Lochen, Tackern, Saufen – Der Betriebsausflug (9:30)

Wenn es Herbst wird, drehen bei mir bei der Arbeit alle vollkommen durch. Dann steht der alljährliche Betriebsausflug an, bei dem alle Mitarbeiter ordentlich auf den Putz hauen dürfen. Der Sommer war lang und hart. Viele Überstunden wurden geschoben, um die wichtigen Projekte abzuschließen. An manchen Tagen wurde vierzehn Stunden gearbeitet, in manchen Nächten nur vier Stunden geschlafen. Aber der Job macht Spaß und wenn der Herbst kommt und alle Kunden zufrieden sind, sind die Strapazen schnell vergessen.

Der Betriebsausflug trägt erheblich zur guten Laune in unserer Firma bei. Offiziell wird die Veranstaltung als „Saisonabschluss- und Unterhaltungs-Fahrt“ bezeichnet, Abkürzung: SAUF. Und der Name ist Programm. Schon Wochen im Voraus sind alle ganz aufgeregt. Da werden Flüge gebucht, Hotelzimmer reserviert, Cateringfirmen beauftragt und Kostüme entworfen. Jedes Jahr gibt es ein abgedrehtes Motto und Unmengen von Alkohol. Jedes Jahr sind alle stockbesoffen und melden sich hinterher eine Woche krank. Und jedes Jahr freuen sich alle wieder auf die SAUF im nächsten Jahr.

In diesem Jahr hatte die Geschäftsführung eine SAUF-Tour in den Süden organisiert. Mehr wurde vorher nicht verraten. Alle Mitarbeiter freuten sich schon auf kühle Cocktails am Strand und auf die jungen Kolleginnen im Bikini. Alle wurden enttäuscht. Der „Süden“ entpuppte sich als ein kleines Dorf in der Schweiz mit zwei Hotels, einer Kneipe und einem Briefkasten. Mehr nicht. Schweiz eben.

Der erste Tag der SAUF begann recht harmlos. Mit Erdnüssen im Flieger. Kurz darauf folgte allerdings schon das erste Bier für alle. Um 7.30 Uhr morgens. Nach der Landung in der Schweiz mussten wir noch eine Stunde mit dem Zug fahren. Gegen die Langeweile unterwegs gab es weiter Bier. Und Schnaps. Ich schlief irgendwann auf meinem Sitz ein und wurde wieder geweckt, als mein besoffener Kollege seinen Koffer beim Aussteigen aus dem Gepäckfach über mir auf mich fallen ließ. Jetzt war meine Brille verbogen, doch das war mir egal. Auch mit intaktem Nasengestell hätte ich alles nur verschwommen gesehen. Zum Wachwerden vor dem Aussteigen bekam ich erstmal einen Schnaps.

Das Hotel, das die Firma für uns alle in dem Schweizer Kaff reserviert hatte, war echt schön. Habe ich mir jedenfalls hinterher erzählen lassen. Auf dem Weg mit dem Fahrstuhl in mein Zimmer war ich bereits dermaßen weggetreten, dass man mich auch nackt auf einem Campingplatz hätte aussetzen können, ohne dass ich es gemerkt hätte.

Das Zimmer, in dem ich untergebracht war, war eigentlich ein Apartment für 14 Leute. Es hatte eine riesige Küche mit einer noch größeren Dachterrasse, auf der sofort nach unserer Ankunft die Party begann. Plötzlich standen überall wieder Schnapsflaschen und Bierdosen herum, aus den Boxen dröhnte Ballermann-Musik und es wurde geraucht, was die Lungenflügel hergaben. Das „Rauchen verboten“-Schild an der Wand hatte unser Chef höchstpersönlich mit seinen Visitenkarten überklebt. „Feuer frei!“, schrie er und stürzte einen halben Liter Bier in einem Zug herunter. Gerührt von dieser emotionalen Ansprache prostete ich ihm schwankend mit einem vollen Schnapsglas zu und vernichtete den Inhalt ebenfalls.

Abends sollten dann alle zusammen so richtig Party machen. „Teambuilding“ heißt das in der Fachsprache. Das Motto der diesjährigen SAUF lautete „Biene Maja“ und vor allem die jüngeren Kollegen hatten sich wirklich tolle Kostüme ausgedacht, die sie nach dem Abendessen in der hoteleigenen Bar präsentierten. Da trippelte der Azubi im Grashüpfer-Outfit mit Flügeln auf dem Rücken durch die Gegend, während die Sekretärin ihre üppige Oberweite in ein schwarzgelbes Etwas zwängte und eigentlich mehr wie eine Hummel aussah. Es gab auch Ameisen und Raupen, Spinnen und Käfer. Und einen Ironman, eine Elfe und zwei Kollegen im Deutschlandtrikot. Das offizielle Motto war vielen nämlich scheißegal. Es ging ihnen nur darum, möglichst bekloppt auszusehen und sich dabei abzuschießen.

Als ich am nächsten Morgen aufwachte, hatte sich mein Kopfkissen blutrot gefärbt. Erschrocken fuhr ich hoch. Dann erkannte ich, dass die rote Farbe von meinem Marienkäfer-Kostüm stammte. Das bestand nämlich nur aus roten und schwarzen Flecken in meinem Gesicht. Das Motto hatte ich vor der SAUF leider total vergessen. Und so musste mir eine der Praktikantinnen mit ihrem Schminkkoffer aushelfen. Die Praktikantin lag übrigens gleich neben meinem verschmierten Kissen. Und mit ihr noch schätzungsweise zwölf andere Kolleginnen und Kollegen sowie unzählige leere Bierdosen und Schnapsflaschen. Ich blickte mich um. In meinem, eigentlich Doppel-, Zimmer sah es aus, wie nach einem Kindergeburtstag, bei dem alle Kinder vergammelte Torte zu essen bekommen hatten. Überall lagen schmutzige und zerrissene Kostüme herum und der Gestank in der Luft war eine Mischung aus Kotze, Pups und Schminke. Das wird ein geiler zweiter SAUF-Tag! Da war ich mir sicher.

Um 9 Uhr war das Frühstück angesetzt. Beim Blick in manche Gesichter konnte man meinen, der- oder diejenige hätte noch die verwischte Schminke von gestern drauf oder sich bereits für Halloween zurecht gemacht. Dabei sahen alle einfach nur schlimm aus. Der Kaffee floss in Strömen. Als das Frühstücksbüfett nach einer Stunde leer gefegt war, wurden bereits die ersten Rufe nach Bier laut. Wie durch Zauberhand erschienen in einer Rauchwolke plötzlich neue Bierdosen und Schnapsflaschen auf den Tischen und alle griffen zu, als sei nichts gewesen.

An diesem zweiten Tag der SAUF sollte die Kultur im Vordergrund stehen. Die Firma hatte extra einen Ausflug in die Berge organisiert. Mit zwei Bussen zuckelte die gesamte Belegschaft durch die Landschaft und becherte währenddessen ordentlich weiter. Die Fahrt dauerte nur knapp eine Stunde. Trotzdem mussten wir dreimal anhalten. Einmal zum Bier kaufen, einmal zum pinkeln, einmal zum kotzen.

Oben auf dem Berg hatte sich das Organisationskomitee eine wirklich tolle Wanderroute ausgesucht. Ich genoss die Sonne und fühlte mich an der frischen Luft schnell wieder wohl. Nach gut 1,5 Kilometern hatten wir den Gipfel allerdings schon erreicht und so setzten wir uns die nächsten vier Stunden in den Biergarten der Bergstation und ließen uns eine Weißbierspezialität nach der anderen servieren. Kurz bevor es dunkel wurde, wankten alle wieder zurück zu den Bussen. Ein Kollege aus der IT hatte sich für die Wandertour ganz optimistisch in sein Kakerlaken-Kostüm gezwängt. Auf dem Weg nach unten stolperte er über eines seiner Beine und schlug sich an dem schroffen Felsen das Kinn auf. In dem Helikopter, der ihn anschließend ins Krankenhaus brachte, wäre ich auch gerne mitgeflogen, doch dann wäre mir wahrscheinlich nur schlecht geworden.

Abends sollten dann alle wieder richtig Party machen. Dazu eroberten wir die einzige Kneipe unseres kleinen Kaffs. Eigentlich war sie ganz nett. Eine kleine Après-Ski-Bar mit netten Mädels hinter dem Tresen und einem lustigen DJ. Um vier Uhr morgens waren alle nackt. Auch der DJ. Ich fand mein T-Shirt in dem Gedränge leider nicht wieder und musste bei drei Grad Außentemperatur oben ohne den Weg zurück ins Hotel antreten.

Als ich mein Apartment erreichte, freute ich mich auf die verbleibenden zwei Stunden Schlaf bis zur geplanten Abfahrt Richtung Flughafen. Doch in der Küche tobte noch die wildeste Party. Irgendetwas schien gebrannt zu haben. So roch es zumindest und der Brandmelder lag zerstört in der Ecke. Im gesamten Apartment hatte jemand kreuz und quer rotweißes Absperrband aufgehängt. Überall lagen nasse Handtücher. Im Fernsehen lief ein russischer Porno mit tschechischen Untertiteln. Die Glastür zur Terrasse war zerschlagen. Daneben lagen blutige Taschentücher. In der Ecke stand ein Plastikhut, randvoll gefüllt mit Sangria. Und Tampons. Und überall waren Leute. Sie quatschten, tanzten, tranken und rauchten. Viele kannte ich gar nicht. In der Ecke meine ich, erkannt zu haben, wie unser Betriebsratschef mit der Empfangsdame vom Hotel knutschte. Schließlich fand ich auch mein T-Shirt wieder. Es hing am Deckenventilator im Wohnzimmer und drehte seine Runden. Gut, dass wir uns heute auf Kultur konzentriert haben, dachte ich.

Der nächste Morgen, also gut eineinhalb Stunden später, kam mir vor wie die Anfangsszene aus „Der Soldat James Ryan“. Überall in der Lobby taumelten und humpelten Menschen durch die Gegend, manche fielen hin, nicht alle rappelten sich sofort wieder auf. Viele hockten mit schmerzverzerrtem Gesicht in der Ecke und riefen nach ihrer Mami. Der Kollege mit dem aufgeschlagenen Kinn war im Krankenhaus notdürftig versorgt worden und saß jetzt mit einem riesigen Pflaster in seinem blutverschmierten Gesicht auf einem Lounge-Sessel.

Es dauerte fast vier Wochen, bis die Belegschaft nach ihrer Rückkehr nach Deutschland wieder in kompletter Stärke zur Arbeit antreten konnte. Die meisten waren nur wenige Tage krank, mein Kater hielt ungefähr eine Woche an. Am schlimmsten hatte es den Praktikanten aus der Buchhaltung erwischt. Er war in dem Après-Ski-Club beim Tanzen vom Tisch gefallen und lag drei Wochen mit gebrochener Hüfte im Krankenhaus. Ein anderer Kollege hatte bei unserer Wanderung betrunken in einen giftigen Pilz gebissen, den er am Wegesrand gefunden hatte. Er musste zwei Wochen lang per Magensonde ernährt werden.

Wir warten jetzt alle nur noch auf das erste Lebenszeichen unseres Betriebsratsvorsitzenden. Der ist nämlich tatsächlich mit der Rezeptionistin durchgebrannt. Wir gehen davon aus, dass wir bald zur Hochzeit in die Schweiz eingeladen werden.

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