Nackt und Angst (4:30)

Es ist stockdunkel in diesem stinkenden, schwarzen Loch. Wirklich dunkel und finster. Nicht die Art von Dunkelheit, durch die manchmal noch ein kleines bisschen Licht dringt, an dem man sich orientieren kann, sodass man ungefähr erahnt, wo man sich befindet und was um einen herum geschieht. Von dieser Art Dunkelheit kann hier nicht die Rede sein. Gemeint ist die absolute Finsternis, schwärzer als schwarz, bei der man die eigene Hand vor Augen nicht sieht, selbst wenn man sie sich direkt vor das Gesicht hält. Es ist eine schwere, triefende, fast greifbare Schwärze, die einen zu erdrücken droht. Die die Wände herunterzufließen scheint.

Dort, wo meine Augen versagen, übernimmt das Gehirn die Funktion des Sehens, gaukelt mir Bilder vor, die es nicht gibt. Trugbilder, Schleier, Schatten. Licht? War das ein Blitz? Wohl kaum.

Licht gibt es nicht. Dafür Geräusche. Ein Gurgeln, ein Gluckern. Ab und zu ein dumpfes Rauschen, dann ein Trippeln. Plötzlich ein Knall, gar nicht weit entfernt. Das Echo hängt noch einen Augenblick in der Luft. Dann ist es wieder still. Ich höre nur meinen Atem. Er geht schnell, ist flach. Meine Sinne sind geschärft. Ich bin angespannt. Alles in mir schreit nach Alarm.

Und über allem hängt dieser Gestank. Wie in wabernden Wolken scheint er stoßweise durch den Raum zu gleiten. Wenn er mich erreicht, stockt mir jedes Mal der Atem. Es riecht nach Verwesung, nach totem Fleisch, nach saurer Fäulnis. Das Summen von Schmeißfliegen würde zu diesem Geruch gut passen, denke ich. Dazwischen drängt sich der Hauch einer Chemikalie. Ob es so in einer Leichenhalle riecht?

Wo ich bin, weiß ich nicht. Wie lange diese stinkende Dunkelheit mich bereits gefangen hält, kann ich nicht sagen. Wie ich hier hinein gekommen bin? Keine Ahnung. Mein Bewusstsein hat erst vor kurzem wieder angefangen zu arbeiten. Langsam erwache ich aus meiner Starre und fühle mich dennoch wie betäubt. Die übermächtige Dunkelheit lässt mich daran zweifeln, dass dies das wahre Leben ist. Mein Leben. Die Gegenwart.

Ich sitze, so viel steht fest. Und ich bin nicht gefesselt. Ich könnte aufstehen, doch wenige Zentimeter vor, neben und hinter mir befindet sich jeweils eine Wand. Das habe ich bereits ertastet. Gegen sie gelehnt bin ich vor wenigen Minuten wach geworden.

Wer steckt hinter diesem Spuk? Bin ich entführt worden? Warum? Verletzungen scheinen meine Peiniger mir jedenfalls nicht zugefügt zu haben. Schmerzen habe ich nicht, Arme und Beine kann ich bewegen. Nur die Angst pocht von innen gegen meinen Magen.

Ich begreife nicht, was hier passiert. Heute Morgen bin ich noch ganz normal zur Arbeit gegangen. An meinen ersten Kaffee im Büro kann ich mich noch erinnern. Anschließend die Konferenz mit den Kollegen. Und danach? Mittagspause. Richtig. Und dann bin ich irgendwann in diesem Dreckloch wieder zu mir gekommen. Höchst eigenartig.

Irgendwann höre ich wieder Geräusche. Von rechts dringt erneut dieses Rauschen herüber, dazu ein grässliches, schepperndes Lachen wie von einem Clown in einem Horrorfilm. Von links höre ich Schritte. Schwere Schritte. Und gedämpfte Stimmen. Erfahre ich jetzt endlich, was hier los ist?

Ich höre, wie eine Tür aufgerissen wird, irgendwo außerhalb meiner Kammer aber nicht allzu weit entfernt. Das Licht geht an, explodiert förmlich über mir, blendet mich.

„Hallo!“, ruft jemand. „Ist hier noch einer drin? Ich würde sonst abschließen! Hallo?“

„Hallo…“, krächze ich. „Wer…“

„Ach, da ist ja noch jemand! Na, machen sie erst mal zu Ende. Ich warte solange.“

Rumms. Tür wieder zu.

Verwirrt blicke ich mich um, betrachte den engen Raum jetzt mit zusammen gekniffenen Augen. An die plötzliche Helligkeit gewöhne ich mich nur langsam. Direkt vor mir erkenne ich eine Tür. Die Wände rechts und links sind weiß, aus rauem Kunststoff und reichen nicht ganz bis auf den Boden.

Erst jetzt bemerke ich, dass ich mit runtergelassener Hose auf einer Toilette sitze. Bin ich hier etwa auf dem Klo eingeschlafen?

Etwas benommen stehe ich auf, ziehe meine Hose hoch und verlasse die Kabine.

Beim Hinausgehen fällt es mir dann ein: Die haben hier bei der Arbeit doch erst gestern die Lichtschalter durch automatische Bewegungsmelder ersetzt! Während meines Geschäftes nach der Mittagspause war dann das Licht ausgegangen. Alles Zappeln auf der Schüssel half nichts, weil sich der Sensor schlauerweise außerhalb der Kabine befindet. Erschöpft und vom Gestank betäubt muss ich dann kurz eingenickt sein.

Gut, dass der Hausmeister hier nochmal reingeschaut hat. Draußen auf dem Flur nicke ich ihm freundlich zu und mache Feierabend.

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2 Gedanken zu “Nackt und Angst (4:30)

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