Die spinnen, die Schuhverkäufer (5:00)

Schuhe zu kaufen, ist ja eigentlich keine große Sache. Rein in den Laden, zwei, drei Paar anprobieren, eins bezahlen und wieder raus. Normalerweise läuft das so. Aber normalerweise gerate ich beim Shoppen auch nicht an die Verkäuferin, an die ich letztens geraten bin. Sie bescherte mir nämlich einen Schuhkauf, den ich so schnell nicht vergessen sollte.

Als mein damaliges Fußkleid mir mit der Zeit mehr und mehr zu entgleiten drohte, begab ich mich in ein für entsprechenden Ersatz vorgesehenes Geschäft in der Fußgängerzone meiner Stadt. Ich musste die Treppe in den zweiten Stock erklimmen, um in der Herrenabteilung zu landen. So wie die Herrenabteilung ja in jedem Bekleidungsgeschäft immer irgendwo ganz hinten in der Ecke oder im siebten Kellergeschoss versteckt ist. Immer! Selbst in einem Laden, in dem ausschließlich Herrenbekleidung angeboten wird, muss man die Herrenabteilung noch extra suchen! Aber das ist ein anderes Thema, sorry…

Ich stolperte also die Stufen in die Etage hinauf, in der ausschließlich Herrenschuhe angeboten werden. Ich begab mich vor das Regal mit der großen „44“, nahm ordentlich aussehende braune Schuhe heraus, setze mich auf die Bank und probierte sie an.

„Ohhhh jaaa! Die sind aber wirklich schick! Braun ist gerade auch total angesagt!“, krähte es plötzlich von irgendwo her.

Eine Verkäuferin, Ende 40, rote Haare, schwarze Brille, hatte es offenbar verpasst, mich direkt beim Betreten der Etage abzufangen und versuchte nun, ihr Versäumnis mit engagierter Lautstärke wieder gutzumachen. Sie kam keuchend auf mich zu gerannt, doch als sie mich erreichte, hatte ich das Paar bereits wieder ausgezogen. Ich fand sie dann doch etwas zu konservativ.

„Nicht so ganz mein Fall…“, murmelte ich und stellte die Schuhe wieder zurück. Die Dame drehte sich enttäuscht um und machte sich am Regal nebenan zu schaffen, ließ mich dabei aber nicht aus den Augen.

Als nächstes nahm ich ein Paar graue Schnürer zur Hand. Kaum hatte ich es probeweise am Fuß, ging der Alarm erneut los:

„Ohhhh jaaaa! Grau steht ihnen aber auch ganz hervorragend! Das ist jetzt gerade auch total angesagt!“

Ich dagegen konnte mich mit dem langweiligen Stil erneut nicht anfreunden und so landete das Exemplar wieder dort, wo ich es gefunden hatte. Kurz darauf war Schwarz an der Reihe. Ich setzte mich wieder hin, band mir die Schnürsenkel…

„Ja, ja, jaaaa! Das ist es! Schwarz ist ihre Farbe!“, kreischte die Dame in meine Richtung, während sie jetzt vor den Knöcheln eines anderen Kunden hockte. Der zuckte erschrocken zusammen. Außer sich vor Freude wollte die Dame in meine Richtung sprinten. Als sie sich erhob, verschluckte sie sich offenbar, denn die Worte „Schwarz ist auch gerade total angesagt“ gingen in einem rasselnden Hustenanfall unter. Schließlich stand sie mit knallrotem Kopf vor mir und fragte krächzend: „Passen die denn auch?“

Ich sah an mir hinunter und überlegte. Die Schuhe passten, sahen ganz gut aus und waren nicht zu teuer. Was mich allerdings etwas störte, waren die neongelben Schnürsenkel. Ich wollte gerade wieder losgrummeln, doch als ich in das glühend rote Gesicht der Verkäuferin blickte, die mit einem verkrampften Lächeln nach Luft rang, konnte ich nicht anders. „Die sind perfekt!“, rief ich, worauf die Dame laut jauchzend in die Hände klatschte und vor Freude fast in Ohnmacht gefallen wäre.

Und wie das in Schuhgeschäften so ist, ging das Verkaufsgespräch an der Kasse in die nächste Runde.

„Kann ich ihnen dieses Pflegemittel mitgeben? Das ist für ihre Schuhe ideal und extra für diese spezielle Sorte Halbglattleder in mittelschwarz, gegen den Strich gebürstet, doppelt gewalkt, gefaltet, geklöppelt, gewachst, gewickelt, geknickelt und geschnickelt… äh… entwickelt worden.“

„Ja, wenn sie meinen…“, antwortete ich.

„Und was ist mit Schuhspannern? Und Ersatzschnürsenkeln? Und einem Imprägnierspray? Und wollen sie den Schuhkarton mitnehmen? Und wie ist das mit Ersatzschuhen für ihre Schuhe?“

Die letzten Minuten an der Kasse war ich nur mit Ja-sagen und eifrig nicken beschäftigt. Ich hörte gar nicht mehr zu. Ich wollte so schnell wie möglich wieder raus hier.

Am Ende drückte mir die Verkäuferin schließlich sieben große Einkaufstüten in die Hand. Außerdem trug ich eine Spiderman-Maske und ein Prinzessinnen-Krönchen aus der Kinderabteilung im ersten Stock. Und offensichtlich hatte ich mir auch noch rote High-Heels aufschwatzen lassen. In Größe 44. Rot sei wirklich meine Farbe, versicherte mir die Dame, als ich mich darin auf den Nachhauseweg machte.

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