Am längsten bleibt der Krebs im Kopf (8:30)

In den vergangenen Wochen habe ich zum ersten Mal meine ganzen Krebsjahrestage „gefeiert“. Angefangen mit dem Jahrestag der Diagnose und der ersten Operation im August über die zweite Operation im September bis hin zur endgültigen Entlassung aus dem Krankenhaus Anfang Oktober. Meine Krebserfahrung ist jetzt ein Jahr her. Seit einem Jahr musste ich kein Krankenhaus mehr besuchen. Der Tumor ist weg. Ihn zu entfernen, ging ziemlich schnell. Doch im Kopf bleibt der Krebs länger.

Der Tag meiner Krankenhausentlassung im Oktober letzten Jahres war ein unglaublich glücklicher Tag. Bereits einen Tag vorher hatte der Arzt mir eröffnet, dass er mich entlassen möchte. Gerne auch sofort. Doch einen weiteren Tag der Vorbereitung wollte ich mir noch geben. Er war damit einverstanden.

Während meines zweiten Krankenhausaufenthaltes hatte ich ganze 13 Tage im Bett gelegen. Nach der zweiten Operation hatte ich Schwierigkeiten mit dem Laufen. Um an die Lymphknoten in der Leiste zu kommen, mussten Muskeln und Nerven durchtrennt werden. Das wirkte sich ganz erheblich auf meine Beweglichkeit aus. In den ersten Tagen nach der OP konnte ich nur leicht gebückt und mit O-Beinen laufen. Jeder Versuch, mich zu strecken, führte zu Schmerzen. Außerdem schaffte ich nur wenige Meter. Am Anfang beschränkten sich meine Ausflüge auf drei Toilettengänge pro Tag, nach denen ich mich jeweils über mehrere Stunden Erholung freute. Später schlich ich dann auch ab und zu mal auf dem Flur hin und her. Am Ende war ich ein wahrer Meister darin, mir das hinten offene Krankenhaushemd perfekt zuzubinden, um der Öffentlichkeit auf dem Krankenhausflur nicht allzu viele intime Details preiszugeben. Schlafen konnte ich nur auf dem Rücken und das auch nur leicht zusammengefaltet mit erhöhtem Kopf- und Fußteil des Bettes.

Ans Treppensteigen war in den ersten Tagen nach der OP nicht zu denken, doch das wollte ich unbedingt noch trainieren, bevor ich entlassen wurde, damit ich die vier Stockwerke in unsere damalige Wohnung auch sicher bewältigen konnte. Einen Fahrstuhl hatten wir dort nämlich nicht zur Verfügung. Zum Trainieren wollte ich den letzten Tag im Krankenhaus nutzen. Und mental musste ich mich auf meinen Schritt in die Freiheit auch erst noch vorbereiten.

Das mit der Treppe funktionierte ganz gut. Ich ging an diesem Tag auf dem Krankenhausflur in die andere Richtung und stieg am Ende ganz langsam ein Stockwerk hinab und dann wieder hinauf. Runter war es etwas einfacher, stellte ich auf dem Weg nach oben fest. Ich befürchtete schon, mir zu viel zugemutet zu haben. Doch dann kam der Kampfgeist zum Vorschein und ich stand wieder auf meinem Stockwerk. Jetzt hatte ich keine Bedenken mehr, am nächsten Tag nach Hause zu fahren.

Es war ein Samstag, an dem mich meine Frau aus dem Krankenhaus abholen durfte. Vom Personal war nur die ausgedünnte Wochenendschicht vertreten, sodass ich mich von den meisten Ärzten, Schwestern und Pflegern gar nicht richtig verabschieden konnte. Ich hoffe einfach mal, dass mein Dank und meine Grüße wie gewünscht weitergegeben wurden.

Dann musste ich den langen Weg vom Krankenzimmer raus auf die Straße zum Auto bewältigen. Ich kam mir unglaublich langsam vor, wie ich mit kleinen, o-beinigen Schritten die Flure entlangschlich. Zuletzt nahm ich sogar für nur ein Stockwerk den Fahrstuhl und hatte irgendwann wirklich das Auto erreicht. Kurz vor dem Einsteigen nickte ich noch einer Schwester zu, die gerade mit dem Fahrrad kam und offenbar ihre Schicht antrat. Eine mehr, von der ich mich verabschieden konnte.

Auch im Auto musste ich eine leichte Liegeposition einnehmen, während meine Frau mich aus Rostock hinaus und wieder zurück nach Hause brachte. Das Wetter war golden herbstlich und im Radio lief „Bonfire“ mit der passenden, in diesem Zusammenhang bereits erwähnten Textzeile „Shit that doesn’t kill you makes you strong“. Ich atmete den Duft der Freiheit, genoss es, mal wieder in die Ferne blicken zu können und war voller Euphorie.

Zu Hause zahlte sich mein Treppentraining im Krankenhaus aus. Die Stufen zu unserer Dachgeschosswohnung im vierten Stock bewältigte ich in gut zwei Minuten. Ich stoppte extra die Zeit. Von einigen Rentnern in meinem Familienkreis, die diese Treppe auch schon öfter überwinden mussten, erntete ich für diese Leistung später anerkennendes Nicken.

Nach meiner Rückkehr folgten entspannte Wochen der Heilung. Meine Beweglichkeit wurde immer besser und nach einiger Zeit konnte ich wieder auf der Seite schlafen, im Stehen duschen und mich hinter das Steuer meines Autos setzen. Letzteres war sehr erleichternd, da ich meine wöchentlichen Fahrten zum Arzt endlich selbstständig gestalten konnte.

Nach vier Wochen zu Hause ging ich wieder arbeiten. Ich war etwas aufgeregt, denn ich wusste nicht, ob ich den langen Weg zur Arbeit inklusive Zugfahrt schaffen würde. Vor allem das lange Sitzen im Zug machte mir Sorgen. Schließlich sollte ich nach der Lymph-OP meine Beine möglichst hochlegen und mich viel bewegen. Die Anreise klappte schließlich und bei der Arbeit erwartete mich ein herzlicher Empfang mit Konfetti auf dem Schreibtisch und diversen Umarmungen.

Meine Rückkehr in die Arbeitswelt dauerte allerdings nur drei Tage, denn unser schon vor der ganzen Krankheitsgeschichte fertig geplanter Umzug in unser Haus stand an. Um den eigentlichen Umzugstag herum hatten wir uns ein paar zusätzliche Urlaubstage gelegt, an denen wir ein- und auspacken wollten, außerdem einleben und überhaupt. Während die vielen Helfer aus dem Freundeskreis den Miet-LKW vollpackten, beschränkte ich mich auf leichtere Tätigkeiten in der immer leerer werdenden Wohnung wie letzte Kartons packen, Blumen tragen und Fotos machen. Es dauerte gerade einmal sechs Stunden, dann waren die alte Wohnung im LKW verstaut und im neuen Haus wieder ausgepackt sowie zahlreiche Mettbrötchen und Biere konsumiert. Bevor es dunkel wurde, hatte ich Bett und Fernseher aufgebaut. Das erste Abendessen im neuen Haus bestand aus Würstchen, Bier und den restlichen belegten Brötchen. Der Umzug hatte wie am Schnürchen geklappt. Ein echtes Erfolgserlebnis.

In der Weihnachtszeit machte sich der Kopf zum ersten Mal so richtig bemerkbar. Meine erste Erkältung nach den Krebs-OPs dauerte gut vier Wochen. Offenbar hatten meine Abwehrkräfte ihre Reserven noch nicht wieder aufgefüllt.  Aufs Gemüt schlug mir vor allem, dass ich dadurch nicht in der Lage war, an der Weihnachtsfeier unserer Firma teilzunehmen. Nachdem ich schon unseren jährlichen Betriebsausflug absagen musste, weil ich zu dem Zeitpunkt im Krankenhaus lag, verpasste ich nun also auch das nächste große Highlight mit den Kollegen. Dabei hatte ich mir extra einen kitschigen Weihnachtspulli gekauft.

Weihnachten verlief dann auch sehr sparsam. Außer einem kurzen Kaffeetrinken an Heiligabend hielt ich mich aus den Feierlichkeiten und Familienzusammenkünften heraus. Auf das traditionelle Fondue verzichtete ich ebenso, wie auf das traditionelle Essen mit der Familie meiner Frau und das traditionelle Wichteln mit unseren Freunden. Silvester feierten wir allein in unserem Wohnzimmer. Um Mitternacht schauten wir uns das Feuerwerk auf der Straße vom Fenster aus an.

Ich konnte zu dem Zeitpunkt einfach keine größeren Menschenmengen für längere Zeit ertragen. Das hatte ich auch bei der Arbeit schnell gemerkt. Während die Kollegen mittags in der Kantine neben mir leidenschaftlich über Fußball, Beziehungen oder Wochenendpläne lamentierten, saßen mein Kopf und ich schweigend vor dem Teller und lächelten höflich. An den anderen lag das nicht. Um mich herum hatte sich schließlich wenig geändert. Nur in mir drin sah es jetzt anders aus.

Ich vergleiche die Veränderung gerne mit einem Puzzle. Vor der Krebsdiagnose war das Puzzle komplett und ich ein Teil davon. Dann wurde ich herausgerissen und an mehreren Stellen verändert und gestutzt. Und hinterher passte ich nicht mehr in das alte Puzzle hinein. Ich musste mich da ganz langsam erst wieder einfügen. Das sollte auch im neuen Jahr noch einige Zeit dauern…

Fortsetzung folgt

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3 Gedanken zu “Am längsten bleibt der Krebs im Kopf (8:30)

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