Rubbeln und Spritzen (5:00)

Das süße Leben ist für mich endgültig vorbei, denn ich benutze jetzt Zahncreme, die salzig schmeckt. Das mit der Freshness hat sich bei mir also erledigt. Warum ich das mache? Weil mir mein Zahnarzt dazu geraten hat, vor einiger Zeit bei meinem letzten Besuch dort. Ich unterzog mich vor kurzem nämlich zum ersten Mal einer professionellen Zahnreinigung. Nach der ersten medizinischen Massage meines Lebens im vergangenen Jahr sollte das also die Erstes-Mal-Erfahrung für dieses Jahr werden.

Ganze acht Jahre hatte es gedauert, bis mein Zahnarzt mich rumgekriegt hatte. So lange besuche ich diesen Mediziner nun schon regelmäßig und bei jedem jährlichen Kontrolltermin wurde das Lob über den guten Zustand meines Esszimmers stets ergänzt um die Worte: „Eine Zahnreinigung würde ich ihnen aber trotzdem empfehlen, um diesen guten Zustand zu erhalten.“ Jedes Jahr wurde mir ein Kostenvoranschlag mitgegeben, den ich dann zu Hause verbummelte, ein halbes Jahr später wiederfand und schließlich dem Altpapier übereignete. Beschwerden hatte ich nie, wozu also eine einstündige und 75 Euro teure Behandlung über mich ergehen lassen? Zumal ich beim darauffolgenden Termin erneutes Lob für die mühevolle Pflege meiner Beißer einsackte.

In letzter Zeit schien meinem Zahnfleisch diese Pflege jedoch nicht mehr zu genügen, was es mir mit deutlichen blutroten Zeichen zu verstehen gab. Ich kramte also den letzten Kostenvoranschlag aus der Papiertonne und vereinbarte einen Termin. Durch den Telefonhörer konnte ich deutlich die Erleichterung spüren, die meine Nachricht in der Praxis auslöste. Nach Beendigung des Gesprächs war die Sprechstundenhilfe wahrscheinlich sofort aufgesprungen und in das nächste Behandlungszimmer gestürmt, in dem mein Zahnarzt gerade den dritten Weisheitszahn aus der blutverschmierten Mundhöhle eines Patienten rupfte und hatte gerufen: „Der Stefan! Der kommt nächstes Jahr zur Zahnreinigung!“

„Stefan? DER Stefan?“, hatte mein Zahnarzt wahrscheinlich ungläubig gefragt.

„Ja! Endlich! Nach acht Jahren!“, muss sie geantwortet haben, bevor sie schluchzend zusammenbrach.

Mein Zahnarzt ist an dem Abend bestimmt mit Tränen in den Augen nach Hause gefahren, während er die ganze Zeit „Ach, Stefan“ vor sich hin murmelte. Ein paar Tage danach muss er das glücklichste Weihnachtsfest seines Lebens gefeiert haben.

Mein Weihnachten war auch nicht schlecht gewesen und die Reste der vielen Essen an Heiligabend und der darauffolgenden Feiertage pulte der Arzt mir ein paar Wochen später mit seinen Gerätschaften aus den Zahnzwischenräumen. Von Rührung keine Spur mehr. Professionelles Ackern war jetzt angesagt und zwischendurch schien es, als hätte er einmal leise und verzweifelt „Ach, Stefan…“ gestöhnt.

Die Prozedur begann eigentlich ganz harmlos. Den Presslufthammer zum Entfernen von Zahnstein kannte ich bereits. Danach folgte das eigentliche Reinigen, bei dem mir mit spitzen langen Haken alle möglichen Mahlzeiten der letzten Jahre zwischen den Zähnen entfernt wurden. Dem folgte der Sandstrahler, mit dem sich mein Arzt die Verfärbungen vornahm. Das aus der Düse schießende Granulat-Wasser-Gemisch schmeckte irritierend süß. Anschließend durfte ich mir eine Spülung genehmigen, deren wiederum frischer Minzgeschmack mir heute noch zwischen den Ohren brennt. Daraufhin wurden mir eine kleine Flex und ein kleiner Sauger in den Mund geschoben. Mit der Gummibürste der Flex wurden jetzt die Zahnoberflächen poliert. Mit den ganzen Werkzeugen im Maul gab ich für Außenstehende sicherlich ein eigentümliches Bild ab, das ich mir gerne aus einer anderen Perspektive angesehen hätte. Dazu mein vollgetropftes und blutverschmiertes Lätzchen, die besprenkelte Schutzbrille und das zischende Gurgelgeräusch des Saugers – was muss das für ein Anblick gewesen sein.

Nach einem guten Dutzend verschiedener Sauger, Rubbler, Spritzer, Schaber und Pikser ging mein Arzt zur Handarbeit über. Für die Schneidezähne im Unterkiefer gab es eine exklusive Behandlung mit einem Polierstreifen, der wie ein Stück Tesafilm aussah, die übrigen Zähne mussten sich mit stinknormaler Zahnseide zufrieden geben. Der Höhepunkt zum Abschluss war die widerlichste Mundspülung der Welt, die ich als Krönung auch noch zehn Minuten lang einwirken lassen musste.

Und dann war es plötzlich vorbei. Noch die kurze Beratung, dann ein knapper Händedruck, frohes neues Jahr und Tschüss. Die Arzthelferin drückte mir noch fix eine Probe der salzigen Zahncreme in die Hand, zu der mein Arzt mir wegen der Zahnfleischentzündung geraten hatte, und schon stand ich wieder vor der Praxis auf der Straße. Für diese derart intime Begegnung mit meinem Zahnarzt ging mir die Verabschiedung fast ein bisschen zu schnell. Vielleicht war es für ihn doch nicht so besonders gewesen, dachte ich. Ich nahm mir vor, jetzt jedes Jahr eine Zahnreinigung bei ihm zu machen, um unsere langjährige Beziehung aufrecht zu erhalten.

An die salzige Zahncreme habe ich mich mittlerweile gewöhnt. Ich kann es kaum erwarten, bis die Special Edition mit den Geschmacksrichtungen „Barbecue“ und „Sour Cream and Onion“ auf den Markt kommt.

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2 Gedanken zu “Rubbeln und Spritzen (5:00)

  1. Pingback: Der Tag, an dem sich mein Bart beim Zahnarzt im Bohrer verfing (5:15) | Der neue Stefan

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