Alarmstufe All Inclusive (8:00)

Während meines letzten Urlaubs wollte ich es mir mal so richtig gut gehen lassen. Ich hatte stressige Wochen hinter mir mit einer Menge Arbeit, nervigen Meetings und anstrengenden Konventions, bei denen man bis tief in die Nacht mit den Geschäftspartnern zusammensitzt, in ungezwungener Runde die nächsten Schritte bis zum Vertragsabschluss bespricht und sich dabei locker flockig durch die Getränkekarte arbeitet.

Mit diesen die Arbeitskraft zersetzenden Events voll geheuchelter Freundlichkeit und schwitziger Händedrücke sollte jetzt erst einmal Schluss sein. Meine Frau und ich hatten uns eine Woche All Inclusive in einem schicken Hotel am Meer gebucht und wir hatten uns fest vorgenommen, den Liegestuhl nur im allergrößten Notfall zu verlassen. Wir wollten Entspannung. Keinen Stress.

Der erste Urlaubstag ist immer der beste. Nach dem Einchecken an der Rezeption unserer Hotelanlage schmissen wir nur unsere Koffer aufs Bett, hüllten unsere bleichen, nordeuropäischen Körper in die Badeklamotten und legten uns auf zwei Liegen nebeneinander an den Pool.

Es war herrlich. Nirgendwo klingelte ein Telefon. Kein pummeliger Chef schwabbelte um die Ecke und blubberte einen mit sinnlosen Anweisungen voll. Der nach Schweiß stinkende Konferenzraum mit dem Beamer, der nie funktionierte, war 4000 Kilometer weit entfernt. Und die anstrengenden Kollegen, die im Vorbeigehen immer den gleichen, tausend Jahre alten Witz rissen oder einen debil grinsend und mit den Worten „Ich hab nachher noch einen Anschlag auf dich vor“ begrüßten, konnten mir jetzt und in den nächsten Tagen gestohlen bleiben.

In einem All-Inclusive-Hotel macht man ziemlich schnell Bekanntschaft mit dem Hotelpersonal. In der Ecke, die wir uns für unseren ersten Poolnachmittag ausgesucht hatten, schien nicht viel los zu sein, sodass der Kellner, der für unsere Versorgung zuständig war, schon bald zu uns herüber geschlurft kam und uns in gebrochenem Englisch nach unseren Wünschen fragte. Ich hob kurz meine Sonnenbrille, blickte zu meiner Frau, die sich in ihrem Sonnenkoma offenbar nicht stören ließ und sagte nur: „Nein, Danke.“ Auf Deutsch natürlich. Der Kellner schlurfte wieder davon. Falls nötig, würde ich uns später etwas vom Tresen holen.

Wenig später kam ein gut gelaunter, junger Kerl zu uns, der ein babyblaues Polohemd mit dem Logo des Hotels darauf trug.

„Hallo, Hallo, wie geht, wie geht? Gut? Alle gut?“, begrüßte er uns breit grinsend.

„Ja, vielen Dank“, antwortete ich und zwang mich ebenfalls zu einem Lächeln. „Wir sind eben erst angekommen.“

„Ah, toll! Was wolle machen? Tauchen? Quadfahren? Ausflug mit Frau?“

Während er fragte, wedelte er mit einem gelben Flyer vor meiner Nase herum. Darauf erkannte ich ein paar unscharfe Fotos und ein paar Beschreibungen zu Ausflügen auf Deutsch mit einer bemerkenswerten Menge an Rechtschreib- und Grammatikfehlern. Es war die Art von Flyer, die man am liebsten kopieren und in einem Internetportal für lustige Urlaubsfundstücke hochladen möchte. Viele geben sich ja echt Mühe. Aber ein blinder Affe mit nur einem Arm hätte das wahrscheinlich besser hinbekommen.

„Vielen Dank, vielleicht später“, sagte ich, immer noch lächelnd, während ich den Flyer entgegen nahm und dachte: „Rufen sie uns nicht an, wir melden uns bei ihnen.“ So wie in einer Casting-Show.

Der Bedienstete aus der Bespaßungs-Abteilung dackelte wieder ab, ohne sein vertraglich vereinbartes Gute-Laune-Grinsen abzustellen. Seine Zielerfassung war bereits auf die nächsten Gäste gerichtet.

Den Rest des Tages ließ man uns in Ruhe. Ich hatte schon befürchtet, dass wir jetzt ständig Freizeitangebote abwimmeln müssten, doch so konnte ich mich darauf konzentrieren, dass mich der Schatten des Sonnenschirms nicht erreichte.

In der Hoffnung, das nächste Sonnenbad vergleichbar entspannt genießen zu können, legten meine Frau und ich uns am nächsten Tag wieder an die gleiche Stelle.

Wieder war der Kellner recht schnell zur Stelle und aus Höflichkeit bestellten wir eine Cola und ein Wasser. Kaum standen die Gläser auf dem Tisch, rauschte der babyblaue Freizeitmensch wieder auf uns zu.

„Heeey! Wie geht heute? Was wolle machen? Tauchen? Quadfahren in Wüste? Ausflug mit Frau?“

„Nein, vielen Dank“, antwortete ich höflich. „Nur entspannen.“

„Alle klar! Wenn was mache wolle, Bescheid sage!“

Und weg war er wieder.

Sehr schön, dachte ich, das war’s dann wohl heute mit nervigen Freizeitangeboten. Ich nahm mein Buch zur Hand, von dem ich mir vorgenommen hatte, es in diesem Urlaub komplett durchzulesen, und lehnte mich zurück, während meine Frau langsam wieder im Sonnenkoma versank.

Doch die Freizeitarmee dieser Ferienfestung hatte offenbar noch weitere Geschütze hinter den Zinnen. Ich war gerade im ersten Kapitel meines Buches versunken, als plötzlich neben meiner Liege ein Typ aus dem Nichts auftauchte. Dieser hatte ein gelbes Polo-Shirt an und trug eine mannshohe Plastiktafel mit sich herum.

Freundlich kniete er sich neben mich, wies mit der Hand auf die Tafel und sagte: „Massage? Hamam? Für die Dame? Den Herren?“

Auf der Tafel waren fein säuberlich alle Massageangebote des Hotels aufgelistet, von heißen Steinen über Öl bis hin zu Klangschalen, außerdem Maniküre, Pediküre, Frisörangebote und Rasuren. Alles ohne Happy End.

Beim Wort „Massage“ zuckte meine Frau kurz. Normalerweise ließ sie sich keine Gelegenheit für eine gepflegte Kneterei entgehen. Doch offenbar kam ihr unser Schwur in den Sinn, nur im absoluten Notfall aufzustehen, und so versank sie wieder in ihrer Bräunungsstarre.

Ich winkte mit der bereits gewohnten Gelassenheit ab und sagte wieder: „Nein Danke, vielleicht später.“

Das Massage-Männchen klemmte sich seine Tafel wie ein Surfbrett unter den Arm und verschwand wieder.

Am dritten Tag wollten wir unser Glück am Strand versuchen. Wir fanden ein nettes Plätzchen unter einem Sonnenschirm aus Stroh und machten uns breit. Die Sonne brannte heftig und den heißen Sand konnte man nicht barfuß betreten, doch wie gesagt, aufstehen wollten wir nur im Notfall.

Der Platz am Strand war toll. Die Aussicht auf das Meer war so schön, dass ich weder schlafen noch lesen wollte. Nur gucken.

Und auf einmal hörte ich seltsame Geräusche.

„Fuut, Fuut, Fuut! Bool, Bool, Bool!“

Sie kamen immer näher.

„Fuut, Fuut, Fuut! Bool, Bool, Bool! Fuutbool!“

Ach Fußball, wurde mir dann klar, als ich einen weiteren Bespaßungs-Bediensteten durch die Liegestuhlreihen am Strand streifen sah. Ich schnappte mein Buch und tat beschäftigt und nickte dem Kerl nur kurz lächelnd zu. Wer will denn bei dieser scheiß Hitze schon Fußball spielen? Offenbar ein paar andere bekloppte Deutsche, wie ich wenig später sah.

Und in dieser Art ging das an den kommenden Tagen am Strand weiter. Mal wurde „Fuutbool“, mal „Vollibool“ gerufen, manchmal „Bananaboot“ und ab und zu auch „Melone, Melone, Ananas“.

Irgendwann schlief ich ein und schreckte wieder hoch als plötzlich jemand direkt neben meinem Kopf in die Hände klatschte und „Jaaa, toll, perrrfekt!“ rief. Einer der Beschäftigungs-Beauftragten hatte offenbar eine Horde bleicher Nordeuropäer für eine Partie Boule am Strand zusammengetrommelt. Und während die kleinen Kugeln durch den Sand kullerten, suchte der Bespaßer Zuflucht ausgerechnet im Schatten meines Sonnenschirms! Wie ich sah, war er barfuß unterwegs. Anfänger.

Am letzten Tag unseres Urlaubs hatten sie mich dann. Mein Widerstand war gebrochen. Ich sagte zu allem „ja“ und taumelte wie betäubt durch die Hotelanlage. Gleich nach dem Frühstück ging ich schnorcheln, danach Quadfahren, Paragliding und Kamelreiten. Zur Entspannung kurz zur Massage. Mit Rosenöl. Dann Mittagessen. Mit so viel Nachtisch, wie reinging. Auf dem Weg zum Strand ließ ich mir in der Kinderecke einen Schmetterling ins Gesicht malen und schnappte mir eine Tüte Popcorn. Am Strand begrüßte ich kurz meine Frau, die sich den ganzen Tag noch nicht vom Fleck gerührt hatte und sah mich gehetzt nach einem der Animateure um. Ich wollte doch jetzt Fußball spielen! In der Mittagshitze! Menno. Keiner da. Wie gut, dass in dem Augenblick ein anderer Kollege eine Horde Touris im Gänsemarsch an den Strand führte, um Bananenboot zu fahren. Ich jubelte innerlich und ließ mir eine Schwimmweste überstreifen. Anschließend Vollgas am Kuchenbüffet. Vor dem Abendessen spielte ich Darts, hinterher setzte ich mich in einen Formel-1-Simulator, abends sang ich bei der Karaoke-Party „New York, New York“ und ließ mich zur „Miss Clubhotel“ küren.

Es waren unvergessliche Momente.

Ich brauche jetzt erst einmal wieder Urlaub, um mich von dem ganzen Stress zu erholen. Und, weil ich mein Buch nicht geschafft habe.

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3 Gedanken zu “Alarmstufe All Inclusive (8:00)

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