Die Sucht (6:15)

Diese kleinen, runden, bunten Dinger bringen mich wahrscheinlich irgendwann einmal ins Grab. Mit jedem einzelnen von ihnen komme ich einem schicken Erdmöbel einen weiteren Schritt näher. Dass ich mir meine Sucht eingestehe, ist vielleicht ein erster Schritt in die richtige Richtung. Doch bis zur vollständigen Heilung ist es noch ein weiter Weg. Und vielleicht möchte ich den auch gar nicht gehen. Ich kann auf Donuts einfach nicht verzichten!

Donuts, sie wissen schon. Diese kleinen, frittierten Schmalzkringel mit bunter Glasur und, bei der Deluxevariante, einer Füllung mit Fruchtgeschmack. Also im Grunde nichts anderes als in Fett gebackenes Fett, überzogen mit Zucker und gefüllt mit Zucker. Wie die süße Version eines Hamburgers mit Käse und Bacon. Echt ungesund und echt amerikanisch.

Und genauso fing das ganze Dilemma bei mir auch an. Mit Amerika. Die Amis schickten nämlich irgendwann die Simpsons nach Deutschland. Und in dieser TV-Serie futtert Familienfettsack Homer den ganzen Tag nichts anderes als Donuts.

Was muss das für ein magisches Gebäck sein?, dachte ich.

Und schließlich fingen auch deutsche Bäckereien an, ihre Zeit und Geschicklichkeit in den kleinen Fettkringel mit einem Loch in der Mitte zu stecken. Ab da war es um mich geschehen.

„Schau mal, ein Donut“, staunte ich zusammen mit mir selbst. „Wie bei den Simpsons. Den muss ich haben!“

In dieser Anfangszeit blickte ich immer wieder wehmütig und mit Speicheltropfen in den Mundwinkeln nach Berlin. Dort gab es nämlich lange Zeit die einzige deutsche Filiale einer original amerikanischen Donutkette. Das eine Wochenende, an dem ich einmal dort zu Besuch sein durfte, war ein unbeschreibliches Erlebnis.

Es dauerte viele Jahre, bis das kleine, runde, bunte Glück endlich mal in meine Nähe kam. Überall schossen die Filialen der Kette auf einmal aus dem Boden. Plötzlich musste ich nicht mehr drei Stunden bis zum nächsten Laden fahren, sondern nur noch anderthalb! Und schließlich kam der eine überwältigende Tag, an dem eine Zweigstelle fast direkt neben meinem Arbeitsplatz eröffnete.

Nun muss ich dazu sagen, dass ich jeden Tag mit dem Zug in die nächste große Stadt zur Arbeit fahre und dieser Donutladen ausgerechnet am Bahnhof meines Arbeitgeberortes eröffnete. Ich sah ihn also jeden Tag. Und ich ging jeden Tag an ihm vorbei. Die bunten und fruchtigen Lochstücke blickten mir ständig entgegen. Und jeden Tag ließen sich mein Herz, und vor allem mein Magen, erweichen und ich nahm mindestens zwei Exemplare mit. Zunächst gönnte ich mir nur abends zum Feierabend einen kleinen Glücksspender. Immer öfter machte ich aber auch morgens an der bunten Glasvitrine Halt und ließ mir einen oder mehrere runde Fettmacher für die Arbeit einpacken.

In dem ersten Monat nach der Eröffnung der Filiale nahm ich acht Kilo zu. Außerdem war mein Gesicht irgendwann übersät mit Pickeln und unter meinen Fingernägeln sammelte sich eine Mischung aus Schoko-, Erdbeer- und Vanilleglasur. Meine Hände waren mit einem permanenten Fettfilm überzogen und den ganzen Tag hatte ich den Geruch von frittiertem Teig in der Nase.

Irgendwann sah ich selber aus wie ein Donut. Und mein Kopf glich einer knalligen Himbeerglasur mit Streuseln, weil mich durch die Fettleibigkeit jede kleinste Anstrengung sofort ins Schwitzen brachte.

Meiner Frau war diese Veränderung natürlich nicht verborgen geblieben. Immer öfter konnte ich meinen häuslichen Pflichten nicht mehr nachkommen. Wasserkisten schienen immer schwerer zu werden und die Stufen der Leiter erklommen sich auch nicht mehr so leicht, wenn ich mal wieder eine Spinne an der Badezimmerdecke vernichten musste.

Eines Abends saß ich wie gewohnt nach der Arbeit im Zug und öffnete meine Donuttüte. Für den Feierabend hatte ich mir diesmal ein Exemplar mit Blaubeerfüllung und eines mit doppelter Schokoglasur angelacht.

Genüsslich hielt ich das erste Gebäckstück in die Höhe und drehte es langsam in den Fingern. Ich wollte gerade hineinbeißen, da rauschte von der Seite ein Arm heran, der mir den Donut mit voller Wucht aus der Hand schlug.

„Sie sollen nicht so viel von dem fettigen Zeug fressen, hat ihre Frau gesagt!“

Verdutzt, die Hand immer noch am Mund, drehte ich meinen Kopf zur Seite und blickte in das vor Wut schäumende Gesicht des Schaffners.

„Ich beobachte Sie jetzt jeden Abend. Passen Sie bloß auf, Mann!“, polterte er mir mit erhobenem Zeigefinger entgegen.

Meine Frau hatte tatsächlich eine E-Mail mit meinem Foto im Anhang an die Bahn geschickt mit der Bitte, dass das Personal doch darauf achten sollte, dass ich abends nicht mit einer Donuttüte in den Zug steige.

Unglaublich. Aber nicht unüberwindlich.

Für meinen Konsum musste ich mir jetzt also einen anderen Platz suchen. Ein paar Wochen ging das auch gut. Donuts kaufte ich auch weiterhin, doch ich aß sie auf, bevor ich in den Zug stieg. Da die Bahn sowieso jeden zweiten Tag zu spät kam, war das auch kein Problem.

Doch natürlich merkte meine Frau, dass sich an meiner körperlichen Verfassung trotz scheinbarer Donutabstinenz nichts änderte. Und so holte sie zum nächsten Schlag aus. Als ich mich eines Abends wie gewohnt an die Warteschlange vor dem Donutverkaufstresen stellte, erblickte ich zu meinem Entsetzen einen kleinen Aushang, der seitlich neben der Kasse angebracht war, damit die Mitarbeiter ihn gut sehen konnten. „Achtung! Verkaufen sie diesem Mann unter keinen Umständen auch nur einen Donut!“ Darunter prangte mein Bild. Ich war schockiert und wandte mich mit gesenktem Kopf ab. Für diesen Abend war mir der Appetit vergangen.

Zwischenzeitlich habe ich überlegt, auf Muffins oder Franzbrötchen umzusteigen. Doch das ist einfach nicht dasselbe.

Inzwischen besorge ich mir wieder Donuts, allerdings die langweilige Schokovariante von einem kleinen SB-Bäcker. Und die Dinger stopfe ich mir dann zwischen die Hälften eines Vollkornbrötchens. Bislang ist die Tarnung nicht aufgeflogen.

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4 Gedanken zu “Die Sucht (6:15)

  1. Pingback: In den Fängen einer Fahrgemeinschaft (7:30) | Der neue Stefan

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