Die Bauchperspektive (7:15)

Fotografieren ist in den vergangenen Jahren eine wahre Leidenschaft von mir geworden. Ich liebe es, im Urlaub Kirchen und Schlösser mit meiner Spiegelreflexkamera samt Reiseobjektiv zu umrunden und an jedem noch so unscheinbaren Punkt stehenzubleiben, um ihn zu fotografieren. Statuen, Plaketten, Muster, Gebilde, Gedöns und Dinger, Details über einem Torbogen, Details von diesen Details – nichts ist sicher vor meiner Linse. Regelmäßig verbiege ich mich in alle Richtungen, während ich durch den Sucher schaue, um den besten Blickwinkel zu bekommen. Von außen muss das aussehen, als hätte ich einen schlimmen Haltungsschaden oder würde eine außergewöhnliche Yoga-Übung machen, doch ich mache einfach nur ein Foto.

Nicht selten komme ich von einem Wochenendausflug mit mehr als 400 neuen Fotos auf der Speicherkarte zurück nach Hause. Beim Urlaub in New York waren es sogar 2000. Viele sagen: „Na ja, die packt man sich auf die Festplatte und sieht sie sich nie wieder an.“ Nicht so bei mir. Oft sitze ich am Rechner und scrolle mich stundenlang durch meine Fotosammlung. Und ab und zu denke ich: „Ach ja! Da habe ich ja auch tolle Fotos gemacht!“ Moment… ich muss mal eben wieder reinschauen… Ach, wie schön…

Viele Sehenswürdigkeiten auf unserer schönen Erde machen es mir als ambitioniertem Hobbyknipser aber nicht so leicht. In der freien Wildbahn kann ich meine Linse problemlos in alle Richtungen strecken und abdrücken. Bäm! Wieder eins! In historischen Gebäuden wird es da schon schwieriger. Vor allem in Burgen, Schlössern oder Museen, in die jedes Jahr Millionen Touristen aus der ganzen Welt pilgern. Am Eingang neben der Kasse dort hängen Schilder wie „Fotografieren verboten!“ oder „No Flash please“ oder es wird einfach ein Plakat mit einer durchgestrichenen Kamera aufgehängt. Wie die Schilder mit den durchgestrichenen kackenden Hunden auf Spielplätzen.

Das Verbot wird meistens damit begründet, dass sich im Inneren des historischen Gebäudes ebenso historische Gegenstände befänden, die angeblich unter den Kamerablitzen litten. Manche Museen sind ehrlich und geben an, dass das gesamte historische Ensemble einem Copyright unterliege und der Rechteinhaber mit wildem Fotografieren nicht einverstanden sei. Als würde man sich dem Jagdverbot widersetzen und in einem fremden Revier vom Aussterben bedrohte Tiere wegballern. In Wirklichkeit zielen solche Verbote nur darauf ab, dass die Millionen von Touristen, nachdem sie am Eingang 18 Euro für die große Führung bezahlt haben, hinterher im Souvenirshop tütenweise Postkarten, Bildbände und andere Andenken mit nach Hause nehmen. Bastelbögen von Burgen? Wer braucht das? Ich will meine eigenen Bilder machen!

Natürlich gibt es Ausnahmen. In manchen Schlössern darf sich der Besucher eine einmalige Fotografielizenz erkaufen. Ganz offiziell. Für nochmal fünf Euro, oder so. Die Fremdenführerin hat einen dann aber ganz besonders aufmerksam im Blick und achtet peinlich genau darauf, dass derjenige mit der Lizenz zum Knipsen nicht zu viel erlaubtes Fotomaterial mit nach Hause nimmt. Yoga-Übungen für den perfekten Blickwinkel sind da nicht drin.

Ich habe in den letzten Jahren meine ganz eigene Strategie entwickelt, um das Fotografierverbot an solchen Orten zu umgehen. Und dabei kommt mein Bauch ins Spiel.

Wenn ich will, kann ich wie einer dieser unschuldigen, teilnahmslosen Ausflugsrentner aussehen, die mit der Kamera um den Hals und den Händen auf dem Rücken durch die Schlafgemächer von König Friedrich II. schlurfen und sich mit zusammengekniffenen Lippen interessiert mal hierhin und mal dorthin wenden. Lange Jahre habe ich mich dagegen gesträubt, mir meine Kamera um den Hals zu hängen. Lieber ließ ich sie dynamisch über die Schulter baumeln. Doch in dieser Position sind unauffällige Aufnahmen unmöglich. Und irgendwann wurde mir das Potenzial der Um-den-Hals-Variante schlagartig klar.

Die Bauchperspektive war geboren. Ein einzigartiges Erfolgsmodell.

Mehr als ein Bauchansatz und ein funktionierender Daumen an der rechten Hand sind nicht nötig, um diesen Meilenstein in der Evolution der Fotografen anzuwenden.

Wenn ich mir die Kamera um den Hals hänge, befindet sich der Apparat ungefähr auf Höhe meines Bauchnabels. Den Daumen kann ich nun ganz unauffällig am Trageriemen einhängen oder ihn wie zufällig gleich auf dem Auslöser platzieren, so als müsste ich meine Hand ausruhen. Schließlich bin ich ein fleißiger Tourist und habe den ganzen Tag schon unzählige Fotos gemacht. Da benötigt meine Schusshand auch mal eine Pause.

Doch das ist alles nur Tarnung! In Wirklichkeit ist die Kamera eingeschaltet und voll einsatzfähig. Mit dem Finger am Abzug trotte ich nun ganz gemütlich hinter der Gruppe her, die sich in dem historischen Gebäude von einer studentischen Aushilfskraft durch die Räume führen lässt. Der beste Zeitpunkt für ein heimliches Foto ist der Moment, nachdem die Erzähltante in dem einen Raum ihren Vortrag beendet hat und so etwas sagt wie „Folgen sie mir nun in den nächsten Raum“. Natürlich muss sie vorangehen und in diesem Moment bin ich im vorherigen Raum außerhalb ihres Blickfeldes. Beim Betreten ist mir vorhin natürlich gleich das atemberaubende Deckengemälde aufgefallen. Das ist allerdings eine besondere Herausforderung. Ich muss buchstäblich aus dem Bauch heraus den richtigen Blickwinkel finden. Mithilfe des Bauchansatzes bringe ich die Kamera in die richtige Position. Der lässig abgelegte Daumen drückt ab. Geschafft. Wenn es die Zeit erlaubt, bietet sich noch ein Sicherheitsschuss mit einer minimal veränderten Kameraposition an. Und wenn die Gefahr besteht, dass ich mich durch das Geräusch des Auslösers verraten könnte, übertöne ich das Klicken der Kamera ganz beiläufig mit einem Räuspern oder Husten. Damit sollte ich es allerdings nicht übertreiben, sonst streckt mir die nette Omi aus der Gruppe irgendwann eine Handvoll Hustenbonbons entgegen.

Durch die Bauchperspektive habe ich in den vergangenen Jahren eine beachtliche Menge an fotografischen Schätzen und Raritäten angehäuft. Schloss Neuschwanstein in Bayern sowie die Marienburg bei Hannover von innen, das Pentagon in Washington von außen, Kirchen und Paläste in Neapel – ich hatte sie alle. Mein Meisterwerk ist ein schiefer Bauchknipser vom Deckenfresko in der Sixtinischen Kapelle in Rom. Das war mit Abstand meine aufregendste Arbeit. Überall gab es Fotografen, die sich dem Verbot widersetzten, manche so plump, dass sie aufflogen. Direkt neben mir zog das italienische Sicherheitspersonal einen jungen Mann aus der Besuchermenge. Er musste seine Kamera abgeben, wurde von Kopf bis Fuß gefilzt und schließlich abgeführt. Nachdem sich die Türen im Vatikan hinter ihm schlossen, hat man nie wieder etwas von ihm gehört…

Ich jedoch blieb unentdeckt. Und das bis heute. Es ist ein einsamer Ruhm. Meine aus der Bauchperspektive geschossenen Fotos halte ich an einem geheimen Ort verschlossen. Zeigen darf ich sie natürlich niemandem und ich selber sehe sie mir nur ganz, ganz selten an. Aber das ist der Preis für eine solch geniale Erfindung.

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