Meine letzte Reise mit JAM! (11:00)

Der Hinflug am Freitag geht pünktlich um 10. Hamburg, Barcelona, anschließend mit dem Bus weiter nach Lloret de Mar. Ich reise nicht allein. Mit im Flieger sitzen Katrin, Nora, Jana, Linda und Marvin. Und Claudi, wie wir alle nach der Landung erfreut feststellten. Lange nicht gesehen.

Das Ziel ist das Hotel Festa Brava in Lloret. Am Busbahnhof trennen uns nur noch wenige Schritte vom Hoteleingang. Das Wetter ist bestens. Die Vorfreude steigt.

Check-in ist schnell erledigt. Koffer aufs Zimmer und dann raus auf die Terrasse. Es sind schon so viele da. Viele schon seit gestern oder vorgestern. Die klatschnasse Juli begrüßt mich. Danach bin ich auch klatschnass. Anschließend drücke ich Tommy. Und Sophia. Und Laura. Phil. Jasmin. Coco. Fabsi.

Dann ab zum Tresen. All Inclusive testen. An der Zapfanlage ist Selbstbedienung angesagt. Perfekt. Die Gläser sind klein. Die Zapffrequenz erhöht sich stetig. Luise ist auch da. Ich freue mich. Flo Miesen trägt ein Spirit-Shirt.

Wieder nach draußen. Will Fotos machen. So viele Selfies wie möglich. Am besten mit jedem. Treffe Sabi. Und Hanke. Und Nico. Ach ja, Horli ist ja auch da! Cool! Jerry und Alpha. Auch cool! Lia gibt alles und wird mit blauen Flecken belohnt. Vogels Flieger landet auch endlich.

Um 19.30 gibt’s Essen. Das soll ja besser geworden sein. Hm. Naja. Als Partygrundlage ganz ok. Anschließend wieder stetiger Wechsel zwischen Tresen und Terrasse. Bei einem meiner Landeanflüge auf die Zapfanlage winkt mich ein grauhaariger Mann zu sich. Neben ihm stehen Christina und noch jemand. Der Herr wird mir als Hotelinhaber vorgestellt. Sehr erfreut. Er schaut mich böse an, zeigt auf mein babyblaues T-Shirt und sagt, dass er hier kein JAM!-Logo mehr sehen möchte. Ich erstarre kurz und bekomme etwas Angst. Die beiden Mädels grinsen sich einen. Er sei sehr traurig, dass wir hier heute den Abschied von JAM! Reisen feiern. Und wütend. Langsam verstehe ich den spanischen Spaßmacher und sage ihm, dass es uns dabei auch nicht viel besser geht. Er ist froh, dass ich seinen Spaß noch kapiert habe. Ich brauche auf den Schrecken einen doppelten aus der Zapfe.

Mia. Jenny. Schnierle. Nolte. Risse. Tim. Wann habe ich die an dem Abend eigentlich zum ersten Mal gesehen? Egal. Alle sind da. Reiseleiter für eine Saison. Buchhaltung seit 15 Jahren. Alle. Und das ist der Hammer.

Später am Abend ziehen wir ins Colossos. Ein weiterer JAM!-Klassiker in Lloret. Hier haben Generationen von Reiseleitern mit tausenden Abiturienten gefeiert. Tommy hat den Mega-Deal klargemacht. Free Bar für alle. Dort haben sie alle Hände voll zu tun und das Bier ist schnell weg.

„Sunshine feeling, the cyan ocean…“ Der DJ spielt unsere Hymne und alle wissen, was zu tun ist. Wer auch nur eine Saison als Reiseleiter unterwegs war, kennt den Clubtanz in- und auswendig. Die Coreo sitzt. Jedesmal Gänsehaut. Wie oft wird dieser Song wohl noch in Lloret de Mar zu hören sein?

Weil es kein Bier mehr gibt, muss ich Mische trinken. Ohne zu überlegen sage ich immer nur „Cuba Libre“. Mit „Cuba“ wird nicht gegeizt. Marcel nimmt mich mit auf die Bühne. Dort soll ich getanzt haben. Auf die Beweise warte ich bis heute. Ich brauche frische Luft. Spaziere zum Strand. Dort ist es noch dunkler als im Club. Also ab nach Hause. Google Maps lotst mich ins Bett.

Samstag. Ich habe erstaunlich gut geschlafen und springe um 11.30 erholt aus dem Bett. Gibt’s noch Frühstück? Natürlich nicht. Dafür Programm im Queen Vic. Nichts zu Essen, aber Getränkemarken. Whiskey-Cola zum Frühstück geht auch.

Alle starren auf den Bildschirm. Was kommt denn hier gleich? Viele latschen mit Essen an mir vorbei. Burger. Döner. Habe ich noch Zeit, mir auch etwas zu holen? Leider nicht. Nico betritt die Bühne. Hat die Bürde der Ansprache von Risse übernommen. „Es ist, als würde man auf seiner eigenen Beerdigung sprechen.“ Wie wahr. Die ersten Tränen.

Dann der Abschiedsfilm. Mias Meisterwerk. Ich sehe tanzende Menschen auf der Leinwand. Langjährige Freundschaften und gut gelaunte Mitarbeiter. Und jede Menge Blödsinn und Alkohol. Kostüme. Feen. Schlagermove. Alles, wofür JAM! in den vergangenen 15 Jahren stand. Für viele sind das unvergessliche Erinnerungen. Als der Film zu Ende ist, ertönt noch einmal „Jam with you“. Der emotionalste Moment der diesjährigen RAF. Während die einen noch Mia applaudieren, tanzen die anderen schon den Clubtanz. Die nächsten hocken mit feuchten Augen auf ihrem Stuhl und bekommen kein Wort raus. Viele liegen sich in den Armen. Einige trösten sich mit dem nächsten Besuch am Tresen.

Nachmittags gibt es dann endlich etwas zu Essen. Grillbüfett im Festa. Besser als das Abendessen von gestern. Wieder eine top Grundlage für den Abend.

Selber zapfen ist heute leider nicht mehr möglich. Die Regeln am Tresen sind strenger. Einige werden sogar abgewiesen, weil sie keinen Becher dabei haben. Wie bei gewöhnlichen Gästen! Wenigstens macht der Chef heute keine fiesen Scherze. Spontan besuche ich die Dusche auf meinem Zimmer. Meinen Becher nehme ich mit.

Der Samstagabend nimmt Fahrt auf. Nicht zuletzt wegen Noltes Penisbrille. Unfassbar, wie viel Unterhaltung ein Fünf-Euro-Karnevalsartikel bietet. Vor allem, wenn Alpha ihn trägt. Die Penisbrille ist ab sofort wichtiger Bestandteil des Abends.

Aufbruch Richtung Strand. Sunsationel spendiert uns zum Abschied eine Sunset Cruise auf dem Katamaran. Wir schippern übers Meer, während hinter uns die Sonne untergeht. Der Bier zapfende Risse im goldenen Abendlicht ist ein traumhafter Anblick. Zu Futtern gibt’s auch. Leckere Tapas vorweg und die katamarantypischen Grillspezialitäten nach hinten raus. Dazu Bier und Sangria. Natürlich. Prost Dirksen. Prost Lotzi.

Beim Badestopp dann plötzlich roter Alarm. Penisbrille über Bord! Der Langner (glaube ich) springt hinterher und rettet das gute Stück. Penis schwimmt glücklicherweise oben. Der Retter steigt aus dem Wasser, nimmt die Tapferkeitsmedaille entgegen und wärmt sich mit einem irischen Volkstanz wieder auf.

Tränenreich ist auch der Abschied vom Katamaran. Auch dieser Partner kann es nicht fassen, was mit JAM! passiert ist. Ein letztes Bier von Risse („Zapf du Schwein!“), dann geht’s wieder von Bord.

Spontan spazieren einige ins Pirata. Die beiden will ich auch noch besuchen. Hanke leiht mir 20 Euro. Steffi geleitet uns an den Tresen. Elke umarmt jeden. Cider 1,50 Euro. Top. Danach Aftershot. Mein erstes Mal. Ich muss meinen Finger ins Glas tauchen, mich hinhocken, gurgeln, aufstehen, dann erst schlucken… Mannmann, kompliziert. Alle husten, nur ich nicht. Habe bestimmt nicht aufgepasst. Abschiedsfoto vorm Pirata.

Weiter ins Texas. Der nächste JAM!-Klassiker. Der Laden ist voll. Phil verteilt wieder Tickets. Gin Tonic? Och gerne. Ab nach draußen. Christina zeigt mir ihre Party-Jogginghose. Nina und Marcel im Kostüm. Die Penisbrille macht wieder die Runde. Lachanfall. Bauchschmerzen. Der Wahnsinn.

Phil, gibt’s noch Tickets? Nein! Schade. Macht nichts. Danke Hanke. Langner? Ok, wir sprechen später. Selfie mit Magdalena. Und mit Resi. Hey Filiz, wir sind jetzt Facebookfreunde, schon gehört? Dennis, wieso siehst du eigentlich aus wie Klaas? Und warum haben wir uns nicht schon früher mal unterhalten?

Dann ein Riss im Raum-Zeit-Gefüge. Innerhalb von Sekundenbruchteilen springt die Uhr von ein Uhr auf vier Uhr. Fußweg, Fahrstuhl, gute Nacht.

Sonntag. Der Transferbus nach Barcelona fährt um 10.30 Uhr. Die besten Plätze in der letzten Reihe. Rechts Fabsi, links Risse. Dazwischen kein Millimeter Platz. Schwimmernationalmannschaft.

Flug hat ne Stunde Verspätung. Genug Zeit fürs Frühstück am Flughafen. Gemütszustand bessert sich trotz Schaumstoffbaguette und schlechtem Kaffee.

Was für ein heftiges Wochenende. Die RAF war immer mehr als nur ein gewöhnlicher Betriebsausflug. So wie JAM! für die meisten mehr als nur ein Job war. Das merkte man immer spätestens auf der RAF. Besonders auf dieser, der offiziell letzten. So viele ehemalige Kollegen. Viele, die teilweise schon Jahre aus der Firma raus sind, sich ihr aber immer noch verbunden fühlen und den Kontakt zu den Leuten aufrecht erhalten haben. Hier fühlt man sich als Teil des großen Ganzen.

Ich habe mich immer schwer damit getan, bei der Arbeit tiefergehende Freundschaften aufzubauen. Zu schnell wechselten sich Ausbildung und Jobs mit Zeitverträgen in verschiedenen Städten ab. Doch bei JAM! konnte auch ich mich dem Zusammengehörigkeitsgefühl nicht entziehen. Und auch, wenn ich nie Reiseleiter war und es vom Büro aus manchmal schwer war, die Vorgänge in den Zielgebieten nachzuvollziehen, hat vor drei Jahren nur ein Abend im Colossos gereicht, um den JAM!-Spirit zu verstehen und lieben zu lernen. Und gerade die Reiseleiter sind das beste Beispiel dafür, dass Freundschaft nicht ortsgebunden ist. Sonst würde keiner von denen quer durch Deutschland und Europa reisen, nur um für wenige Stunden Leute zu treffen, die man schon zwei Jahre nicht mehr gesehen hat. Wer von Nürnberg nach Hannover fährt, dort vier Stunden auf dem Sofa pennt, um vier Uhr morgens eine Reisegruppe in Empfang nimmt, 16 Stunden mit ihr im Bus sitzt und dann eine Woche lang betreut, auch dabei viel zu wenig schläft, sich zerknitterte T-Shirts vom Stapel nimmt, gute Laune verbreiten und Hilfestellung geben muss und die meiste Zeit einen nicht unerheblichen Teil Verantwortung trägt, der kann das nur mit ganz viel Liebe und Leidenschaft und als Teil eines großartigen Teams tun.

Das alles geht mir durch den Kopf, während ich am Flughafen sitze, meinen viel zu heißen, viel zu schlechten Kaffee bewältige und dabei die ersten Instagram-Posts von gestern checke. Vielen steckt der Kater noch genauso tief in den Knochen wie unendliche Dankbarkeit und ehrliche Emotionen.

Mein Flieger wird sich an diesem Tag noch weiter verspäten. Soll er ruhig. Ich bade in babyblauer Gelassenheit. Wir alle werden im Herzen babyblau bleiben. Egal, was für T-Shirts wir tragen.

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