Und willst du nicht blinken, so brauch‘ ich Gewalt (6:00)

Den technischen Fortschritt in einer Gesellschaft kann man am deutlichsten an der Entwicklung der Kommunikation und der Schnelligkeit des Verkehrs ablesen. Telefone werden immer kleiner und leistungsfähiger, Autos immer sicherer und komfortabler und das Transportvolumen im Güterverkehr steigert sich von Jahr zu Jahr. Doch was die Kommunikation aller Verkehrsteilnehmer untereinander angeht, herrscht immer noch großer Verbesserungsbedarf.

Wie gerne würde ich dem Pkw-Fahrer vor mir auf der Autobahn einmal mitteilen, dass er sich gerade nicht an die Regeln hält. Oder sie falsch versteht.

Wie gerne würde ich ab und zu mal ein Schild aus dem Fenster halten mit der Aufschrift „80 nur bei nasser Straße!“ oder „Nebelschlussleuchte nur bei Nebel!“.

Dieses Verlangen ließ mir keine Ruhe. Kürzlich habe ich mir einen ganzen Nachmittag um die Ohren gehauen, um Schilder zu basteln. Ich trennte die Papp-Rückseiten von alten Schreibblöcken ab und klebte, sowohl als Verstärkung, als auch als Griff, hölzerne Kochlöffel von Ikea hinten drauf. Vorne notierte ich verschiedene Botschaften.

Zeit für einen Praxistest, dachte ich, und machte mich auf die Suche nach einer Autobahn in der Nähe. Dort musste ich gar nicht lange warten, da entdeckte ich ein gemütlich vor sich hin tuckerndes Fahrzeug auf der Mittelspur. Die empfohlenen 130 km/h wurden vom Fahrer genüsslich ignoriert und er schien nicht im Traum, in dem er sich offensichtlich befand, daran zu denken, seine Fahrt mit rund 70 km/h auf der rechten Spur fortzusetzen. Dort befand sich weit und breit kein Auto.

Ich fuhr auf der linken Fahrbahn langsam neben den Schleicher und hielt ihm mein mit Liebe gestaltetes Schild mit dem freundlich gemeinten Hinweis „Rechtsfahrgebot!“ entgegen. Der Mann blickte zunächst erstaunt unter seinen grauen Augenbrauen hervor, verzog dann das Gesicht, tippte sich mit dem Finger gegen die Stirn und setzte seine Fahrt unbeirrt auf der Mittelspur fort.

Was war denn da bloß schief gelaufen, grübelte ich. Vielleicht war die Schrift zu klein? Hatte der Mann deswegen die Augen zusammen gekniffen? Klar, dass er sich für den Hinweis nicht bedanken konnte, wenn er ihn gar nicht zu lesen im Stande war.

Wieder zu Hause verbesserte ich sofort mein Konzept. Ich verwendete nun Pappen von Zeichenblöcken aus dem Kunstunterricht. Die waren doppelt so groß. Da müsste man die Schrift doch gut drauf erkennen können.

Und als Assistentin musste jetzt meine Frau herhalten. Wir hatten uns extra einen Babysitter für unseren zwei Jahre alten Sohn organisiert, damit wir am Sonntagnachmittag ungestört mehrere Stunden auf der Autobahn verbringen konnten. Doch dieser Testlauf war wieder ein Reinfall. Niemand schien sich für unsere Mitteilungen zu interessieren und am Ende des Tages hatten wir so ziemlich alle visuellen Beschimpfungen, die es gibt, entgegen nehmen müssen. Meiner Frau schien diese Freizeitgestaltung außerdem so gar nicht zu gefallen, und so verabschiedete sie sich wieder aus diesem Projekt.

Ich war wieder auf mich allein gestellt.

Doch ich hatte bereits die nächste Idee. Und dafür machte ich mir den technischen Fortschritt zu Nutze. An allen vier Seiten meines Autos brachte ich große digitale Displays an. Diese konnte man so programmieren, dass sie genau den Text anzeigten, den der User vorher eingegeben hatte. Die Schrift konnte auch blinken und die Farbe wechseln. Auf der Motorhaube musste sie natürlich in Spiegelschrift stehen, damit der Vordermann sie auch im Rückspiegel lesen konnte.

Ich fütterte den Speicher des Systems mit allen nur erdenklichen Hinweisen, die ich auf der Autobahn gebrauchen könnte. Nach kurzem Überlegen schraubte ich ein weiteres Display auf das Dach meines Autos, damit auch Lkw-Fahrer meine Botschaften lesen konnten. Eine geniale Idee, wie ich fand.

Voller Euphorie startete ich meinen nächsten Testlauf auf der Autobahn. Es war Freitagnachmittag und die Straßen waren voll. Alle starteten ins Wochenende und schienen die Verkehrsregeln für ein friedliches Miteinander auf Deutschlands Schnellstraßen leichtfertig außer Acht zu lassen. Da wurde gedrängelt oder beim Spurwechsel nicht geblinkt und Lkw-Fahrer hielten es für nötig, auch bei nur zweispurigen Streckenabschnitten zu überholen.

Ich klickte mir die Finger wund. Meine Botschaften schossen in alle Himmelsrichtungen. Mein Auto flackerte und glitzerte wie ein Tannenbaum. Es war eine wahre Symphonie, die ich aus meinem Auto heraus live komponierte.

Lange tat sich nichts. Die erhoffte Dankbarkeit blieb aus, obwohl alle um mich herum meine netten Ratschläge doch jetzt erkennen mussten.

Dann endlich eine Antwort. Im Rückspiegel konnte ich eine Botschaft erkennen. Ich war beeindruckt. Derjenige dachte wohl genauso fortschrittlich wie ich.

„Bitte halten“, war in roten Digital-Buchstaben zu lesen.

Gerne, dachte ich.

Ich steuerte den nächsten Rastplatz an und freute mich bereits auf eine angeregte Unterhaltung mit dem Fahrer hinter mir. Stundenlang könnte ich jetzt über die Ungezogenheiten deutscher Autofahrer fachsimpeln. Vielleicht entsteht aus dieser Begegnung ja eine jahrelange Freundschaft, dachte ich.

Ich parkte mein Auto, der andere Wagen hielt daneben. Er war blau. Ein Mann in Uniform stieg aus und trat an mein Fenster.

„Sie wissen, was Sie falsch gemacht haben?“, fragte er.

Och Menno, die Polizei, dachte ich enttäuscht.

„Wieso? Wir haben uns doch eben so nett unterhalten“, erwiderte ich.

„Steigen Sie bitte aus.“

Ich kam mir vor wie ein Schwerverbrecher. So wie ein Drogenschmuggler oder ein Menschenschleuser.

Nach wenigen Minuten durfte ich weiterfahren. Doch ich musste meine Displays abschalten. Die seien zu grell, meinten die Polizisten, und würden andere ablenken. Und vom TÜV seien die auch nicht genehmigt. Frustriert fuhr ich nach Hause.

Kurz bevor ich die Autobahn verlassen wollte, geriet ich in einen kurzen Stau. Ein anderes Auto hatte auf der rechten Spur anscheinend zu spät gebremst und war in einen kleinen Lieferwagen gekracht. Nichts schlimmes, doch die Spur musste gesperrt werden. Um die anderen Autofahrer zu warnen, stand wenige Meter vorher ein Polizeiauto auf der Straße. Auf dem Display zwischen den Blaulichtern flackerte der Schriftzug „Achtung Unfall“.

Fast hätte ich den Beamten über mein Display auf der Beifahrerseite ein freundliches „Danke!“ und einen Smiley :-) als Antwort geschickt. Doch das habe ich lieber sein lassen.

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3 Gedanken zu “Und willst du nicht blinken, so brauch‘ ich Gewalt (6:00)

  1. Pingback: Highway to SALE (5:00) | Der neue Stefan

  2. Pingback: EM: Elektriker gegen Maurer (3:15) | Der neue Stefan

  3. Ich habe geschmunzelt, ich habe gelacht und fühlte mich sehr gut unterhalten.

    Fahre häufiger einmal quer durch Deutschland und wundere mich immer wieder, wie viele Automodelle ohne Blinker und Licht es gibt. ;-)

    Gefällt 1 Person

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