Und wieder liegen überall Bonbons (6:30)

Husten, Schnupfen und Halsschmerzen bedeuten Ausnahmezustand für Körper, Geist und Haushalt. Alles ist unwichtig. Der nächste Tee, die nächste Kopfschmerztablette werden zu den dringendsten Bedürfnissen. Bewegung wird vermieden. Keine unnötig langen Wege. Klo, Kühlschrank, Couchtisch – Das reicht.

Die quälenden Tage der Erkältung werden überwiegend auf dem Sofa verbracht. Zu Weihnachten und Silvester kann ich mich gerade noch aufraffen. Schließlich ist die Verwandtschaft angereist, das Essen vorzüglich und die Geschenke wollen verteilt werden. Und die Einweihung des neuen Raclettegrills soll unbedingt zum Jahreswechsel geschehen.

Doch danach geht erstmal gar nichts. Der Feiertagskater vermischt sich mit einer Schleimattacke der übelsten Sorte. Es scheint, als hätte die Erkältung gewusst, dass sie nur das Jahresende irgendwie überstehen muss, um dann endgültig zuschlagen zu können.

Innerhalb weniger Tage gehen die Taschentuchvorräte rapide zur Neige, während sich auf dem Tisch in der Küche ein beachtliches Medikamentenarsenal auftürmt. Es beginnt wie so oft mit Tabletten gegen Kopfschmerzen und Schnupfen, später erweitert um Halspastillen und Nasenspray und nach einem Arztbesuch um Tropfen gegen Reizhusten. Dazu noch ein weiteres leichteres Nasenspray und ein weiteres stärkeres Kopfschmerzmittel zur Abwechslung. Die bunten Schachteln und Blisterverpackungen stapeln sich neben dem Obstkorb wie ein Mahnmal für die aktuelle Ausnahmesituation.

Und natürlich Bonbons. Überall Bonbons. Wenn es im Hals kratzt, brauche ich immer etwas mit viel Bumms. Im Supermarkt halte ich Ausschau nach grünen oder blauen Verpackungen mit Hustenbonbons. Irgendwas mit Eukalyptus oder Menthol muss es ein, so dass einem beim Einatmen der Schleim regelrecht weggeätzt wird. Richtig wehtun muss das. Salbei ist auch nett, knallt aber nicht so.

Bei Hustenbonbons decke ich mich immer gleich mit mehreren Packungen ein. Die zentrale Bonbonbasisstation ist meistens der Couchtisch, weil ich mich während dieser schleimigen Nahtoderfahrungen in seiner Nähe am häufigsten aufhalte. Vom Couchtisch aus werden dann nach und nach kleine Stoßtrupps in alle Winkel des Hauses entsandt, um an allen strategisch sinnvollen Punkten meiner Heimstatt weitere Stützpunkte einzurichten. So finden sich nach ein paar Tagen überall kleine Häufchen mit Hustenbonbons, beispielsweise auf dem Nachttisch, auf dem Telefontisch neben dem Schlüsselbund und im Bad neben dem Taschentuchspender. Auch in allen momentan in Gebrauch befindlichen Jacken werden kleine Kontingente mit Hustenbonbons untergebracht. Meistens wird ein halbes Dutzend Bonbons einfach nur vorsorglich in die Jackentasche gefüllt, um während des Arztbesuches oder des notwendigen Ganges zum Lebensmittelhändler bzw. Bäcker im Notfall versorgt zu sein. Nach der Rückkehr wird die Ration, sollte sie noch ausreichend Volumen besitzen, an Ort und Stelle belassen, damit ich für den nächsten Außeneinsatz gewappnet bin. Für das Anlegen dieses lückenlosen Versorgungsnetzes in Haus und Kleidung geht mindestens eine komplette Tüte Hustenbonbons drauf.

Erkältungen ziehen sich bei mir gerne mal über mehrere Wochen. Aus meiner Kindheit kenne ich noch Sätze wie „Drei Tage kommt sie, drei Tage bleibt sie, drei Tage geht sie“ oder „Ohne Behandlung dauert eine Erkältung eine Woche, mit Behandlung sieben Tage“. Diese Weisheiten gelten bei mir in letzter Zeit nicht mehr. Wenn nach den ersten Tagen des Zweifelns langsam klar wird, dass mir mal wieder eine regelrechte Nebenhöhlenachterbahn mit grenzenlosem Spaß vom Rachen bis zum Trommelfell bevorsteht, verfluche ich zunächst einmal mein Umfeld. Welcher Arsch hat mich letztens im Zug wohl angehustet? Welcher Arbeitskollege hat sich trotz Bazillenalarms ins Büro geschleppt? Welches Kind hat „Hand vor den Mund“ noch nicht verinnerlicht? Es ist müßig, sich über die Herkunft Gedanken zu machen. Wichtiger ist es, den Scheiß wieder loszuwerden.

Nach zwei Wochen elenden Siechtums kommen jedoch neue Zweifel. Dauert eine einfache Erkältung wirklich so lange? Ist es nicht vielleicht doch eine Allergie? Hausstaub? Hat sich hinter der Wand im Schlafzimmer bisher unentdeckt ein Schimmelpilz angesiedelt, der mir im Schlaf jetzt die Atemwege zerfrisst? Haben wir uns doch ein asbestverseuchtes Haus gekauft? Hat das neue Nutella etwas damit zu tun? Donald Trump? Kann doch alles sein!

Doch dann werden nach zweieinhalb Wochen die Kopfschmerzen wieder schwächer und auch der Schleim tritt den Rückzug aus meinem Körper an. Ich komme immer leichter ohne Halspastillen durch den Tag und zu Tee und Taschentuch greife ich immer seltener. Endlich kann ich auch die Küche wieder aufräumen und die Spülmaschine anstellen. Muss ich auch, denn neben dem Medikamentenmahnmal hat sich in den vergangenen Tagen ein weiteres Kunstobjekt bestehend aus gebrauchten, großen Teetassen gebildet.

Irgendwann kommandiere ich auch die Bonbonbastionen wieder ab. Zum Schlussappell sind die Truppen stark ausgedünnt, doch sie haben wieder einmal hervorragende Arbeit geleistet.

Die Hingabe beim Verteilen der Notfallrationen zu Beginn der Kampfhandlungen lege ich nach dem Ende der Erkältungsphase leider nicht an den Tag. Vereinzelt bleiben Bonbons in Jackentaschen oder Rucksäcken zurück, liegen bei der Arbeit in Schubladen zwischen Kugelschreibern und Büroklammern und auf dem Nachttisch zwischen Zeitschriften, Wasserglas und Wecker. Hin und wieder wird ein Exemplar in das Süßigkeitenfach im Wohnzimmer verlagert, doch von einem geordneten Rückzug kann hier keine Rede sein.

Monate später tauchen immer noch vereinzelte Bonbonveteranen auf und ich weiß nicht, was ich mit Ihnen anstellen soll. Süßigkeitenfach oder Mülltonne? Gehört dieser Bonbon zur Erkältung 2017? Hat er bereits beim fiesen Halskratzen 2016 mitgekämpft? Oder war er gar am großen Grippe-Gemetzel 2015 beteiligt? Diesen hochdekorierten Offizier kann ich doch nicht einfach so ins Abseits befördern! Also wird er fein säuberlich ins Reserveregiment im Süßigkeitenfach eingeordnet.

Wenn jetzt in 2018 wieder ein Kampf um die Verschleimung diverser Körperregionen entbrennen sollte, bin ich zuversichtlich, dass die vereinten Bonbontruppen zusammenstehen werden, um das Gebiet nördlich der Schlüsselbeinlinie zu verteidigen.

Ich wünsche allen ein gesundes neues Jahr!

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