Yes!Con 2020: Warum Männer sich so schwer tun, über Krebs zu reden

Es ist Ende Juni 2020. Ich sitze in einem Zimmer der Neugeborenenstation im Krankenhaus und bin immer noch völlig fertig von der Geburt meiner Tochter, die ich soeben erleben durfte. Meiner Frau und der Kleinen geht es gut. Im Zimmer ist es ruhig. Wir dösen vor uns hin und versuchen, uns zu entspannen. Es ist erst früher Nachmittag, doch viel geschlafen haben wir in den vergangenen 30 Stunden nicht.

Mein Handy vibriert. Es handelt sich um eine Nachricht über den Chat der Yes!WeCancer-App. „Hallo Stefan“, lese ich, „es ist schon eine Weile her und nun möchte ich dir mal wieder schreiben…“ Damit endet der Text der Vorschau. Ich wische ihn beiseite, ohne die komplette Nachricht zu öffnen. „Kümmere ich mich später drum“, denke ich und döse weiter.

Erst sechs Wochen später komme ich auf die Idee, die App mal wieder zu öffnen. Frau und Kind geht es weiterhin gut und die vergangenen Wochen waren aufregend und schön. Ich sehe, dass sich im Chatverlauf eine ungeöffnete Nachricht befindet. „Wann habe ich die denn bekommen? Warum hat die App sich nicht gemeldet?“, sind meine ersten Gedanken.

Bei der Nachricht handelt es sich um eine Anfrage für die Yes!Con, Deutschlands erster digitaler Krebs-Convention. Bei einer Gesprächsrunde mit dem Titel „Schweigen für die Prostata – Warum Männer sich so schwer tun, über Krebs zu reden“ soll ich dabei sein. Der Absender gehört zum Team der Veranstaltung und findet, ich würde gut in die geplante Männerrunde passen.

Was für eine tolle Nachricht! Ich freue mich, dass man bei der Planung für ein solches Event an mich denkt! Aber ist es für eine Zusage jetzt zu spät? Die Anfrage ist ja schon sechs Wochen alt. Warum habe ich die Nachricht nur verpasst? Oder Moment… war da nicht was? Damals im Krankenhaus? So langsam dämmert mir, warum ich die Nachricht vergessen habe.

Um es kurz zu machen: Mit meiner Teilnahme an der Yes!Con hat es dann nach einigen E-Mails und netten Telefonaten doch noch geklappt und ich bin im Nachhinein immer noch sehr zufrieden, froh und glücklich, dass ich dabei sein durfte!

Live on Stage: Schweigen für die Prostata

Unser Panel „Schweigen für die Prostata – Warum Männer sich so schwer tun, über Krebs zu reden“ begann am Samstag, 26. September 2020 um 17 Uhr. Wer möchte, kann sich gerne den weiter unten verlinkten offiziellen Mitschnitt bei YouTube anschauen. Ich war der dicke Junge ganz links, der sich so verkrampft am Stuhl festhielt.

Neben mir saß Peter Schilling, der mit seinen 70 Jahren eigentlich irgendwo am Strand seinen Ruhestand genießen könnte. Stattdessen war er mit Ehefrau und Wohnwagen nach Berlin gereist, um auf der Yes!Con 2020 über seinen Mundbodenkrebs und seinen Lungenkrebs zu sprechen. Eine wirklich beeindruckende Begegnung!

Einen Stuhl weiter saß Alexander Greiner, der seine Erfahrungen mit metastasiertem Hodenkrebs in seinem Buch „Als ich dem Tod in die Eier trat“ verarbeitet hat. Inspiration pur! Moderator Tobias Korenke hat seine Frau an Brustkrebs verloren. Später erfuhr ich, dass die Familie zum Zeitpunkt der Diagnose dabei war, ein Haus zu renovieren. Eine bemerkenswerte Parallele zu meiner eigenen Geschichte.

Dirk „Don“ Rohde ist Polizist und hatte Zungengrundkrebs. Er erzählte, wie er das Sprechen neu lernen musste, um nach seiner Rückkehr in den Beruf wieder als Respektsperson wahrgenommen zu werden. Am mir entgegengesetzten Ende saß Matthias Thönnessen. Sein Hodenkrebs ist bereits zehn Jahre her. Mittlerweile ist er bei der Stiftung „Movember“ tätig, die sich mit der jährlichen Schnurrbartaktion im November für Männergesundheit einsetzt.

Kindliche Prägung? Falscher Stolz? Warum sprechen Männer nicht so offen über Krebs? Hier unsere Runde in voller Länge:

Was darüber hinaus in Berlin passierte, war ein wirklich tolles, inspirierendes und mutmachendes Event. Ein Wochenende unter Gleichgesinnten. Eine Atmosphäre geprägt von Wertschätzung, Respekt und Herzenswärme. Eine intensive Erfahrung, die ich so nicht erwartet hatte.

#DUBISTNICHTALLEIN

Ich habe für mich unglaublich viel von dieser Veranstaltung mitgenommen. Beeindruckt war ich von der Prominenz, die für die Premiere der Yes!Con gewonnen werden konnte. Gleich zu Beginn faszinierte mich die von Joko Winterscheidt moderierte Talkrunde mit Stefanie Giesinger, Karla Borger, Tim Lobinger und the one and only Wolfgang Bosbach. Anschließend setzte sich Tim Mälzer für mehr Qualität beim Krankenhausessen ein. Paula Lambert sprach über Krebs und Sex aus Sicht der Frau. Julia Josten, Susan Sideropoulus und Alexander Mazza moderierten sich die Finger wund. Manuela Schwesig wurde für den offenen Umgang mit ihrer Krebserkrankung ausgezeichnet. Schiller und Axel Prahl sorgten für Musik.

Das Herz der YES!CON bildeten allerdings die zahlreich erschienenen Patient*innen, Mutmacher*innen, Blogger*innen, Autor*innen, Aktivist*innen, Podcaster*innen, Influencer*innen, Angehörigen und auf welche Weise auch sonst von Krebs Betroffenen. Jeder hatte eine eigene Geschichte zu erzählen und jede Geschichte wurde gehört. Jeder Krebserfahrung wurde die Aufmerksamkeit geschenkt, die sie verdiente. Kompetent gestützt wurden diese Einzelschicksale von Mediziner*innen, Forscher*innen, Spezialist*innen, Politiker*innen und weiteren Expert*innen aus unterschiedlichsten Bereichen. Am Ende stand eine große Gemeinschaft mit der zentralen Botschaft: Du bist nicht allein.

Die Yes!Con feierte 2020 ihre Premiere, aber das gesamte Team erweckte den Eindruck, als hätte es noch nie etwas anderes gemacht. Das Event war professionell geplant, vom Check-in über den Roten Teppich bis hin zur Live-Übertragung. Ich habe das sehr genossen! Jedenfalls, nachdem die Aufregung und Schweißausbrüche nach meinem Auftritt langsam nachließen… Vielen Dank für die Einladung, ich freue mich auf die Yes!Con 2021!

Titelbild: Peter Müller

Bei diesem Beitrag handelt es sich ausdrücklich nicht um einen Sponsored Post. Für die Anreise zum Event sind lediglich Fahrt- und Übernachtungskosten anteilig übernommen worden.

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