Höllando – Schrei vor Glück oder nimm dir nen Strick (4:00)

Frauen sind schon toll. Allein optisch werten sie jedes Büro auf. Das erfordert allerdings regelmäßige Pflege am Objekt selbst, denn nur mit der aktuellsten Mode können die dekorativen Eigenschaften einer „femina officialis“, so der wissenschaftliche Ausdruck für eine Büroangestellte, dauerhaft aufrecht erhalten werden.

Die Infrastruktur des Internets ist in den vergangenen Jahren so umfangreich ausgebaut worden, dass über die Datenautobahnen heutzutage mehr Pakete mit Schuhen bestellt werden, als rote Blutkörperchen durch menschliche Adern fließen. 25 verschiedene Modelle in 17 verschiedenen Größen sind schnell bestellt, auch während der Arbeitszeit kann ein Bestellvorgang gerne mal eingeschoben werden.

Auch bei mir im Büro beobachte ich dieses Verhalten hin und wieder. Besonders jetzt im Frühjahr gehen die Weibchen verstärkt auf die Jagd nach neuer Dekoration für „corpus“ und „pedes“. Schuhe bestellen und das Paket im Büro entgegen nehmen ist die eine Sache, aber die Heels, Boots, Sneaker, Flip Flops, Overknees und Birkenstocks müssen dann auch sofort und ohne Umschweife anprobiert und begutachtet werden.

Hierbei ist ein weiteres Phänomen zu beobachten. Sobald sich auch nur ein Paket mit neuen Schuhen im Gebäude befindet, nehmen alle weiblichen Angestellten des Bürokomplexes vom ersten bis zum 23. Stock Witterung auf und finden sich innerhalb kürzester Zeit im Büro der Artgenossin mit dem aktuellen Dekorationsbedarf ein. Ganze Etagen sind plötzlich verwaist, Gesprächspartner am anderen Ende der Leitung rufen hilflos „Hallo“ ins Telefon, angebissene Brötchenhälften kompostieren auf Schreibtischen langsam vor sich hin und unter einem ständigen „Ping“ macht die Fahrstuhltür darauf aufmerksam, dass sie sich nicht schließen kann, weil sich ein Aktenordner in der Hektik in ihr verklemmt hat. Hier und da liegen bewusstlose Frauen im Treppenhaus, weil sie sich im Gedränge nicht behaupten konnten.

Das Büro der „prima femina calceus“ verwandelt sich unterdessen in eine Modeboutique. Unter unkontrollierten Freudenschreien wird das kleinwagengroße Paket mit den frischen Schuhen geöffnet und der Inhalt sogleich anprobiert. Was folgt sind Ausrufe wie „Ach, die sind schick!“ oder „Nein, das bist du nicht, probier nochmal die anderen“. Immer wieder ist auch „Die sind toll, die kannst du zu allem tragen!“ zu hören. Das im Mittelpunkt agierende Weibchen stolziert dabei von rechts nach links und sagt Sachen wie „Ach, ich weiß nicht“, „Oh Gott, nein!“ und „Och, so teuer sind die ja gar nicht“. Gerne wird auch ein „Ich habe die ja schon in Schwarz und wollte die aber noch in Rosé haben“ eingestreut, gefolgt von „Schade, dass wir im Büro keinen Ganzkörperspiegel haben“.

Die Kolleginnen, die ein paar Augenblicke zu spät kommen und nur noch einen Platz in den hinteren Reihen ergattern können, müssen sich verstärkt untereinander beschäftigen. Über ein „Hast du auch neue Schuhe“ oder ein „Ich mag dein Top voll gerne“ geht es aber meist nicht hinaus. Dafür haben plötzlich alle einen Espresso in der Hand, blättern in Modezeitschriften und prokeln sich mit Bleistiften in den Haaren herum.

Nach einem letzten „Voll schön“ oder „Also ich würde die behalten“ verstreut sich das Rudel wieder in die Büros des mehrstöckigen Geheges. Ein paar Tage lang bleibt es ruhig, doch irgendwann weht wieder der süße Geruch neuer Schuhe durch die Flure und alles steht erneut Kopf.

Ich habe beschlossen, dass jetzt so ähnlich zu machen. Natürlich nicht mit Schuhen. Aber im Internet kann man sich ja zum Beispiel auch frische Steaks bestellen. Und im Gegensatz zu einem Ganzkörperspiegel haben wir tatsächlich einen Grill im Bürogarten. Den kann ich ganz leicht in den Fahrstuhl und dann neben meinen Schreibtisch schieben. Voll schön!

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