Mein neues Leben mit Superkräften (6:30)

Gestern hatte ich noch Schnupfen, deswegen hätte ich nie damit gerechnet, heute Superkräfte zu bekommen. Obwohl, wann rechnet man schon damit. Es ist ja nicht so, dass man eines Morgens sein E-Mail-Postfach öffnet und dort liest: „Sehr geehrter Stefan Kübler, wir freuen uns, Ihnen mitteilen zu können, dass Sie morgen ihren Röntgenblick geliefert bekommen. Seien Sie bitte zwischen 9 und 13 Uhr zu Hause. Viele Grüße, Ihr Superheldenministerium.“ So ist das ja nicht.

Andererseits muss man ja heutzutage immer mit allem rechnen. Ständig stirbt jemand berühmtes. Plötzlich nistet sich die Grippe bei einem ein. Und wenn man gerade denkt: „Ach, die Bahn fährt ja in letzter Zeit immer so schön pünktlich“ – Bumms, Oberleitungsschaden, zweieinhalb Stunden Verspätung. Kann man nichts machen. Passiert eben.

Aber Superkräfte passieren ja eigentlich nicht. Nun ist es aber so, dass ich in der Küche stehe und merke, dass irgendwas anders ist. Ich rühre so in meinem Kaffee herum, nachdem ich Milch und Zucker hinzugefügt habe, so wie sich das gehört, da höre ich plötzlich ein Geräusch. Es ratscht und bollert ein paar Sekunden lang, dann ist wieder Stille. Ich habe nicht gesehen, was passiert, doch ich weiß genau: Bei den Nachbarn sind die Rollläden hochgezogen worden. Ich schaue auf die Uhr. Ja, das passt von der Zeit her. Und ich bin mir sicher, dass die Rollläden heute Abend, noch während der Dämmerung, wenn es dafür eigentlich noch einen Tick zu hell draußen ist, wieder heruntergelassen werden.

So ist das jetzt also. Ich kann Geräusche zuordnen, obwohl ich die Ursache nicht sehe. Verrückt. Das muss wohl daran liegen, dass wir jetzt hier in diesem Haus wohnen, das wir letztes Jahr gekauft und renoviert haben. Wir wohnen jetzt in einer 30-Zone, in der jeder Laut vor der Tür klar zu vernehmen und zuzuordnen ist. Bis vor kurzem hatten wir noch mit einer Bundesstraße vor unserer Wohnung leben müssen, wo sich alle Geräusche – Autos, Menschen, Sirenen, Einkaufswagen – zu einem großen Lärmklumpen vermischten. Das Übermaß an Lärm war sozusagen unser Kryptonit. Das ist jetzt vorbei.

Ich setze mich mit meinem Kaffee in der Hand aufs Sofa und lausche weiter in den Morgen hinein. Gegenüber fährt der Nachbar vom Hof. Seine Autoreifen knirschen laut über die gefrorene Schneeschicht. Es kracht und knackt, als würde irgendwo ein Carport zusammenbrechen. Aber es ist nur das Auto, das nach wenigen Sekunden auf die Hauptstraße einbiegt und die Geräusche mitnimmt.

Kinder schlurfen vorbei. Zwei Brüder mit dicken Winterjacken und schweren Schneestiefeln. Auf dem Weg in die Schule wechseln sie nie ein Wort miteinander, während sie durch die Dunkelheit laufen.

In der Ferne rauscht ein Zug vorbei. Wahrscheinlich der Intercity Richtung Stralsund. Ein weiterer Blick auf die Uhr bestätigt das.

Kurz vor dem Ende meines Kaffees kommt der Postbote. Wie immer mit dem Auto. Wieder knirschen Reifen über den Schnee. Dann tuckert der Dieselmotor am Straßenrand, während der Mann mit der Post in der Hand zu den Hauseingängen eilt. Briefkastendeckel klappern. Dann wird die Autotür zugeschlagen und der Diesel fährt weiter.

Beobachten kann ich das alles nicht wirklich. Dazu müsste ich aufstehen und ans Fenster treten. Doch wenn ich vom Sofa Richtung Außenwand blicke und die Geräusche von rechts nach links vorbeiziehen, kann ich das Treiben draußen auf der Straße vor meinem geistigen Auge sehen. Superkräfte eben.

Es wird still draußen. Ich schalte das Morgenmagazin eines Nachrichtensenders ein. Seit gestern Abend ist nicht wirklich viel in der Welt passiert. Meine Blicke und Gedanken schweifen wieder ab.

Auch bei der Renovierung dieses Hauses im vergangenen Jahr haben viele Menschen ihre Superkräfte eingesetzt. Die Dachdecker hatten oben ein riesiges Loch in den Dachstuhl gesägt, um dort eine Gaube zu schaffen. Viele Wochen lang sah das einfach nur furchtbar aus und jeden Tag fragte ich mich, wie wir dort jemals wohnen sollten. Bei der Isolierung des Daches und den zahlreichen Durchbrüchen in den Wänden war das ähnlich. Überall waren Löcher und Dreck. Und plötzlich, eines Tages, war alles fertig. So schnell konnte ich gar nicht gucken.

Hier hängen jetzt Steckdosen, wo vorher keine waren. Aus einem Stück Flur ist ein komplettes Badezimmer geworden. Eben noch Holzfußboden, jetzt Fliesen. Fußleisten, die um die Kurve gehen, Verkleidungen für die Heizungsrohre, individuell zugesägte Zimmertüren – irre.

Dazu kommen ein Kasten, der unser Geschirr sauber macht, eine dünne Plastikplatte, auf der Filme und die Tagesschau zu sehen sind und das Licht vor der Haustür, das angeht, obwohl man gar keinen Schalter gedrückt hat. Wer das alles erfunden hat, muss doch Superkräfte gehabt haben, oder?

Die Nachbarn um uns herum. Laden uns noch vorm Einzug auf ein Bier ein und beschenken uns danach mit Blumen, Marmelade und Gebäck. Schenken im Garten Glühwein aus und verteilen an Weihnachten kleine Päckchen mit Tee und einem Gedicht. Superkräfte eben.

Gestern hatte ich noch Schnupfen. Seit ein paar Tagen nehme ich Tabletten dagegen. Der Arzt hat mich kurz untersucht und wusste dann ganz genau, was ich brauche. Der macht das den ganzen Tag. Und den nächsten Tag auch wieder. Die Tabletten haben echt gut geholfen. Das sieht man denen gar nicht an. Ganz klein und rund sind die. Doch ich brauchte nur drei Stück pro Tag und nach kurzer Zeit war der Schnupfen wieder weg. Überall Superkräfte.

Ich sitze noch eine Weile auf dem Sofa und sinniere über meine leere Kaffeetasse hinweg in den Vormittag hinein. Nachher kommt meine Frau von der Arbeit. Und die ist auch richtig super.

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6 Gedanken zu “Mein neues Leben mit Superkräften (6:30)

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