Der Pendler (6:30)

Viele Jahre lang hatte ich einen extrem kurzen Arbeitsweg. Und das war die Hölle. Mein Büro war von meinem Zuhause nur rund einen Kilometer entfernt. Den morgendlichen Weg durch die Innenstadt zur Arbeit legte ich stets zu Fuß zurück. Ich musste zwei Ampeln überqueren und einmal die Straßenseite wechseln und schon war ich da. Jedes mal war ich leicht angeschwitzt und ein wenig außer Atem. Und das vor allem im Sommer, denn der Weg bot kaum Schatten und spätestens nach der Hälfte riss ich mir die Jacke vom Leib und jabste nach Luft.

An meinem Arbeitsplatz im dritten Stock ließ ich mich jedes mal erschöpft in den Stuhl fallen und nahm einen großen Schluck aus der Wasserflasche, während mein Computer hochfuhr. Bis mein Kreislauf wieder in normalen Bahnen verlief, verging mindestens eine halbe Stunde. An produktive Arbeit war währenddessen nicht zu denken. Mails checken, blöde Witze mit den Kollegen machen, lustige Katzenvideos anschauen – mehr war nicht drin.

Natürlich habe ich auch mal versucht, meinen Arbeitsweg mit dem Fahrrad zurückzulegen. Doch dazu musste ich zu Hause erst in den Keller, um mein Fahrrad zu holen, dann damit halb ums Haus schieben, die Gartenpforte überwinden, einen Umweg um die Fußgängerzone herum fahren (eine Ampel mehr) und mein Rad bei der Arbeit schließlich in dem dafür vorgesehenen Schuppen am anderen Ende des Gebäudes unterbringen und abschließen. Und wenn ich danach endlich meinen Schreibtisch erreicht hatte, saß der Zu-Fuß-Stefan bereits da, nahm einen großen Schluck aus der Pulle und grinste dem Fahrrad-Stefan breit entgegen. Das war also keine Alternative.

Doch diese Zeiten sind glücklicherweise vorbei. Ich habe einen neuen Job und muss jetzt jeden Tag 40 Minuten mit der Bahn in die nächste große Stadt fahren. Herrlich!

Mein Arbeitsweg beginnt zwar auch mit einer kurzen Radtour, doch mein Gefährt kann ich bequem direkt neben dem Eingang zum Bahnhof abstellen und sofort die kurze Treppe zum Bahnsteig erklimmen. Meistens habe ich sogar noch Zeit, um mich mit Kaffee, Brötchen und Zeitung zu versorgen. Etwas verschwitzt bin ich dann auch, doch die paar Minuten Wartezeit auf den Zug nutze ich zum Durchlüften und Abkühlen.

Das Beste ist allerdings die Zeit im Zug. Hier kann ich morgens um sieben Uhr in aller Ruhe wach werden, beim Blick aus dem Fenster hin und wieder an meinem Kaffee nippen, etwas lesen, Musik hören oder mir Notizen machen. Ausgeruht erreiche ich schließlich den Bahnhof der Nachbarstadt und wenig später sitze ich gut gelaunt an meinem Schreibtisch. Der Rechner fährt hoch, ich bin voll da, von Null auf Hundert in einer Minute. Produktiver war ich nie!

Den ganzen Arbeitstag über freue ich mich bereits auf die Rückfahrt im Zug am Abend. Früher war ich fast sofort wieder zu Hause. Schlagartig hatte ich Feierabend. Ich musste zum Sport, musste Einkaufen, Essen machen oder mich unterhalten. Jetzt gleite ich sanft in meine Freizeit hinein. Ich kann den Arbeitstag in meinem Kopf noch einmal Revue passieren lassen und kehre wenig später entspannt und gut gelaunt in den Schoß meiner Familie zurück.

Ein großer Vorteil am Bahnfahren ist außerdem das Unterhaltungsprogramm an Bord. Die Bahn lässt sich wirklich jede Menge einfallen, damit den Kunden unterwegs nicht langweilig wird.

Zum festen Ensemble gehören zum Beispiel Fahrgäste mit einem falschen Ticket.

Schaffner: „Mit diesem Ticket dürfen sie leider nicht in diesem Zug fahren.“

Fahrgast: „Aber ich habe doch extra einen Polizisten gefragt, ob das geht!“

Wo nehmen die bloß immer diese Leute her…

Toll sind auch Kinder und Jugendliche im Zug. Kinder sind unsere Zukunft, sagt man ja. Doch gegen eine etwas leisere Zukunft hätte ich manchmal nichts einzuwenden. Letztens habe ich jedoch etwas unglaubliches beobachtet: Zwei kleine Mädchen, offensichtlich Schwestern, haben ein Autoquartett gespielt. Analog! Mit Spielkarten zum Anfassen, so wie die Kinder vor 25 Jahren. Und sie hatten offenbar Spaß daran! Faszinierend!

Gespräche bekommt man natürlich auch aus allen Richtungen mit. Dachdeckerazubis fachsimpeln über die verschiedenen Elemente eines Fallrohrs, ein Geschäftsmann gibt am Handy die letzten Anweisungen für das Projekt in Algerien, bei dem es um GT, MAF und einen Greifer an der Gürteltrommel geht, und irgendwo schimpft ein Vater in gebrochenem Deutsch mit seinem Sohn, der sich über das Fernsehverbot hinweggesetzt hat. Auch Einzelheiten über Weichteilrheuma habe ich bereits unfreiwillig gelernt.

Richtig unterhaltsam sind allerdings größere Reisegruppen. Der Klassiker ist die Schulklasse, die auf den reservierten Plätzen einer anderen Schulklasse sitzt, die eine Station später einsteigt. Daraus entwickelt sich ein solch packender Thriller, neben dem jedes Fitzek-Buch wie „Die kleine Raupe Nimmersatt“ aussieht.

Und natürlich dürfen auch die Rentner nicht fehlen. Reisende Ruheständler stehen in Sachen Lautstärke den jüngeren Fahrgästen meistens in Nichts nach. Vor allem Frauen. Bis nach dem Einsteigen die reservierten Sitzplätze gefunden sind, wird hektisch in alle Richtungen geblickt. „Hier müssen wir hin!“, kräht schließlich eine und alle anderen drängen sich zur ihr durch. Koffer werden noch einmal umgeräumt, damit sie näher am Sitzplatz sind. Stöhnend lassen sich die ersten in den Sitz fallen. „Ich sitze“, lautet der Kommentar dazu. „Endlich haben wir es geschafft, was Hilde?“

Sofort werden die ersten Handys gezückt, um den Töchtern mitzuteilen, dass man es geschafft habe. Die Tastentöne sind dabei so laut eingestellt, dass ich mich nicht mehr auf meinen Fitzek konzentrieren kann und ernsthaft befürchte, den Rest des Tages mit einem Tinnitus herumlaufen zu müssen. „Ich habe mein Handy zu Hause gelassen“, sagt eine. Vielen Dank, denke ich.

„Jetzt ist mir ja ein bisschen warm. Gut, dass ich so eine dünne Hose angezogen habe.“

„Ich habe heute morgen eine dickere Hose angezogen. Aber eine dünne habe ich noch eingepackt.“

„Habt ihr eigentlich auch solche Probleme, Geschenke für eure Enkelkinder zu finden?“

„Ich frage meistens meine Tochter.“

„Ich habe hier so eine komische Fehlermeldung auf meinem Handy. Ich soll SMS löschen, sagt es. Wisst ihr, wie das geht?“

„Frag doch mal einen von den jungen Leuten hier. Die wissen doch so etwas.“

Oh Mann, das müssen mindestens 20 Frauen sein, die sich hinter mir lärmend amüsieren, denke ich. Ich schiele unauffällig nach hinten. Es sind nur vier.

Ich klappe mein Buch zusammen, setze mir Kopfhörer auf und höre Heavy Metal. Welch eine Wohltat.

Morgen setzte ich mich vielleicht einmal in die erste Klasse. Mal sehen, welches Premium-Entertainment mich dort erwartet.

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