Das traurigste Bier (11:00)

In wenigen Wochen werde ich das wahrscheinlich traurigste Bier meines Lebens trinken. Mit dem Bier wird alles in Ordnung sein, nur mit den Umständen nicht. In wenigen Wochen wird nämlich meine Stammkneipe nach gut 23 Jahren endgültig ihre Türen schließen. Wie es sein wird, wenn ich am 31. Januar mein letztes Bier im Rio’s trinken werde, kann ich mir noch gar nicht vorstellen.

Ich kannte das Rio’s schon, da gab es noch ein „Unten“. Der Tresen und ein paar Tische und Stühle standen direkt hinter der Eingangstür im Erdgeschoss. Über eine Treppe ging es ins Obergeschoss mit weiteren Sitzgelegenheiten und einem Shuffleboardtisch, wenn ich mich recht erinnere. Der Raum oben war nur halb so groß wie heute, denn die Fläche teilte sich das Rio’s mit dem Szeneladen „Street Sounds“, in dem Schallplatten und Streetwear verkauft wurden. In dieser Zeit, irgendwann zwischen 1995 und 1996, muss ich das erste Mal im Rio’s gewesen sein. Bis dahin hatte ich nur davon gehört und war mir nicht sicher, ob ich da überhaupt hin wollte. Da hingen doch nur die coolen Kids rum und tranken Alkohol, dachte ich. Für mich zum damaligen Zeitpunkt noch nicht so das Thema.

Das sollte sich aber bald ändern. Kurz darauf wurde das Rio’s größer. Das „Unten“ wurde eingemottet, in einen geräumigen Eingangsbereich umgewandelt und nur zu Großereignissen wie Kneipengeburtstag oder Weihnachten wieder schick gemacht. „Street Sounds“ zog ein Haus weiter und das Rio’s konnte sich über das gesamte Obergeschoss ausbreiten. Neben einer langen Theke und dem Kickertisch entstanden zahlreiche Sitzgruppen wie der „Fisch“ oder die „Palme“.

Das Rio’s wurde zu meinem ständigen Begleiter. Vor dem Kino, nach dem Kino oder bevor wir weiter in die Discos „Inkognito“, „Musikfabrik“ oder später auch „Klangzirkus“ radelten, trafen wir uns am Tresen, am Desperados-Fass oder eben am fischförmigen Tisch im Rio’s. Manchmal waren wir sogar schon vormittags da, denn neben nächtelangen Partys konnte man in der Bar auch ein recht gutes Frühstück genießen. Sogar unsere Vorbesprechung zum Skikurs in der 13. Klasse haben wir mit einem Frühstück im Rio’s verbunden. Inklusive Sportlehrer!

Doch meistens gehörten uns dort die Nächte. Oft genug haben wir die Bar nicht nur als Treffpunkt vor Kino- oder Clubabenden genutzt, sondern ganz bewusst und absichtlich bis zum nächsten Morgen an der Bar gesessen. Heiligabend im Rio’s war über viele Jahre hinweg ein absoluter Pflichttermin für mich. Meistens habe ich bis vier Uhr morgens durchgehalten. Der Rest hat bis zehn Uhr weitergefeiert.

Eines der Getränke, die ich sofort mit dem Rio’s in Verbindung bringe, ist „Hooch“, eine dieser fruchtigen, mit Alkohol gemischten Limonaden, die später als „Alko-Pops“ in Verruf gerieten. Mein Lieblings-Hooch war Erdbeere. Damit konnte man gut in den Abend starten und anschließend auf Bier oder einen ebenso für das Rio’s stehenden Long-Island-Icetea mit Haribo-Colaflasche als Deko umschwenken.

Und so saßen wir da, tranken Hooch oder Holsten, hörten chillige Musik oder die Lieblingsplatten von Kneipenchef Oli und genossen den einzigartigen Blick aus dem Obergeschoss auf eine der belebtesten Straßenkreuzungen von Celle. Feiern über den Dächern der Stadt. Das hatte keine andere Location. Irgendwie hat mich die Atmosphäre auch immer an die Hamburger Reeperbahn erinnert. Und das nicht nur wegen Astra Urtyp. Mit dem Rio’s hatte Celle immer schon eine Studentenkneipe, ohne Studenten zu haben.

Je öfter wir dort saßen, desto häufiger kamen wir mit dem Kneipenteam ins Gespräch. Irgendwann wurden wir mit Namen begrüßt, wenn wir die Treppe hoch und am Tresen vorbei kamen. An Ostern hat Kneipenchefin Dawn einmal Süßigkeiten verteilt und wir haben lustige Fotos mit diesen ekelhaften Zuckereiern gemacht, die wir uns hinter die Brille klemmten. Eines Tages saßen wir an einem Tisch am Fenster und spielten Karten. Der Laden war brechend voll. Als Dawn uns erblickte, fing sie an zu strahlen, kam zu uns herüber und sagte: „Schön, dass ihr da seid.“ Spätestens jetzt war das Rio’s mehr als nur ein Ort, an dem man sitzen und Bier trinken konnte. Wenn die Besitzer deiner Lieblingskneipe dich mit Namen begrüßen, dich an Weihnachten umarmen und dich auch tagsüber auf der Straße erkennen, dann ist das einfach schön. Das werde ich vermissen.

Aufgrund der langjährigen Verbundenheit haben wir dort sogar mal einen 30. Geburtstag in einem extra für uns abgesperrten Teil feiern dürfen. Und für das Fegen eines Kumpels vor dem Rathaus, ebenfalls zum 30. Geburtstag, habe ich mir im Rio’s mal einen riesigen Karton Kronkorken bestellt. Irgendwie war das Rio’s an ganz schön vielen Ereignissen in meinem Leben beteiligt.

Der Verkehrsknotenpunkt, an dem das Rio’s liegt, wird ihm nun zum Verhängnis. Meine Stammkneipe muss nicht etwa schließen, weil sie pleite ist oder die beiden Inhaber Dawn und Oli in Rente gehen, nein. Das Rio’s wird abgerissen und mit ihm die gesamte Häuserzeile. Der Grund dafür ist die Straße, die an dieser Stelle breiter werden soll. Ein intakter Szenetreff und weitere Einrichtungen, darunter ein Malerbetrieb und eine 100 Jahre alte Sporthalle, müssen weichen, damit der Autoverkehr in Zukunft besser fließen kann.

Und was dann? Wo soll ich denn in Zukunft mein Holsten trinken? Ok, ich gebe zu, dass die Besuche im Rio’s in den vergangenen Jahren weniger geworden sind. Dem Regelmäßig-Vorglühen-Alter bin ich mittlerweile entwachsen und auch an Heiligabend war ich zuletzt nicht mehr in der Bar. Doch so alle paar Wochen, manchmal Monate, meistens im Winter, schaffe ich es noch. Letztens mal wieder vorm Kinobesuch. Doch es geht hier nicht nur um mich. Und es geht auch nicht nur ums Rio’s. Als gebürtiger Celler, also als Cellenser, habe ich bereits viele Kneipen und Szenetreffs kommen und sterben sehen. Da war zum Beispiel das „Ohne Gleichen“ und auch im „Scallawags“ habe ich gerne gefeiert. Ich kann mich sogar noch ans „Planet“ erinnern. Zur Expo-Zeit bin ich regelmäßig in der „Stadt-Lounge“ gewesen und auch dem „Barbarossa“ habe ich eine Chance gegeben. Heute ist das alles weg. Im letzten Jahr hat es dann den Kultladen „Gegen den Strich“ erwischt. Und jetzt also das Rio’s.

Natürlich gibt es noch Bars und Kneipen in der Stadt, in denen man gut feiern kann. Ich möchte keine Location in Celle diskriminieren und bin in vielen von ihnen gerne zu Gast. Doch wie das Rio’s ist keine. Das ist allein schon daran zu erkennen, dass die Kneipe keinen alternativen Standort gefunden hat, an den sie hätte umziehen können. Zu speziell ist das Angebot der Bar, in der man sowohl um 9 Uhr morgens ein Frühstück als auch um 2 Uhr nachts einen Cocktail bestellen kann. Und dazwischen ist ganz viel Party.

Ich hatte gehofft, diesen Text niemals schreiben zu müssen. Seit mehr als fünf Jahren wird bereits über einen Ausbau der Straße am Rio’s diskutiert und dagegen geklagt. Im Frühjahr 2018 sollen nun die ersten Abrissbagger rollen, doch sicher ist das keinesfalls.

Dieser Text ist in erster Linie natürlich eine Hommage an das Rio’s. An mein Rio’s, mit dem viele andere wahrscheinlich viele andere, aber ähnliche Erinnerungen verbinden. Gleichzeitig wird die Kneipe in meinen Augen zu einem Symbol dafür, dass hier irgendwas nicht stimmt. Celle war noch nie eine Stadt der jungen Leute. Aber im Moment fühlt es sich so an, als wären sie hier regelrecht unerwünscht. Die meisten gehen nach der Schule weg, nach Hannover, Braunschweig oder Hamburg, weil sie dort bessere Chancen haben. Wer studieren will, muss die Stadt verlassen, denn eine Universität hat Celle nicht. Und eine erwähnenswerte Kneipenszene auch immer weniger. Kultur? Könnte besser sein. Nächstes Jahr schließt beispielsweise die städtische Kleinkunstbühne. Die Argumente, mit denen junge Menschen sich für ein Leben in Celle entscheiden könnten, werden immer weniger.

Vielleicht ist das letzte Wort in Sachen Rio’s ja noch nicht gesprochen. Insgeheim wünschen sich viele Celler, dass es irgendwie weitergeht. Ich auch. Vor allem jetzt zu Weihnachten.

Mit dem Fokus auf Schlosstheater und Fachwerkhäuser allein gelingt der Weg in eine vielfältige Zukunft in Celle jedenfalls nicht. Bleibt zu hoffen, dass sich bald jemand ein Herz fasst und Celles sterbende Jugendszene wiederbelebt. Das muss nichts Wildes sein. Das Rio’s ist ja auch nichts Wildes, aber gut. Ich werde es vermissen.

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