Das Abteil des Schreckens (4:30)

Die Freude über den fast leeren Waggon und die damit verbundene Hoffnung auf Ruhe währten nur kurz. Ich hatte auf meinem allmorgendlichen Weg zur Arbeit gerade im Zug Platz genommen, mein Frühstück ausgepackt und mein aktuelles Buch, „Coma“ von John Niven, zurecht gelegt, als ich einen merkwürdigen Laut vernahm.

„Den Lütschen..!“, rief jemand. „Den Lütschen hatte ich ja am Wochenende wieder bei mir!“

Ich zuckte zusammen und blickte mich um. Im ersten Moment war nichts zu erkennen. Fünf Reihen hinter mir und mindestens acht Reihen vor mir saß keine Menschenseele.

Dann plärrte jemand „Ich soll ja wieder in Arbeit!“ und „Ja, das ham se bei mir auch schon versucht!“

Ich schaute genauer hin. Bewegte sich dort vorne nicht etwas? Wenn ich die Augen zusammenkniff, konnte ich am Ende des Waggons etwas erkennen. Etwas Graues.

„Will jemand’n Cabanossi?“

Boom! Jetzt war mir alles klar! Ganz hinten, am Ende des Waggons im Morgennebel saß eine Gruppe Rentnerinnen. Die grauhaarigen Damen waren nur zu fünft und bestimmt zehn Sitzreihen von mir entfernt, legten aber einen Geräuschpegel an den Tag, dass ich das Gefühl hatte, einen zwanzigköpfigen Seniorenkaffeeklatsch auf dem Schoß sitzen zu haben.

Jetzt war mir auch klar, warum der übrige Zug, den ich auf der Suche nach einem ruhigen Plätzchen am Morgen durchquert hatte, so voll war. Niemand wollte sich anscheinend in diesem Abteil des Schreckens aufhalten.

Auch ich hielt es nur ein paar Minuten aus. Mein Frühstück konnte ich gerade noch so genießen, doch der Niven wollte anschließend einfach nicht in mich eindringen. Immer wieder begann ich, den gleichen Satz zu lesen, doch nach nur wenigen Wörtern wurde ich von einem lautstarken „Ich hab letztens die Hildegard getroffen!“ oder einem „Hast du noch nen Schluck Prosecco über?“ aus den Gedanken gerissen und musste neu ansetzen.

Irgendwann reichte es mir. Ich packte meine Sachen zusammen und wechselte den Platz. Höflichkeit im Zugabteil hatte ich mir schon lange abgewöhnt, vor allem, wenn es um Lärmbelästigung ging. Die Damen nahmen von meinem Abschied keine Notiz.

Im nächsten Waggon war ziemlich viel los. Ich setzte mich auf den letzten freien Platz an einem Vierertisch. Ein Mann im Anzug blickte von seinem Laptop auf und lächelte mitleidig.

„Cabanossi?“, fragte er.

Ich lächelte zurück.

Obwohl in diesem Waggon ziemlich viele Plätze besetzt waren, herrschte eine angenehme, fast unheimliche Ruhe. Von den Anwesenden schien sich niemand näher zu kennen und so war jeder mit essen, lesen oder arbeiten beschäftigt. Mal raschelte eine Brötchentüte, dann klappte der Mülleimer oder es wurde rücksichtsvoll getuschelt. Geht doch, dachte ich und vertiefte mich in meinen Niven.

Am nächsten Bahnhof stiegen ziemlich viele Passagiere ein. Auf der Suche nach einem freien Platz streiften sie konzentriert durch die Waggons und behielten die Umgebung sowie die übrigen Mitbewerber im Auge. Wie auf der Jagd mussten die Gegner in Schach und die potenziellen Trophäen im Auge behalten werden. Wurde ein freier Platz gesichtet, musste er schnell besetzt und der Sitz daneben mit Jacke oder Tasche belegt werden, damit sich dort nicht noch jemand anderes breit machen konnte.

Auch in meinem Waggon zogen die Neuankömmlinge durch die Reihen und kamen auf der Suche nach einem Platz in meine Richtung. Kurz bevor sie mich erreichten, verwandelte sich der Stress in ihrem Gesicht in eine Art Triumpf. Auf Höhe meines Platzes konnten sie nämlich bereits den Innenraum des nächsten Waggons einsehen und da sich dort erkennbar viel Platz befand, eilten die meisten mit einem Lächeln im Gesicht und der Aussicht auf einen freien Sitzplatz weiter. Wieso quetschen die sich hier so, wenn da drüben doch alles frei ist?, schienen sich einige zu fragen.

Eine Frau mittleren Alters blickte mich verständnislos an und schüttelte den Kopf, während sie in Richtung des leeren Waggons wies und schließlich abwinkte, als würde sie innerlich aufgeben, sich zu fragen, warum wir hier wie die Sardinen saßen. Sie strich an mir vorbei und als sie die automatische Tür in den Nachbarwaggon öffnete, meinte ich, ein gedämpftes, aber markantes „Jemand Likörchen..?“ herüberwehen zu hören.

Der Mann im Anzug und ich mussten uns sehr zusammenreißen, um nicht vor Lachen laut loszuprusten.

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2 Gedanken zu “Das Abteil des Schreckens (4:30)

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