Fummeln und Stöhnen (4:30)

Ich werde langsam alt. Ich brauche Kissen. Auf dem Sofa vor dem Fernseher würde ich mir am liebsten eine abstrakte Polsterskulptur an den Rücken montieren, um möglichst bequem zu liegen. Und auch im Zug, mit dem ich jeden Tag zur Arbeit fahre, vermisse ich manchmal eine ergonomische Unterstützung für meine offensichtlich geschwächten Wirbel und Muskeln.

Mein Rücken unterhält sich seit neuestem auch mit mir. Für die Kommunikation benutzt er allerdings keine Worte, sondern Schmerzen. Letztens erst fuhr er mir genüsslich mit der Spaltaxt durch die Brustwirbelsäule. So fühlte es sich zumindest an, als ich an diesem Tag meine Kaffeekanne im Spülbecken auswaschen wollte. Eine schwungvolle Schüttbewegung über dem Ausguss später bohrte es sich mir wie mit einer scharfen Schneide zwischen die Knochen. Ich musste kurz innehalten. Ich konnte kaum Luft holen, geschweige denn, mich bewegen. Zur Salzsäule erstarrt, mit weit aufgerissenen Augen und erhobenen Händen stand ich da. Wie ein modernes Denkmal im Skulpturenpark eines Kunstmuseums.

Wenig später ging es wieder, aber seit diesem Tag unterhalten mein Rücken und ich uns öfter. Meistens im Sitzen. Oder beim Sport. Auch mal im Schlaf.

Irgendwann hatte ich die Schnauze voll von den Schmerzen. Ich wollte nicht den Rest meines Lebens wie ein Klappmesser durch die Gegend laufen. Ich bin doch erst Mitte 30!

Hilfe musste her, dachte ich, und machte einen Termin beim Physiotherapeuten. Und damit steigerte sich meine Aufregung ins Unermessliche. Ich sollte nämlich meine erste professionelle Massage bekommen. Und nicht nur irgendeine Pille-Palle-Wellness-Fummelei. Nein! Ich rede hier von einer MEDIZINISCHEN Massage!

Ein paar Tage später saß ich in der Physio-Praxis im Wartezimmer.

„Herr Scherzenegger ist sofort bei Ihnen“, hatte die Dame am Empfangstresen gesagt, bevor ich mich auf den Wartestuhl setzte. Scherzenegger? Das klingt ja wie Schwarzenegger, dachte ich. Hoffentlich ist das die einzige Ähnlichkeit mit dem österreichischen Zwei-Meter-Muskelberg. Mir wurde immer unwohler in meiner Haut.

Schließlich kam Herr Scherzenegger um die Ecke und nahm mich in Empfang. Er war keine zwei Meter groß. Maximal 1,98, schätzte ich. Dazu hatte er Hände so groß wie Schallplatten mit Fingern dran so dick wie Leberwürste.

„Scherzenegger“, begrüßte er mich und reichte mir die Hand.

„N…Nabend“, murmelte ich und hielt ihm zaghaft meine Hand entgegen. Der Händedruck war kräftig, aber nicht schmerzhaft. Der schont bestimmt nur seine Kräfte, dachte ich.

Kurz darauf lag ich auf der Liege. Oberkörper frei. Bäuchlings.

Und so begann es also.

Nach ein paar lockeren Fingerübungen zwischen Wirbelsäule und Schulterblättern hatte Scherzenegger seine Reisegeschwindigkeit erreicht. Seine Hände gruben sich in meinen Rücken wie in rohen Pizzateig. Er wollte anscheinend kleine Knetmännchen aus meinen Muskeln basteln. Zwischendurch knallte es ein paar Mal so laut, dass ich dachte, er wäre neben der Liege auf Luftpolsterfolie getreten. Dabei waren das nur meine Wirbel, die sich geräuschvoll in die richtige Position bewegten. Ich lag auf dem Bauch, hatte die Augen geschlossen und gab Geräusche von mir, mit denen ich einen Pornofilm hätte synchronisieren können.

Irgendwann sollte ich mich auf die Seite drehen, damit Scherzenegger sich meiner Achselhöhle widmen konnte. Ich wusste, gar nicht, dass man dort auch verspannt sein konnte. Und was für Schmerzen einem dort zugefügt werden können. Mir wurde schwindlig und ich musste die Augen erneut schließen. Als ich sie wieder öffnete, sah ich Scherzenegger, wie er mit meinem Arm in der Hand kurz den Raum verließ und mit den nackten Putzfrauen im Wartezimmer eine Party feierte.

Schließlich kam ich wieder zu mir. Und die Behandlung war beendet. Ich richtete mich auf und stieg von der Liege. Hier und da zwickte es noch leicht, doch mein erster Eindruck nach meiner ersten medizinischen Massage war durchaus positiv. Ich entspannte mich langsam wieder und zog mich an. Erst jetzt fiel mir auf, dass Herr Scherzenegger gar nicht so groß war. Höchstens 1,75 Meter und damit kleiner als ich. Auch seine Hände schienen normal groß zu sein und an seinen Ringfinger passte offenbar sogar ein Ehering, wie mir die entsprechende Druckstelle zeigte.

Bei der Empfangsdame musste ich dann noch die Rechnung begleichen.

„Einmal ,Relax and Go‘, das macht 32,50“, sagte sie.

,Relax and Go‘?, dachte ich, während ich ihr das Geld reichte. Für mich hatte sich das zwischenzeitlich eher nach ,Stress and Die‘ angefühlt.

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6 Gedanken zu “Fummeln und Stöhnen (4:30)

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  4. Langsam Alt? Sorry, Herzchen. Willkommen in der Realität! Du bist alt ;-). Schon vor einigen Jahren hat Dein Körper das beschlossen und seit dem alterst Du vor Dich hin. Da wird nix mehr neuer. Es knackt nun fortan hier und da. Oder es erstattet ein Muskelstrang Bericht über seine derzeitige Lage. Ja – Deine Körperteile lernen jetzt sprechen. Und sicher lernst Du noch mehr von ihnen kennen :-)
    Mein Tipp, wenn die Massagen nicht helfen: Thaimassage. Das ist der Hit. Du solltest nur nicht nach dem Happy End fragen, sonst könnte es bei einem Seriösen Salon doch schmerzhaft werden. ;-)

    Im Zweifel helfen auch Drogen ;-), um sich der Realität zu entziehen.

    LG Alva

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