eines Nachts im Dunkeln gestürzt und seitdem humpelte er. Er war geschlagen worden, weil er nicht mehr so schnell laufen konnte. In seiner Gruppe befand sich eine Schwangere, die ihr Kind eines Morgens hinter einem Felsen im Wald zur Welt brachte. Der Arzt half ihr dabei, gab ihr Tipps und ließ die beiden seitdem nicht mehr aus den Augen. Ein Neugeborenes zu versorgen, schien ihm unter diesen Umständen fast unmöglich.

Nach wochenlangen Wanderungen kamen der Arzt und seine Mitflüchtlinge in Ungarn an. Der nächste Schlepper brachte sie mit einem LKW bis nach Budapest. Im Laderaum roch es nach Verwesung und Exkrementen. Am Budapester Bahnhof fanden sie sich im Chaos wieder. Die Polizei hatte alle Zugänge abgeriegelt und tausende Menschen campierten unter freiem Himmel in der Hoffnung, irgendwann in einen Zug Richtung Deutschland steigen zu können. Die Beamten waren überfordert. Der Andrang von Flüchtlingen wurde irgendwann so groß, dass sie anfingen, in einem Akt blinder Verzweiflung auf die Menschen einzuprügeln. Erst nach zwei Tagen wurden die Polizisten auf Befehl der Regierung abgezogen. Die Flüchtlinge drängten in die Züge. Der Arzt sah sich seinem Ziel zum Greifen nahe.

Die beiden gebildeten Menschen, der Richter und der Arzt, lernten sich in Deutschland kennen. Es war am Hauptbahnhof in München. Eines Abends eilte der Arzt zufällig dem Richter zu Hilfe, der gerade versuchte, einen bewusstlosen Afrikaner in die stabile Seitenlage zu bringen. Der Mann kam aus Eritrea und war ganze zwei Jahre unterwegs gewesen. Als er in München aus dem Zug gestiegen war, hatte er vor Glück geweint, war auf dem Bahnsteig zum Beten auf die Knie gefallen und kurz darauf ohnmächtig zusammengebrochen. Nach der Ersten Hilfe kam er schnell wieder zu sich, wurde aber von so starken Weinkrämpfen geschüttelt, dass er sofort medizinisch behandelt werden musste.

So fanden der Richter und der Arzt schließlich zusammen und sie beschlossen, ab sofort gemeinsam weiterzuziehen.

Jeder musterte den anderen. Beide steckten seit Wochen in den selben Klamotten, waren schmutzig und unrasiert und hatten überall blaue Flecke und Schürfwunden. Von der Beinverletzung des Arztes ganz zu schweigen. Dass beide bis vor kurzem noch hoch angesehene Berufe in einem modernen Gerichtssaal und einer sauberen Klinik ausgeübt hatten, sah man ihnen nicht an. Bei beiden war aus den erhofften wenigen Wochen für die Flucht ein monatelanges Martyrium geworden. Mehr als ein halbes Jahr lang waren beide kreuz und quer durch ein halbes Dutzend Staaten geirrt und hatten mehr als einmal um ihr Leben gefürchtet.

In einer Zeitspanne, in dem sorgenfreie Europäer für ihren Schulabschluss lernen und ihn bestehen, anschließend in den Urlaub fahren, danach wochenlang bei einer Fußball-Weltmeisterschaft mitfiebern und schließlich auf dem Oktoberfest feiern gehen, haben der Richter und der Arzt hunderte Kilometer zu Fuß und tausende Kilometer auf LKW-Ladeflächen und in maßlos überladenen Booten zurückgelegt, sich in Kellerlöchern versteckt, ihre Notdurft hinter Bäumen verrichtet, jede Nacht in einem schreckhaften Schlaf verbracht und sich über jeden Tropfen Wasser irrsinnig gefreut. Ihr ständiger Begleiter war der Tod. Der Richter und der Arzt mussten mit ansehen, wie kleine Kinder im Gedränge erdrückt wurden und Mütter auf einem überladenen Boot unbeachtet über Bord gingen. Im Wald und in verlassenen Häusern waren sie immer wieder auf Leichen gestoßen, um die sich niemand kümmerte. Leichen von Männern, deren Familien zu Hause darauf warteten, ihm ins friedliche Europa folgen zu können.

Endlich waren beide in Deutschland. Viel Geld und Kraft hatten sie geopfert, um dieses Land zu erreichen. Zwei gebildete Menschen, die den Frieden suchten.

Ich habe sie gesehen. In den Nachrichten wurde darüber berichtet, wie die beiden ihr Flüchtlingsheim erreichten. Und wie dieses daraufhin angezündet wurde. Von ganz vielen ungebildeten Menschen. Von Ignoranten und Egoisten, die es für richtig halten, einen Menschen in Not anzuschreien, mit Steinen zu bewerfen und ihm den Mittelfinger zu zeigen. Von dumpfen Geistern, die nicht begreifen, dass die Möglichkeit zu Geben ein Zeichen von Luxus ist, auf das man stolz sein kann.

Wer in Zeiten von Krieg und Gewalt nur an sich denkt, der hat in einem zivilisierten Land nichts verloren. Wer Menschen, die alles geopfert haben, um in ein reiches Land ohne Sorgen zu flüchten, die Tür vor der Nase zuschlägt, hat jeden Anspruch auf Verständnis in eigenen Notlagen verloren. Ein Land, in dem gegen den Bau von Bahnschienen protestiert wird und sich über Hundehaufen, Falschparker und krumme Gurken aufgeregt wird, hat offensichtlich genug Energie, um mit wirklich wichtigen Problemen fertig zu werden.

Solange wir geben können, sollten wir geben. Wer weiß, ob wir nicht auch irgendwann einmal wieder nehmen müssen.

Advertisements

5 Gedanken zu “Manche feiern, manche sterben (8:30)

  1. Pingback: „Tofuhirn“ – Ich habe jetzt Hater (5:45) | Der neue Stefan

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s