Netter Versuch, Krebs! (7:00)

Der neue Stefan Krebs

„Du hast eine Eins in Mathe.“

„Sie haben sechs Richtige!“

„Ich liebe Dich!“

„Ja, ich will!“

Dies sind alles schöne Worte. Tolle Sätze, die jeder gerne hört und ein Leben lang mit Freude in Erinnerung behält. Sätze, die wir mit unvergesslichen Erlebnissen verbinden.

Der Satz „Wir müssen Ihnen die Eichel entfernen“ gehört nicht dazu. Aber genau diese Worte habe ich vor einiger Zeit hören müssen. In diesem Sommer wurde ich plötzlich mit der Diagnose „Peniskarzinom“ konfrontiert. Und das mit gerade einmal 36 Jahren.

Der Angriff kam nicht ganz überraschend, doch er war heftiger als ich dachte. Die erste Runde ging ganz klar an den Krebs. Dass etwas nicht stimmte, wusste ich schon seit einiger Zeit, doch dass sich hinter der hartnäckigen Entzündung ein Krebsgeschwür verbergen sollte, damit hätte ich niemals gerechnet. Zahlreiche Untersuchungen und Behandlungen mit Salben und Bädern mündeten schließlich in die unausweichliche Biopsie. Nachdem durch diese Probenentnahme endlich Klarheit über den bösartigen Tumor herrschte, prasselten die Einschläge nur so auf mich ein. Mit mindestens zwei Operationen hatte ich zu rechnen. Mit der ersten sollte der Tumor entfernt, mit der zweiten die Lymphknoten in der Leiste untersucht werden, da auch sie von Krebs befallen sein könnten. Im besten Fall sollte die Sache danach erledigt sein. Im schlimmsten Fall drohten weitere OPs sowie Chemo- oder Strahlentherapie.

Plötzlich stand meine Zeugungsfähigkeit auf dem Spiel. Darüber hatte ich mir nie Gedanken gemacht. In aller Eile kümmerte ich mich um die Konservierung meines Erbgutes. In einem nur mäßig gemütlichen Behandlungsraum, der durch ein Sofa sowie entsprechende DVDs und Heftchen zur Spende anregen sollte, kam ich diesem Schritt nach. Die Zukunft meiner Familienplanung ließ ich in einem Plastikbecher zurück.

Ziemlich bald nach der niederschmetternden Krebsdiagnose hatten meine Frau und ich beschlossen, dass die Sache für uns gut ausgeht. Noch vor der ersten OP war uns klar, dass ich wieder vollkommen gesund werden würde. An dieser Tatsache haben wir uns die ganze Zeit festgehalten, noch bevor uns der erste Arzt riet, weiterhin positiv zu denken.

Ob positiv oder negativ – denken musste ich in den ersten Tagen nach der Diagnose extrem viel. Denken, verarbeiten, analysieren, motivieren. Und immer positiv bleiben. Allzu viele Wochen sollte es nicht dauern, bis alles vorbei war, doch wer sich wie ich am Geduldsbüfett nur den kleinen Teller vollgemacht hatte, für den sollten es quälend lange Wochen werden.

Noch befinden wir uns in Runde eins, der Zeit zwischen Diagnose und erster Operation. In dieser Phase war das Ausmaß der Erkrankung noch nicht abzuschätzen und ich wusste nicht, was alles auf mich zukommen würde. Insgesamt sollte ich die urologischen Abteilungen von drei Unikliniken in Norddeutschland abklappern und mich von acht verschiedenen Ärzten untersuchen lassen, bis ich mich für ein Krankenhaus entschied, in dem ich mich behandeln lassen wollte.

Ein Peniskarzinom ist am ehesten mit Hautkrebs zu vergleichen. Hautkrebs ist wahrlich keine Seltenheit mehr, am Penis allerdings schon. Dazu kommt, dass diese Erkrankung hauptsächlich bei alten Männern auftritt. Das ist auch der Grund, warum es keine validen Aussagen über die Auswirkungen der Behandlung auf die sexuelle Aktivität und Zeugungsfähigkeit des Patienten gibt. Es gibt noch nicht einmal eine allgemein anerkannte Behandlungsmethode. Zu Beginn meiner Tour um die Einholung von zweiten und dritten Meinungen traf ich auf zahlreiche Urologen, denen diese Erkrankung noch nie zuvor begegnet war, obwohl sie bereits viele Jahre in einer Großstadt praktizierten. Immer wieder wurde mir erklärt, wie selten diese Krebsart sei, vor allem bei Männern in meinem Alter. Zur Beruhigung haben diese ersten Gespräche bei mir nicht beigetragen. Bis Arzt Nummer fünf ging ich davon aus, dass mir meine Penisspitze ersatzlos entfernt werden müsste. Wie mein Leben danach weitergehen sollte, konnte ich mir nicht ausmalen. Nach ein paar Tagen hatte ich mich damit fast schon abgefunden, als mich Arzt Nummer fünf überraschend anrief und mir zwei Spezialisten empfahl.

Arzt Nummer sechs stammte aus dem Team von Spezialist Nummer eins und befand sich eine Großstadt weiter. Nach dem Gespräch mit ihm sah ich etwas klarer. Diesem Mediziner war die Erkrankung nicht ganz unbekannt, obwohl er allem Anschein nach noch nicht so lange im Geschäft war. Bei ihm hörte ich außerdem zum ersten Mal von der Möglichkeit einer Rekonstruktion der Eichel. Etwas beruhigter machte ich mich auf den Weg zum zweiten Spezialisten, denn seine Meinung wollte ich mir auf jeden Fall noch einholen. Und wie sich herausstellen sollte, war das die richtige Entscheidung.

Arzt Nummer sieben gehörte zum Team von Spezialist Nummer zwei an der Uniklinik Rostock. Für ihn schien meine Erkrankung fast schon nichts besonderes zu sein. Auf der Homepage der Urologischen Abteilung dieser Uniklinik hatte ich bereits erkennen können, dass sich die Mediziner hier auf dieses Karzinom spezialisiert und sogar ein entsprechendes Register eingerichtet hatten. Arzt Nummer sieben erkannte den Ernst der Lage und benachrichtigte sofort Arzt Nummer acht. Und damit war meine Suche beendet, denn dabei handelte es sich um den Chefarzt der Urologie, den Spezialisten Nummer zwei.

Als der Professor die Station betrat, wurde er von Arzt Nummer sieben sowie einer Stationshelferin in Empfang genommen und ins Behandlungszimmer geleitet. Anschließend durfte ich der Gruppe folgen, im Zimmer Platz nehmen und beobachten, wie der Chef von seinen Mitarbeitern hofiert und auf den Stand meiner Angelegenheit gebracht wurde. Auch er machte den Eindruck, als sei diese Erkrankung ein alter Hut für ihn. Als ich erwähnte, dass er mir als Spezialist auf diesem Gebiet empfohlen worden sei, durchzuckte ein stolzes Lächeln sein Gesicht und er murmelte „Ja, das stimmt.“

Spezialist Nummer zwei machte mir den Ernst der Lage unmissverständlich klar. Würde ich das Karzinom nicht entfernen lassen, würde ich innerhalb von drei Jahren daran sterben. Dass gehandelt werden musste, stand für mich zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr zur Diskussion, doch ich bevorzuge klare Worte und wusste sofort, dass ich hier an der richtigen Adresse war. Klang die Rekonstruktion der zu entfernenden Penisspitze bei den Kollegen zuvor nur wie eine Option, stellte Spezialist Nummer zwei sie mir als Selbstverständlichkeit in Aussicht. Eine Prozedur, die er schon dutzende Mal durchgeführt hätte, sogar schon an einem Patienten Ende 20. So besonders war ich dann plötzlich doch nicht mehr.

Die Entscheidung war also gefallen und wenige Tage nach dem Termin bei Spezialist Nummer zwei wurde ich an der Uniklinik Rostock stationär aufgenommen. Einen Tag vor der ersten Operation wurde zunächst ein CT durchgeführt, um die Verbreitung des Krebses in meinem Körper zu untersuchen. Die Ergebnisse sollten erst einige Tage nach der OP vorliegen, also blieb mir weiterhin die Ungewissheit.

Bereits in der zweiten Runde des Kampfes zwischen dem Peniskrebs und mir konnte dem Gegner ein empfindlicher Treffer verpasst werden…

Weiter zu Netter Versuch, Krebs – Teil 2

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