Stirb, Teppich, stirb! (5:45)

Drei Dinge sind grenzenlos bei mir in diesen Tagen: Dankbarkeit, Muskelkater und Hass. Die Kurzbegründung dafür lautet: Meine angeheiratete Mitbewohnerin und ich haben ein Haus gekauft, das gründlich renoviert werden muss. Für alle, die die Erfahrung eines Hauserwerbs bereits erleben durften, bedarf es bei dem Gefühlschaos, das man dabei durchlebt, wahrscheinlich keinerlei Erklärung. Allen anderen Unbefleckten auf diesem Gebiet werde ich meine fluktuierende Gemütslage erläutern.

Dankbarkeit empfinde ich für die große Hilfsbereitschaft, die wir in den vergangenen Tagen erfahren durften. Ein Großteil unseres Freundeskreises war sofort zur Stelle, um nach dem Erwerb der rund 60 Jahre alten Immobilie alle Bau- und vor allem Dekorationssünden der 50er, 60er und 70er Jahre zu beseitigen. Zeitweise herrschte in unserem zukünftigen Zuhause eine Atmosphäre wie in einem Steinbruch, was vor allem am beherzten Einsatz von Hammer und Meißel an dem rotbraunen Teppichmonster lag, der sich vom Flur im Erdgeschoss über die Treppe bis ins Obergeschoss an den Wänden, ich wiederhole: an den WÄNDEN erstreckte. Das scheußliche Ungetüm mussten wir mitsamt dem Putz von den Wänden entfernen, so hartnäckig hatte es sich in den letzten 40 Jahren dort verbissen. Mit konzentriertem Fluchen und beherzten Aggressionen war diese Tortur gerade so zu ertragen.

Muskelkater kenne ich schon lange. Als Ruderer und Läufer habe ich im Laufe meines Lebens bereits viele Regionen meines Muskelsystems zu spüren bekommen, doch solch einen Muskelkater, wie in den vergangenen Wochen, habe ich noch nicht erlebt. Jene Körperstellen aufzuzählen, die nicht schmerzen, ginge auf jeden Fall schneller. Vor allem meine Hände haben gelitten. Der tagelange Einsatz mit Hammer und Meißel an besagtem Teppichmonster hat seine Spuren hinterlassen. Dazu kommen diverse Kraftanstrengungen, mit denen der Teppich auf dem Boden (dort, wo er hingehört) entfernt werden musste. Ich werde in nächster Zeit mal die Zeitungsberichte aus den 1970er Jahren prüfen. Wenn dort einmal die Rede vom größten Teppichklebernotstand der Neuzeit gewesen sein sollte, liegt in diesem Haus der Grund dafür. Die Schicht aus Kleber war teilweise dicker als der eigentliche Teppich.

Nach vier Tagen meißeln und reißen sind meine Hände nun völlig im Eimer und auf das Doppelte angeschwollen. Am öffentlichen Leben kann ich seitdem nicht mehr teilnehmen. Ich kann weder Türen öffnen noch Auto fahren. Hände waschen treibt mir die Schmerzenstränen in die Augen und hätte ich meinen Ehering nicht rechtzeitig abgenommen, wäre er unter den Hautfalten wahrscheinlich schon verschwunden. Wenn ich alleine in unserer Wohnung bin, zieht es unangenehm durch die Räume, denn ich kann die Fenster nicht schließen. Letztens musste ich tatenlos dabei zusehen, wie ein Regenguss unser Parkett im Wohnzimmer zerstörte, weil ich die Balkontür nicht zubekam. Schreiben funktioniert glücklicherweise, wie ihr seht.

Hass empfinde ich seit der Abrissaktion für Teppich. Nicht nur für unseren Teppich an den Wänden, sondern für jeden Teppich auf der Welt. Ich möchte in meinem Leben nie wieder etwas mit Teppich zu tun haben. Häuser mit Teppich werde ich nie wieder betreten. Am dritten Tag des Abrisses mit Hammer und Meißel spielte ich ernsthaft mit dem Gedanken, die Vorbesitzerin des Hauses nachträglich auf Schmerzensgeld zu verklagen. Auch bei Amnesty International hatte ich mich bereits erkundigt, ob Teppich an den Wänden eine Menschenrechtsverletzung darstellt. Leider nicht.

Mittlerweile haben wir uns arrangiert.

Nach neuesten Berechnungen würde es schneller gehen, das Haus komplett abzureißen und neu zu errichten, als den Teppich vollständig von den Wänden zu meißeln. Wir haben uns deswegen etwas Neues überlegt, bei dem wir vielleicht sogar Profit machen.

Wir lassen jetzt einfach alles so wie es ist und werden künftig im Niedersächsischen Teppich- und Tapetenmuseum wohnen. Im Eingangsbereich werden die Besucher vom größten Glasbausteinfenster in ganz Norddeutschland empfangen. Die große Führung startet im Erdgeschoss in der Themenwelt „Die Schrecken des Linoleums“. In der Küche ist ein Querschnitt durch den Boden zu bestaunen, in dem nicht weniger als sieben verschiedene Schichten Bodenbelag zu sehen sind – von PVC über Fliesen bis hin zu Dielen. Im „Stairway of Horror“ stellt der rotbraune Monsterteppich das Highlight dar. Überreste davon können später im Museumsshop erworben werden, zusammen mit einem Echtheitszertifikat, so ähnlich bei den Bröckchen aus der Berliner Mauer. Im Obergeschoss wird der Besucher schließlich von der Sonderausstellung „Albtraumtapeten“ in den Bann gezogen. Auf gut 30 Quadratmetern, die nach Feierabend unser Schlafzimmer beherbergen, werden farbenfrohe Exponate aus den vergangenen 50 Jahren ausgestellt. Alles ist echt und alles darf angefasst werden, wie bei Madame Tussauds.

So ähnlich wie beim Kanzlerbungalow wird es im Internet einen virtuellen Rundgang durch die Ausstellung geben. Interessierte aus der ganzen Welt können sich so auf einfache Weise einen Eindruck von den Inneneinrichtungssünden der deutschen Nachkriegsgeschichte verschaffen.

Momentan verhandeln wir mit den Eigentümern der Häuser und Grundstücke um uns herum. Wir brauchen nämlich Raum für weitere Parkplätze, wenn im Sommer die Reisebusse mit Rentnern bei uns einen Zwischenstopp einlegen.

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7 Gedanken zu “Stirb, Teppich, stirb! (5:45)

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  6. Wunderbar geschrieben! :-D Du hast mein aufrichtiges Mitgefühl. Unser Haus entstammt einer ähnlichen Ära, ähnliche Katastrophen, etwas schwächer, aber es reicht. Für Eintritt wird es aber nicht reichen… Viel Erfolg bei den weiteren Ausgrabungen!

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