„Tofuhirn“ – Ich habe jetzt Hater (5:45)

Es ist der 18. Juli 2016, der eine Zeitenwende in der Geschichte von „Der neue Stefan“ darstellt. Ein gewichtiger Meilenstein ist erreicht, der den Übertritt meines kleinen Blogs aus der bunten und gut gelaunten Blümchenwelt ins knallharte Real Life markiert. Bislang wähnte ich mich umgeben von mir wohlgesonnenen Zeitgenossen, die mir als Lohn für meine Zeilen oft Lächeln und Zuspruch daließen. Doch mit Zuckerwatte im Taka-Tuka-Land ist es jetzt vorbei. Stattdessen hat mich das Auge von Mordor ins Visier genommen. „Der neue Stefan“ ist nicht mehr unbefleckt. „Der neue Stefan“ wurde unsittlich berührt. „Der neue Stefan“ hat jetzt Hater.

Was ist passiert? Es begann am Vormittag des 18. Juli, als ich wie gewohnt mit dem Zug auf dem Weg zur Arbeit war und dabei die Werbeprospekte der Postwurfsendung vom Wochenende durchblätterte. Eine Seite im Prospekt des Combi-Marktes gefiel mir gar nicht. Zu sehen war eine halbe Seite mit Sonderangeboten von Schokolade. Kekse, Kuchen und ganze Tafeln wurden dort verbilligt angeboten. Bis hierhin nichts besonderes. Doch als Überschrift prangten die Worte „Endlich! Die Schule geht los!“ über den Angeboten. Von sinnvollen Utensilien für den Schulanfang war nichts zu sehen. Buntstifte hätte ich erwartet. Vielleicht einen Tuschkasten, einen Füller oder ein kleines Plüschtier. Auch ein Apfel wäre nett gewesen, ein wenig Alibi-Obst. Doch nichts. Nur Schokolade und dieser Satz „Endlich! Die Schule geht los!“

Ich faltete die Werbung zusammen und überlegte. War das richtig? Sollte man auf diese Weise werben und Schokolade zum ersten Stichwort machen, das Kinder mit Schule verbinden? Mir kamen andere Negativbeispiele in den Sinn wie die Nutellawerbung der deutschen Fußballer oder das aggressive Sponsoring von großen Sportereignissen durch Coca Cola und McDonald’s. Die Verquickung von Leistungssport und ungesundem Essen halte ich für problematisch. Genauso sehe ich das bei Bildung und Schule. Ich bin seit einiger Zeit beruflich selbst im Marketing unterwegs und muss ständig prüfen, ob die Art und Weise, mit der Produkte und Dienstleistungen beworben werden, korrekt ist. In diesem Fall hielt ich sie für falsch, ja fast schon skandalös.

Der Gedanke ließ mich nicht mehr los und schließlich brachte ich meine Ansichten zu Papier und präsentierte sie der Öffentlichkeit einerseits als Post bei Facebook und andererseits als Beitrag auf meinem Blog.

Was dann folgte, hatte ich so nicht erwartet. Mit Widerspruch aus der Werbebranche hatte ich gerechnet, mit Kommentaren von anderen Marketingmitarbeitern. Auch Unterstützung von Eltern, die gemeinsam mit mir diese Werbemasche kritisieren wollten, hatte ich mir erhofft. Doch es kam anders. Ich hatte die Gemütslage vieler Eltern anscheinend unterschätzt. Statt Zustimmung schlug mir Wut entgegen. Ich solle erstmal selbst Kinder kriegen, hieß es da und mir wurde vorgeworfen, dass ich den Kindern die Schokolade in der Schultüte nicht gönnte. Schließlich hätten die Kinder es ja heutzutage schon schwer genug und das bisschen Schokolade sollten wir ihnen doch lassen. „Erst denken, dann posten“, „ein selten dämlicher Beitrag“ und „da spricht wohl das Tofuhirn“ waren die schönsten Kommentare. Vor allem bei Facebook ging es richtig zur Sache. Die WordPress-Gemeinde war dagegen nett und freundlich wie immer. Offenbar war meine Kunst dort in die richtigen Hälse gekommen.

Und ich freute mich. Offenbar hatte ich einen Nerv getroffen, den ich in meinem Facebook-Umfeld nicht vermutet hatte. Von den im Beitrag beschriebenen „Eltern-Zombies“ hatten anscheinend doch einige diesen Beitrag gelesen und sich gemeldet.

Über was habe ich in den letzten eineinhalb Jahren nicht alles geschrieben! Rentner kamen mehr als einmal nicht gut bei mir weg, genauso die Deutsche Bahn. Über Flüchtlinge habe ich geschrieben, über die Presse und über Schuhverkäufer. Doch bei einem Thema hatte ich das öffentliche Entrüstungspotenzial unterschätzt: Die Schokolade unserer Kinder.

Ich muss mich für meinen Post nicht rechtfertigen. Meine Meinung werde ich beibehalten und dazu stehen. Ich möchte nur nicht falsch verstanden werden. Kindern einen Sinn für gesunde Ernährung und den richtigen Umgang mit ungesunden Nahrungsmitteln mit auf den Weg zu geben, halte ich für wichtig. Vielleicht vertrete ich ja eine naive Einstellung, weil ich, anders, als es in manchen Beiträgen rüberkommt, noch keine Kinder habe. Doch ich glaube daran. Und ich glaube auch, dass es nicht schwer ist. Ich möchte den Eltern und Kindern keinesfalls die Schokolade in den Schultüten mies machen. Ich habe nur die Befürchtung, dass sich zu viele junge Menschen von der Werbung derart beeinflussen lassen, dass sie tatsächlich der Meinung sind, nur mit Nutella, Coca Cola und Bic Mac könne man Profisportler werden und Schokolade sei ein unverzichtbares Element der Einschulung. Denn das wird meiner Ansicht nach durch die Werbung in diesem Prospekt vermittelt. „Auf Äpfel, Mineralwasser, Radiergummi und Hausaufgabenhefte können eure Kinder in der Schule verzichten, aber auf Schokolade nicht. Und hey! Die gibt’s bei uns gerade günstiger also kauft ruhig noch ein bisschen mehr ein!“ Da wird mir schlecht. Ehrlich.

Ich könnte mich jetzt noch seitenlang weiter darüber auslassen, was ich mit meinem Beitrag sagen wollte und was nicht. Darüber, dass auch ich natürlich Schokolade esse. Ganz in echt! Und darüber, dass auch alle Kinder der Welt weiterhin Schokolade essen sollen. Darüber, dass in meiner Pumuckl-Schultüte damals natürlich auch Süßigkeiten waren, aber eben auch Buntstifte und Tuschkasten. Darüber, dass ja auch Profisportler bestimmt mal Schokolade essen und dass Coca Cola von Radsportlern sogar während einer Etappe der Tour de France getrunken wird. Darüber, dass Zucker Energie ist, die verbrannt werden möchte. Am besten mit Bewegung.

Aber das hebe ich mir auf. Jeden Moment müsste eine Einladung von Anne Will, Sandra Maischberger, Markus Lanz oder Stern-TV bei mir eintrudeln. Gerne auch vom literarischen Quartett, der Sportschau oder „Tiere suchen ein Zuhause“. In einer TV-Sendung vor Publikum kann ich meinen Standpunkt bestimmt viel besser verdeutlichen. Und mehr Hater bekomme ich dadurch hoffentlich auch. Ab jetzt brauche ich sie. Es gibt kein Zurück. #truelove

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19 Gedanken zu “„Tofuhirn“ – Ich habe jetzt Hater (5:45)

  1. Hm… ich bin ja kein Hater, aber…
    Lol… Nein, ehrlich, das ganze Thema Einschulung ist mir schnuppe, weil, auch ich habe keine Kinder und werde wohl auch nie mehr welche haben. Also es ist mir mehr als wurscht. Aber: ich glaube nicht, glaube es einfach nicht, das „andere“ immer so blöd sind, nicht zu wissen, wie wichtig gute Ernährung ist. Da sind nicht nur Leute, die sich schlecht ernähren, nur von manchen, „Studierten“, die glauben, es besser zu wissen, wird das immer behauptet. Das ist Blödsinn. Ja, es mag ungebildete Leute geben, die nichts auf Äpfel etc geben. Aber das tun manche Models auch nicht, und die kommen auch weiter, weiter als die meisten von uns. :-p
    Ich bin ja kein Hater, aber.
    So… :-p
    Das musste jetzt einfach sein. Denn ich bin anders und bleibe das auch. Es gibt da so einen Spruch auf T-shirts: „Und zack! Wieder unbeliebt gemacht!“ So bin ich eben.
    lg. ich

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  2. Holla die Waldfee! Ich fand Deinen Schokoladen-Post völlig sinnhaft und wäre gar nicht auf den Gedanken gekommen, dass Du damit solche Wellen auslöst. Ein kritischer Blick auf die Werbung von einem, der sich damit auskennt, ist doch was. Aber viel Feind viel Ehr.
    Ich könnte ja jetzt bei fb mal gucken gehen (wäre das dann Katastrophentourismus ?), aber eigentlich bin ich da gerade viel zu gut gelaunt für.

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  3. Hast du gut gemacht! Das Thema „Schokolade in Schultüten“ will ich auch in meinem Blog aufnehmen. Denn die dazugehörige Werbung ist schon penetrant. Ich werde mit dem Vorteil punkten können, dass ich Kinder habe ;-)
    LG Sabienes

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  4. Ach, nun lassen Sie doch den Menschen ihr bisschen Spaß… Wenn die sich schon weder Geschmack, noch gute Schokolade leisten können. Und außerdem gehören Kinder von heute zu allererst versaut, wo sollen denn sonst die ganzen Therapeuten, Ernährungsberater und all die anderen Sozialpsychopaten äh -arbeiter hin? Etwa rauf auf den Baum zur Kakaoernte?…
    Und gegen diese plumpe Art der verbalen Annäherung hilft eine ordentliche Portion „Sie“ und absolute Zustimmung: „Da haben Sie vollkommen recht!“. Das scheint den Hasser von heute eiskalt zu erwischen, zuviel real life und so. Vielleicht könnten Sie das für mich mal bei fb ausprobieren? Ich verweigere das wegen zuviel Nacktheit (https://fraukoerb.wordpress.com/2015/06/29/nackt-unter-wolfen/)
    Beste Grüße
    Frau K.

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  5. *hust* Ja, Eltern sind zuweilen eine anspruchsvolle Zielgruppe. Das habe ich schön öfter im Gespräch mit Freunden, die Kinder haben, gemerkt. Da kann jedes Wort fatal sein und man muss sich immer zweimal überlegen, was man sagt. Gefährlich, gefährlich.

    Eine Freundin von mir erzählte mal von ihrer Zeit, als sie die Facebookseite von einem Babynahrungshersteller (ich glaub, das war Milupa oder so) betreute. Sie war ein Nervenbündel. Mord und Totschlag geht da ab! Egal, was du sagst, irgendwer fühlt sich immer vor den Kopf gestoßen und sofort gehen die Hater-Kommentare los.

    Das ist sowieso ein typisches Facebook-Problem. Jeder Heinz fühlt sich da bemüßigt, zu allem was zu sagen zu haben – und manch einer auf so unterirdischem Niveau, dass es nicht mehr zu fassen ist. Es ist ein Phänomen. Die Grenzen werden da teilweise so krass überschritten. Ich bin echt oft entsetzt darüber. Früher gabs mal ein paar böse Worte, heute gehen viele gleich zur hasserfüllten Menschenjagd über. Echt unglaublich teilweise.

    Aber herzlichen Glückwunsch – nur die Großen werden vom Mob gejagt! :)

    Liebe Grüße aus dem Tintenmeer,
    Sandy

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