Weihnachten aus der Sicht des Baumes (4:30)

Dezember ist für mich die aufregendste Zeit des Jahres. Es geht um das große Casting. Auf die Show haben sich meine Brüder und Schwestern und natürlich auch ich teilweise jahrelang vorbereitet. Jetzt müssen wir hübsch aussehen und dem Publikum unsere Kraft, Eleganz und Standhaftigkeit beweisen. Jetzt strömen die Massen zu uns, beäugen uns ganz genau und von allen Seiten, fassen uns an, riechen an uns. Manche rücken uns sogar mit dem Maßband zu Leibe. Und nicht selten entsteht in unserer Gegenwart Streit, wenn sich die Juroren nicht einigen können, wen von uns sie besser finden. Manche von uns werden sofort ausgewählt. Andere stehen stunden-, manchmal tagelang herum, ohne dass sich jemand für sie interessiert. Doch irgendwann kommt jeder in die nächste Runde. Einer stolzen Nordmanntanne kann kein Mensch widerstehen.

Der Trennungsschmerz hält nur kurz an. Lange haben wir in der Kälte gestanden, hatten immer festen Boden unter den Füßen und trotzten Wind und Regen. Aus unserer gewohnten Umgebung werden wir herausgerissen. An unser neues Heim müssen wir uns erst gewöhnen, doch es ist warm und trocken. Echt schön.

In der ersten Zeit werden wir von oben bis unten verwöhnt. Wir bekommen neue Schuhe, neue Gewänder, viel Schmuck und einen glänzenden Hut. Jeder freut sich, wenn er uns sieht. Vor allem die Kinder bestaunen uns mit offenem Mund und blicken mit leuchtenden Augen zu uns hinauf. Wir glitzern und funkeln und sind der Mittelpunkt des Geschehens.

Warum gerade wir? Na, weil wir einfach die schönsten sind! Das sagen jedenfalls immer alle. Wir sind angenehm anzufassen und machen nicht so viel Dreck, heißt es. Und wir haben eine schöne Farbe. Darauf sind wir sehr stolz, meine Brüder und Schwestern und natürlich auch ich selbst. Wir sind froh, dass wir nicht das Schicksal unser Cousins und Cousinen teilen müssen. Unsere Verwandten gehen leicht ins bläuliche und stechen etwas. Die machen zwar ebenfalls beim Casting mit und werden ab und zu sogar ausgewählt, doch so beliebt wie wir sind sie nicht. Meistens werden sie nur deswegen mitgenommen, weil sie billiger sind als wir.

Weihnachten ist die Erfüllung unseres Lebens. Egal, ob wir erst an Heiligabend aufgestellt werden oder unseren Job schon seit dem ersten Advent machen: Wenn die vielen Geschenke zu unseren Füßen platziert werden und sich der Duft von Weihnachtsgebäck, Gans oder Kartoffelsalat mit Würstchen im Haus ausbreitet, wissen wir, wozu wir die letzten Jahre all die Strapazen und Entbehrungen unter freiem Himmel hingenommen haben. Wir strahlen jetzt mit voller Kraft. Wir erhellen nicht nur die Wohnzimmer, sondern auch die Herzen der Menschen, die unsere Dienste angefordert haben. Wir sind stolz.

Doch leider geht nicht immer alles gut. Manche Brüder und Schwestern lassen bereits während der Ausübung ihrer Pflicht ihr Leben. Viele werden von entfesselten Haustieren zu Boden gerungen und müssen ihren Dienst wegen eines Bruchs vorzeitig beenden. Andere dagegen werden Opfer der Flammen, weil es irgendwelche Nostalgiker einfach nicht über das Herz bringen, uns mit Lichterketten statt Wachskerzen zu bestücken. Dieses Schicksal könnte jeden treffen. Aber das ist Berufsrisiko.

Wer die frohen Weihnachtstage hinter sich gebracht hat, der hat die aufregendste Zeit seines Lebens überstanden. Dann geht es sehr schnell dem Ende entgegen. Unweigerlich wartet der Tod auf uns alle. Entweder kommt er schnell, gleich Anfang Januar, wenn wir gerade einmal die ersten Nadeln fallengelassen haben. Oder wir werden erbarmungslos bis Ostern unserem langsamen Verfall überlassen und schließlich voller Ekel und begleitet von einem nicht enden wollenden Nadelregen mit spitzen Fingern aus dem Wohnzimmer geschleift. Es gibt sogar manche Menschen, die werfen uns erst dann raus, wenn ein schwedisches Möbelhaus sie dazu auffordert.

Und da liegen wir dann am Straßenrand. Manchmal allein, manchmal an einer Ecke aufgetürmt zu großen Bergen. Bis der Müllwagen kommt und wir zu Holzhackschnitzeln verarbeitet werden.

Das war es dann.

Nächstes Jahr? Nächstes Jahr wird es für mich nicht geben. Höchstens als Brennstoff im Kamin. Oder als Kompost.

Doch Moment. Vorhin hat mir doch einer meiner Pfleger alle meine Zapfen abgenommen. Mein Samen wird vielleicht in die ganze Welt verteilt. Oder nur ein paar Meter weiter. Egal. Hauptsache ist, dass meine Kinder den Menschen auch so ein schönes Weihnachtsfest bescheren, wie ich es getan habe.

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