(Un)Scharfe Spielchen mit der Ehefrau (6:00)

Die Ehe ist schon ein tückisches Ding. Nach vielen Jahren der Zweisamkeit müssen sich Ehepaare ständig etwas Neues ausdenken, um das Prickeln am Leben zu erhalten. Die ganze Sache mit dem Spaß und der hemmungslosen Leidenschaft ist ein Buch mit sieben Siegeln. Patentrezepte gibt es nicht. Es genügt nicht, sich hin und wieder mal schick anzuziehen oder das Wohlbefinden des Anderen durch eine belanglose Nettigkeit zu steigern. Nervenkitzel muss her, der alle Sinne befriedigt. Schmerzen dürfen auch sein, die einen kurz an den Rand der Ohnmacht bringen, die Sinne danach aber umso empfindlicher machen.

Bei mir zu Hause sind wir jetzt offenbar auch an diesem Punkt angekommen. Meine Frau war der Auslöser. Eines Tages blickte sie mir tief in die Augen. So tief hatte sie mir schon lange nicht mehr in die Augen geblickt. Sie nahm sanft meine Hand und sagte: „Lass uns doch mal…“ Mir wurde plötzlich ganz heiß. Ich setzte mich kerzengerade auf und war gespannt wie ein Flitzebogen. „Lass und doch mal etwas ausprobieren, das wir noch nie gemacht haben.“ Für einen Moment wurde alles um mich herum unwichtig. Mein Mund war plötzlich ganz trocken, meine Hände dafür schweißnass. Mit weit aufgerissenen Augen hing ich an den Lippen meiner Frau, die jetzt säuselte: „Lass uns doch mal… für einen Tag die Brillen tauschen, das wird bestimmt lustig!“

Nun muss ich dazu sagen, dass meine Frau gar keine Brille trägt. Brille tauschen heißt also: Sie bekommt meine und ich gehe ohne. Und das bedeutet bei meiner Kurzsichtigkeit mit rund fünf Dioptrien ein aufregendes Abenteuer für uns beide.

Am nächsten Tag gab ich meiner Frau meine Brille und die Welt um mich herum versank in Unschärfe. Meine Frau hatte offenbar Spaß an diesem Experiment. Den ganzen Tag über bekam ich von ihr Updates per SMS wie oft sie bei der Arbeit auf dem Flur nicht erkannt worden sei und das sie auf ihrem Computerbildschirm ja gar nichts erkennen könnte. Und in der Mittagspause sei ihr gar nicht aufgefallen, dass sie fast eine komplette Portion Pilzragout verdrückt hatte, obwohl sie das eigentlich gar nicht mochte. Und natürlich betonte sie immer wieder, dass das ja alles „voll lustig“ sei.

Ich fand das nicht. Warum ich in die Aktion eingewilligt hatte, wusste ich selber nicht mehr. Ach ja! Nervenkitzel und so…

Den Weg zur Arbeit fand ich gerade noch so. Ich muss ja jeden Tag mit dem Zug in die nächste Stadt pendeln. Früh morgens konnte ich mich noch auf meine ausgeschlafenen Sinne verlassen und radelte zum Bahnhof wie im Schlaf. Die Nummer des Gleises konnte ich zwar nicht erkennen, doch wie durch ein Wunder erwischte ich den richtigen Zug und nahm wenig später sogar am richtigen Schreibtisch im richtigen Bürogebäude in der nächsten Stadt Platz.

Meinen Kollegen schien die fehlende Brille in meinem Gesicht gar nicht aufzufallen. Einige schauten zwar etwas irritiert, konnten sich auf die offensichtlich veränderte Erscheinung aber keinen Reim machen. Nicht-Brillenträger sind leider so. Erst kürzlich hatte mich einer von diesen Menschen ohne Sehbehinderung schief angeschaut und gefragt, ob ich eine neue Brille hätte. Dabei hatte ich das Modell schon vor zwei Jahren gewechselt. Wahrscheinlich müsste ich erst ein halbes Jahr lang ohne Nasenfahrrad herumlaufen, bevor einer sagen würde: „Hm… irgendwas an dir ist doch anders, oder? Moment, Moment! Nicht sagen, ich komme gleich drauf…!“

Ich saß also an meinem Schreibtisch und versuchte, Arbeit vorzutäuschen. Den ganzen Tag hämmerte ich wie wild auf meiner Tastatur herum und bemühte mich, konzentriert auszusehen, wenn ein Kollege an meinem Schreibtisch vorbei flanierte. Sinnlos und ohne Verstand ließ ich meine Finger über die Tasten wirbeln. Die Sätze, die ich schrieb, sahen ungefähr so aus: lkejqflfjlädäawg qlfjwpgjppepkdke kejglqpepok kekvgrkjpetg dkgjeoueoef gkblekfkekfk wrgidjlwjöowrg. Satzzeichen erwischte ich selten. Musste ich auch nicht. Für die Präsentation beim Chef hatte ich noch drei Wochen Zeit. Der Tag heute musste mal dran glauben.

Mittags ging ich vorsichtig zum Bäcker nebenan, um mir etwas zu Essen zu holen. Ich zeigte hinter der Scheibe am Verkaufstresen wahllos auf einen goldgelben Klumpen, den ich für ein belegtes Brötchen hielt. Das war er auch. Als ich wenig später genüsslich hinein biss, verwandelte sich mein Mund allerdings in den Vorhof der Hölle. Sturzbäche aus Schweiß rannen mir die Stirn herunter und ich fiel fast in Ohnmacht. Für meinen Mittagssnack hatte ich mir offenbar den „Tex-Mex-Burger deluxe“ ausgesucht, eine Spezialität der hiesigen Bäckereifiliale. Das kleine Schild mit der Abbildung dreier Jalapeño-Schoten und der Aufschrift „Hot, Hot, Hot“ hatte ich anscheinend irgendwie übersehen.

Ich musste an diesem Tag früher Feierabend machen. Mit der Entschuldigung, dass es mir nicht gut ginge, verabschiedete ich mich. Und das war noch nicht einmal gelogen. Nach meinem Tex-Mex-Abenteuer hatte ich einen ganzen Liter Milch herunter gestürzt, um den Schwelbrand in meinem Mund zu stoppen. Unglücklicherweise erwischte ich im Büro-Kühlschrank eine Milchtüte, deren aufgedrucktes Haltbarkeitsdatum bereits drei Wochen in der Vergangenheit lag. Ich schmeckte keinen Unterschied. Tex-Mex hatte alles betäubt. Anschließend verbrachte ich eine Stunde auf der Toilette, weil Tex-Mex und Milch ein wildes Wettrennen durch meinen Verdauungstrakt veranstalteten.

Kreidebleich musste ich meinen vorzeitigen Abschied von meinen Kollegen an diesem Tag nicht noch untermauern.

Ich schleppte mich zum Bahnhof und freute mich auf zu Hause. Leider berücksichtigte ich nicht, dass ich früher als sonst zurück fuhr und so stieg ich, zwar am richtigen Gleis, in den falschen Zug. Da ich fast augenblicklich in einen erschöpften Genesungsschlaf fiel, wurde mir mein Irrtum erst viel zu spät klar. Ich schreckte aus dem Schlaf hoch, als der Schaffner mit den Worten „Nächster Halt: Karlsruhe“ durch den Lautsprecher dröhnte.

Ich habe das Wochenende dort bei einem sehr netten Ehepaar mit zwei Kindern und drei Katzen verbracht. Er ist Augenarzt und hat mir ein Angebot für eine Laseroperation mitgegeben.

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6 Gedanken zu “(Un)Scharfe Spielchen mit der Ehefrau (6:00)

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