Pendeln with care (7:00)

Ich halte mein Ticket in der Hand und möchte einfach nur schlafen. Doch das geht nicht, weil der Schaffner es nicht zu mir schafft. Er schafft es nicht, mein Ticket zu kontrollieren, weil ihm auf dem Weg zu mir immer wieder etwas zu schaffen macht.

Es ist einer dieser Abende im Intercity der Deutschen Bahn. Mein Weg in den Feierabend. Seitdem ich eingestiegen bin, hoffe ich, dass der Schaffner schnell seine Runde dreht und die Tickets der Zugestiegenen kontrolliert. Denn erst, wenn der Zugbegleiter bei mir war und das alltägliche Prüfritual vorüber ist, kann ich mich entspannen. Kann lesen oder schreiben. Oder einfach nur die Augen schließen und schlafen. Ab und zu ist das so, dass ich nach der Arbeit einfach nur schlafen will. Dafür gibt es die unterschiedlichsten Gründe. Jahreszeiten zum Beispiel. Oder anstrengende Arbeitstage. Oder einfach nur die neueste Folge der Drei Fragezeichen auf meinem Handy, bei der in meinem Kopf jedes Mal automatisch der Stand-By-Modus eingeschaltet wird.

Heute ist so ein Abend, an dem der Erschöpfungszustand durch zu viel konzentrierte Arbeit hervorgerufen wird. Mein Computerbildschirm hat mich dermaßen ermüdet, dass ich einfach nichts mehr sehen will. Augen zu und schlafen. Vom Schaffner möchte ich dabei nicht gestört werden. Ich möchte nicht vom ihm aus dem Schlummer gerissen werden, ihn dann verdutzt mit trüben Augen anblicken und hektisch meine Fahrkarte aus der Tasche fummeln. Dem Kollegen in Dunkelblau ist das wahrscheinlich egal. Er hat diese Situation sicherlich schon tausendmal erlebt. Verschlafene Menschen. Genauso wie Paketboten, die auf ihrer Tour samstags um neun Uhr vormittags durch das Studentenviertel auch mit zerknautschten Gesichtern, wirren Frisuren und den abenteuerlichsten Schlafanzughosen klarkommen müssen. So etwas möchte ich im Zug nicht. Ich möchte hellwach und konzentriert meine Pflicht erfüllen, um anschließend mein wohlverdientes Nickerchen machen zu können. Nach der Kontrolle werde ich schließlich nicht mehr belästigt, wie auch immer sich der Schaffner die ganzen Gesichter merken kann, die er während seiner Schicht bereits kontrolliert hat.

Heute scheint sich meine geplante Ruhephase zu verschieben. Der Schaffner schafft es einfach nicht zu mir. Schon kurz nach meinem Einstieg am Hamburger Hauptbahnhof habe ich die mir vertrauten Worte „Von den Zugestiegenen die Fahrscheine bitte“ vernommen und mich bereit gemacht. Mit dem Ticket in der Hand warte ich darauf, dass der Zugbegleiter vom anderen Ende des Waggons zu mir herüber kommt. Doch der heilige Bahnchef hat zwischen mir und meinem erholsamen Schlaf eine Reihe von Hindernissen platziert. Hindernisse in Form von Menschen. Menschen mit Problemen und Fragen. Was soll denn das? In Zeiten von Internet muss doch niemand mehr fragen!

Nicht so in meinem Zug. Mein Schaffner gerät zunächst in eine gut gelaunte Männergruppe, die sich während der Zugfahrt ein paar Bierchen gönnt.

„Einmal sechs Schwarzfahrer bitte!“, grölt einer der Herren und alle anderen lachen besoffen, als der Schaffner ihre beiden Vierertische erreicht.

Der Bahnmitarbeiter lässt sich auf den Scherz ein. „Das macht dann 360 Euro und einmal den Bistrowagen durchsaugen und wischen.“

„Gibs da auch Bier?“, lallt die Gruppe zurück. Und: „Ist fürs saugen nich die hübsche Saftschubse zuständig?“ Wieder folgt grölendes Lachen.

Der Schaffner knipst eifrig die Tickets ab und ist froh, als er die Gruppe verlassen darf.

Jetzt müsste er doch bald bei mir sein, hoffe ich, doch der nächste Patient hat ebenfalls ein schweres Leiden, und zwar Dämlichkeit. Sichtlich überrascht von der Aufforderung, im Zug doch tatsächlich ein Ticket vorzeigen zu müssen, kramt der junge Mann hektisch in seiner Tasche, nachdem er so unwirsch aus dem Schlaf gerissen worden ist.

„Das ist kein Ticket, sondern ihre Platzreservierung“, spricht der Schaffner in Richtung des kleinen Zettels, den der junge Mann ihm unter die Nase hält.

„Aber ich habe das im Internet gebucht“, kommt sogleich die ungläubige Antwort.

„Das ist gut möglich, sie haben aber kein Ticket gekauft, sondern nur eine Platzreservierung.“

Plötzlich bekomme ich Ohrensausen und falle für einen kurzen Moment in Ohnmacht. Muss an meiner starken Allergie gegen Dämlichkeit liegen.

Als ich wieder zu mir komme, hat der Zugbegleiter dem nur eingeschränkt lebensfähigen Zeitgenossen das passende Ticket auf seinem Mobilteil ausgedruckt und ausgehändigt und ist einen weiteren Schritt in meine Richtung gekommen. Gerade will er sich das nächste Ticket zum abknipsen greifen, da rollt der Zug in einen Bahnhof ein.

„Bin gleich wieder da“, sagt der Kollege und eilt zur Tür, um den Halt des Zuges in Hamburg-Harburg vorschriftmäßig zu überwachen.

Anschließend kommt er ewig nicht zurück. Der Zug fährt schon längst wieder, doch vom Kontrolleur ist weit und breit nichts zu sehen. Ich will mein Ticket gerade wieder einstecken, als ich den Grund für die Verzögerung im Kontrollablauf erkenne. Durch die Reihen des Zuges und schließlich auch an mir vorbei rauscht plötzlich ein schmutziger Mann mit ungewaschenem Vollbart und zerrissener Kleidung. Ihm folgen in kurzem Abstand eine Wolke unbeschreiblichen Gestanks sowie der Zugbegleiter und ein Kollege von der Bahn-Security. Die Gruppe der angetrunkenen Herren feuert jeden von ihnen an. Einen Waggon weiter haben die beiden Bahnmitarbeiter den Mann offenbar geschnappt. Es scheppert laut und Geschrei ertönt. Kurz darauf hält der Zug in Lüneburg, wo der betrunkene Schwarzfahrer in die Obhut der örtlichen Polizei übergeben wird. Der Schaffner verabschiedet sich vom Securitykollegen und nimmt seine Arbeit am Kontrollknipsgerät wieder auf.

Jetzt muss es doch soweit sein, hoffe ich. Ich setze mich kerzengerade auf und blicke demonstrativ auf die Uhr. Wenn ich jetzt kontrolliert werde, bekomme ich immer noch eine gute halbe Stunde Schlaf. Wieder kommt mir der Schaffner erfreulich nahe, doch wieder wird er aufgehalten.

„Wo ist denn der nette Kollege von gestern?“, höre ich es durch den Waggon schallen. Eine ältere Dame in rotem Kostüm und mit schwarzem, ausladendem Hut blitzt dem Schaffner verführerisch entgegen. „Hätten sie heute auch wieder so einen leckeren Kaffee für mich?“, schmachtet sie ihn an.

„Oh… dafür ist mein Kollege aus dem Bistrowagen zuständig. Ich hätte nur gerne ihre Fahrk…“

„Ach so, na dann warte ich noch. Der kommt ja bestimmt gleich hier vorbeigewackelt, oder? Und was wollen sie jetzt von mir, wenn ich fragen darf?“

„Ihre Fahrkarte bitte, wenn es keine Umstände…“

„Ja, sagen sie das doch gleich! Ich rede mir hier den Mund fusselig und sie… Also nein!“

Als nächstes gerät der Zugbegleiter an eine Gruppe Studenten, die schon die ganze Zeit unruhig auf ihre Uhren auf den Smartphones blicken. Ob die auch darauf warten, endlich schlafen zu können?

„Wieso haben wir denn schon wieder Verspätung?“, blafft einer von ihnen den Schaffner an. „Kriegen wir in Hannover unsern Zug nach Würzburg noch?“

Der Bahnmitarbeiter zückt sein Mobilteil und fingert geschwind über das Bedienfeld.

„Würzburg sagten sie?“, fragt er mit hochgezogener Augenbraue. Die Antwort weiß er wahrscheinlich schon längst, er will die unverschämte Jugend wohl aber noch etwas zappeln lassen. Tipp, tipp, tippetipp. Kling, Zack. Kurz warten und blicken.

„Würzburg ist vorgemerkt. Der sollte warten.“

Kein Danke, aber das ist der Schaffner offenbar gewohnt.

Wir erreichen Uelzen und ich drohe vor Müdigkeit zu sterben. Innerlich schreibe ich ein fiktives Testament, in dem ich all meinen Besitz dem Duden-Verlag vermache, damit der ein wirksames Förderprogramm gegen mangelnde Rechtschreibung in Deutschland auf die Beine stellen kann.

Über diesen Gedanken muss ich wohl eingeschlafen sein. Plötzlich tippt mir jemand an die Schulter und sagt „Von den Zugestiegenen die Fahrkarte bitte“. Mit zerknautschtem Gesicht blicke ich auf, krame hektisch in meiner Tasche und halte dem Kontroller meine Platzreservierung unter die Nase.

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9 Gedanken zu “Pendeln with care (7:00)

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