Mein eigenes Stück Rio’s (6:30)

Wenn nach 23 Jahren die Stammkneipe schließen muss, dann ist das ziemlich traurig. Da ist es ein kleiner Trost, dass sich in diesen Tagen das Inventar des Café Rio‘s über ganz Celle verteilt. In mehreren Auktionen vor Ort und im Internet wird die Einrichtung der Kultkneipe nach und nach an ihre größten Fans vererbt. So lebt das Rio’s in vielen Haushalten in Celle weiter. Die ganze Stadt wird somit zum Rio‘s.

Dass sich viele Rio’s-Gäste ein persönliches Erinnerungsstück an ihre Lieblingskneipe sichern wollten, wurde durch den hohen Andrang und die teilweise heftigen Bieterschlachten bei den beiden Live-Auktionen in der Bar deutlich. Wie in Rage schienen sich die Höchstgebote bei einigen Artikeln in die Höhe zu schrauben. Einzelne Stühle gingen für über 100 Euro weg, obwohl sie mit dem ausdrücklichen Hinweis auf Brandlöcher, Schrammen und Eintracht-Braunschweig-Aufkleber versehen wurden.

Einer der Höhepunkte des ersten Versteigerungstages war das Tischensemble „Ying und Yang“, ein zweiteiliger Tisch in der Form des berühmten asiatischen Symbols. Schnell hatten sich zwei Bieterfraktionen herausgebildet. Weder die junge Frau, noch die Gruppe aus drei noch jüngeren Männern wollten aufgeben. Die 100 Euro waren schnell erreicht. Die 200 Euro wurden mit Applaus honoriert, denn kein Artikel an diesem Abend hatte bis dahin dieses Gebot erreicht. Bei 300 Euro wurde es ruhiger im Raum. Bei 400 Euro verstummte auch das letzte Gespräch unter den Gästen. Die beiden Bietergruppen belauerten sich regelrecht und auch Kneipenchef und Auktionator Oli moderierte den Verlauf mit sichtlicher Anspannung. 425 Euro. Die junge Frau ließ sich nicht von ihrem Plan abbringen, den Tisch an diesem Abend mit nach Hause zu nehmen. Stoisch ließ sie jede Erhöhung der Gebote durch die Dreiergruppe an sich abprallen und erhöhter ihrerseits. 430 Euro. Doch die drei jungen Männer hatten sich offenbar das letzte Taschengeld zusammengekratzt und wollten ebenfalls nicht klein beigeben. Jede Erhöhung der jungen Frau wurde umgehend gekontert. 440 Euro. Längst war zwischen beiden Fraktionen auch ein Duell per Blickkontakt entbrannt. Die Dreiergruppe stand mit verschränkten Armen im Raum, unsicher, doch voller Hoffnung. Wie beim Boxkampf forderten Sie die am Tisch sitzende junge Frau auf, weiterzumachen. „Na, komm doch“, schienen sie ihr mit einem Wink zurufen zu wollen. 450 Euro. Die drei Jungs steckten ihre Köpfe zusammen wie vor einem Freistoß auf dem Fußballplatz. Nach kurzer Beratung erhöhten sie das Gebot auf 460 Euro und blickten mit zusammengekniffenen Augen wieder zur jungen Frau. Sie zögerte. „460 Euro zum Ersten!“ Oli hob den Auktionshammer hoch in die Luft. „460 Euro zum Zweiten!“ Im Raum bewegte sich nun niemand mehr. Alle Gespräche waren verstummt. Mein Puls raste allein vom Zuschauen. „460 Euro…“ Der Hammer schwebte noch einen kurzen Moment hoch in der Luft, während Oli mit funkelnden Augen in die Runde blickte, ob nicht doch noch von irgendwo her ein höheres Gebot kam. Dann sauste der Hammer mit einem lauten krachen auf den Tisch. „… zum Dritten! Verkauft!“ Die drei Jungs brachen in Jubel aus und fielen sich in die Arme, als hätten sie den Freistoß tatsächlich versenkt. Applaus brandete auf. Ich schwitzte am ganzen Körper. Die unterlegene junge Frau trug es mit Fassung und verschwand in der Raucherecke.

Mein ganz persönlicher Erfolg war zu diesem Zeitpunkt schon längst vorbei. Ich hatte mir gleich zu Beginn einen roten Kunststoffstuhl mit dem Logo der Bar darauf gesichert, dessen hervorstechendstes Merkmal es war, im Sommer regelmäßig vom Wind über die Kreuzung vor der Bar geweht worden zu sein. Ein Stuhl mit Geschichte. Ich musste ihn haben und bekam ihn für 48 Euro. Weitere Exemplare dieses Modells gingen später teilweise für das Doppelte weg.

Auch sonst war an diesem Abend keine klare Linie im Bieterverhalten zu erkennen. Während eine kitschige Leuchtwerbung von Heinecken an die 200 Euro herankam, brachte es ein großformatiges Leinwandfoto mit dem allseits bekannten Rio’s-Team auf gerade einmal 60 Euro. Ein kleines Whiskeyregal brachte genauso viel wie ein mannshoher, fast neuwertiger Astra-Bierkühlschrank.

Zwei Tage später fand eine weitere Live-Versteigerung statt und auch dafür hatten sich erneut unzählige Inventar-Interessenten im Rio’s eingefunden. Zu den Highlights dieser Auktion gehörte die große, selbstgestaltete Leuchte, die mehr als 20 Jahre lang den Tresen erhellt hatte. Auch hier schraubten sich die Gebote schnell in die Höhe und kamen erst bei über 300 Euro zum Stehen.

Getoppt wurde das nur noch vom Stehtisch aus der Raucherecke. Dieses Möbelstück hatte über Jahrzehnte den Rauch von bestimmt 100.000 Zigaretten in sich aufgesogen und war für viele das kultigste Möbelstück der Bar. Die Vergabe dieses Auktionsartikels entwickelte sich wieder zur Nervenschlacht. Sowohl ein Gast als auch ein Mitglied des Personals wollten sich den Tisch unbedingt sichern. Erstmals erreichte ein Gebot die 500 Euro, was im Raum mit Applaus honoriert wurde. Wie bei einem Boxkampf wurden beide Kontrahenten aus beiden Lagern angefeuert und bejubelt. Schließlich bekam der Rio’s-Mitarbeiter bei 560 Euro den Zuschlag. Der Jubel kannte keine Grenzen und Auktionator Oli brauchte erstmal eine Pause.

Nicht minder bemerkenswert war anschließend die Versteigerung einer einfachen Wanduhr mit dem Rio’s-Symbol. Trotz des Hinweises, dass es sich dabei lediglich um eine umgestaltete Werbeuhr einer mittlerweile vergessenen Zigarettenmarke handelte, ging das Stück nach einer langen Gebotsarie für 300 Euro weg.

Ein Happy End gab es für die junge Frau, die beim Ying-und-Yang-Tisch noch leer ausgegangen war. An diesem Tag war der Erfolg auf ihrer Seite und sie sicherte sich den großen Standspiegel aus der Damentoilette. Voller Stolz trug sie ihn in der Pause zum Auto.

Auch ich habe meine Rio’s-Sammlung noch einmal erweitert und kann zwei weitere Stühle, diesmal aus Holz und mit rotem Polster, mein eigen nennen.

Die beiden Live-Versteigerungen waren heitere Abende ganz im Stil des Rio‘s. Dabei waren es einige der letzten Abende dieser Bar. Von Trauerfeier dennoch keine Spur. Schon vor Weihnachten hatte das Team die Parole „Wer heult, fliegt raus“ ausgegeben. Trotzdem bleibt ein Kloß im Hals.

Die meisten, die ein Erinnerungsstück haben wollten, haben sich auch eines ersteigern und mit nach Hause nehmen können. Wie die Asche eines geliebten Menschen, die vom höchsten Gipfel aus in alle Himmelsrichtungen gestreut wird, verstreut sich jetzt auch das Rio‘s in kleinen Partikeln über Celle. Wird Teil der Atmosphäre. Wird eingeatmet und ausgeregnet. Für alle Zeit.

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