Der Tag, an dem sich mein Bart beim Zahnarzt im Bohrer verfing (5:15)

Ich habe eine Sorge weniger. Ich habe abgenommen. Ihn. Meinen Bart. Das allein klingt schon seltsam, oder? Den Bart „abgenommen“. Das klingt so, als wäre der Bart mit Druckknöpfen hinter den Ohren und Klettverschluss am Kinn festgemacht und man könnte ihn bei passender Gelegenheit einfach abnehmen und zusammengefaltet in die Tasche stecken oder einfach nur zum Trocknen aufhängen.

Praktisch wäre das bei mir durchaus mal gewesen. Zum Beispiel beim Essen. Als ich mir zum Beispiel auf dem Weihnachtsmarkt dieses leckere Schinkenbrötchen kaufte, auf dem ein riesiger Klecks Schmand untergebracht war, der mir nach dem ersten Bissen gleich im Bart hängenblieb. Und der sich umso mehr ausbreitete, je heftiger ich ihn mit der Serviette wegzuwischen versuchte. Während alle anderen um mich herum standen und mir mit ihren Verrenkungen zeigten, wo genau die Soße gerade hing. Gerne hätte ich dabei vorher meinen Bart abgenommen, in die Schutzhülle oder ein passendes Design-Etui gepackt und bis zum Ende der Mahlzeit in meiner Jackentasche verwahrt.

Oder als es einmal so richtig kalt war und ich mir meine Winterjacke bis obenhin zumachen wollte, der Bart aber im Reißverschluss hängenblieb und mir ungeahnte Schmerzen verursachte. Den Rest des Winters bin ich nur noch mit Angst und halboffener Jacke herumgelaufen. „Lieber Halsschmerzen, als Bartschmerzen“, dachte ich.

Auch beim Zahnarzt war ich mir nicht sicher, ob das mit dem Bart alles so gut gehen würde. Als ich im Behandlungszimmer im Stuhl saß, malte ich mir aus, wie sich mein Bart im Bohrer verfing und bei mir zwischen Kinn und Unterlippe eine kahle Stelle zurückließ. Erneut ungeahnte Schmerzen. Und der Geruch von verschmorten Haaren, die sich im Bohrergewinde verklemmten und durch die Reibung anfingen zu brennen. Und einen Kurzschluss würde es vielleicht auch geben, weil der defekte Bohrer das ganze Praxissystem lahmlegte. Vielleicht aber auch nicht. Ist ja glücklicherweise nie passiert. Ich fand den Titel für die Geschichte trotzdem gut, sorry.

Am schlimmsten aber war, dass mein Bart nicht so wuchs, wie ich das gerne hätte. Am Anfang stellte ich mir vor, wie ich mit einem langen, gepflegten Vollbart aussehen würde. Es sollte nicht unbedingt so ausarten wie bei diesen Hipstern mit Flanellhemd und Hosenträgern, doch eine gewisse Festigkeit und männliche Dichte stellte ich mir schon vor. Einen ganz eigenen Stil eben.

Stattdessen entwickelte sich die ganze Geschichte mehr und mehr in die falsche Richtung. Mein Bart wuchs überall hin, nur nicht einfach so gerade nach unten. Irgendwann kitzelten mir die Barthaare sogar im Ohr. Das konnte es ja nun wirklich nicht sein. Am Ende sah ich im Gesicht aus wie an anderen üblicherweise verdeckten Körperstellen weiter unten. Statt eines Hipster-Holzfällers war ein pubertierender Heavy-Metal-Nerd aus mir geworden. Das wollte ich nicht.

Unglücklicherweise schienen meine Freunde, Bekannten und Arbeitskollegen meinen Bart gar nicht so abstoßend zu finden. Die Frauen flossen regelmäßig dahin und die Männer fragten anerkennend: „Wie lange trägst du den jetzt? Cool!“ Und bei der Weihnachtsfeier im Büro bekam ich vor allem von den jüngeren Kollegen respektvolles Lob. „Der weise, alte Mann muss Bart tragen“, dachte ich.

Kurz vor Weihnachten hatte ich mich trotzdem dazu entschlossen, meinen Bart nach den Feiertagen wieder abzurasieren. Unglücklicherweise bekam ich an Heiligabend ein komplettes Bartpflegeset geschenkt. „Ich dachte, das passt. Das ist doch jetzt dein Ding“, lautete die Begründung. „Mein Ding“ musste ich jetzt also noch ein paar Wochen lang durchziehen bis zumindest das Pflegeset aufgebraucht war. Bartkamm, Bartbürste, Shampoo, Conditioner, Pflegekur, Bartwichse – Alles war dabei. Kurzzeitig dachte, dass sich mit den Pflegeprodukten mein Bart tatsächlich verschönern ließe. Doch er wurde in alle Richtungen einfach nur immer länger und mir nach einiger Zeit regelrecht peinlich. Kurz nachdem ich den letzten Tropfen Pflegekur in meinen Bart einmassiert hatte, rasierte ich ihn ab. Fast komplett. Nur die üblichen Dreitagestoppeln ließ ich stehen.

Als meine Familie mich kurz darauf mit meinem neuen Gesicht erblickte, schlugen einige bestürzt die Hände über den Köpfen zusammen. „Was sollen wir dir denn jetzt schenken, wenn du dein Hobby nicht mehr hast?!“, riefen sie, als hätten sie mir die letzten zehn Jahre in Folge immer nur Bartpflegeprodukte geschenkt.

Meinen Arbeitskollegen ist übrigens erst nach zwei Wochen aufgefallen, dass ich keinen Bart mehr trage. Alles richtig gemacht also.

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7 Gedanken zu “Der Tag, an dem sich mein Bart beim Zahnarzt im Bohrer verfing (5:15)

  1. Pingback: Power to the Seppo (5:45) | Der neue Stefan

  2. Hahaha-> ich schmeisse mich weg :) Herrlich amüsant geschrieben. Ich sehe dich förmlich vor mir.
    Qbwohl, gut das der Bart ab ist. Vor ein paar Tagen brachten sie im Radio, dass in einem Männerbart mehr Bakterien stecken als auf einer Klobrille ;)
    Und manchmal ist ja nackig auch mal ganz toll oder?
    Liebe Grüße
    Nila

    Gefällt 1 Person

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