Wenn Joggen eskaliert (8:00)

Joggen ist in mancher Hinsicht perfekt für mich, ein Sport, den ich unabhängig von der Tageszeit und vor allem unabhängig von Anderen ausüben kann. Ich benötige nur ordentliche Schuhe und eine brauchbare Laufstrecke, fertig. Ich muss mich nicht an irgendwelche Hallenzeiten halten oder auf andere Mitspieler warten und mich auch nicht über einen Coach ärgern, der mich die ganze Zeit anbrüllt. Mit dem Asphalt unter meinen Füßen allein in der Natur und dem weiten Himmel über mir bin ich zufrieden.

Späte Arbeitszeiten bringen manchmal auch späte Trainingszeiten mit sich. So kommt es vor, dass ich auch mal Freitagabends um halb 9 in die Laufhose steige und losrenne. So wie vor kurzem an einem milden Frühsommertag.

Ich hatte mir eine mittellange Laufstrecke von sieben Kilometern ausgesucht. Ich wollte es ruhig angehen, keine Bestzeit aufstellen, aber auch nicht zu lange unterwegs sein.

Der Lauf begann gut. Ich trabte locker durch eine Kastanienallee und genoss die milde Luft und die beginnende Dämmerung.

Wenig später durchquerte ich ein Wohngebiet. Mir fiel ein, dass ich gleich an der Wohnung eines Kumpels vorbeilaufen würde. Bisher hatte ihn ihn beim Vorbeilaufen noch nie angetroffen. Heute sollte sich das ändern.

Wie gewohnt richtete ich meinen Blick auf den dritten Stock des Wohnblocks, in dem mein Kumpel vor einigen Jahren seine Unterkunft bezogen hatte. Dort schien eine Party im Gange zu sein. Mein Kumpel stand auf dem Balkon mit einer Flasche Bier in der Hand und unterhielt sich mit mehreren Anderen. Als er mich erkannte, winkte er zu mir herunter.

„Ey, was machst du denn hier?“, rief er.

„Ich spiele grad‘ Schach, sieht man das nicht?“, erwiderte ich keuchend.

Mein Kumpel lachte sich krumm. Offenbar war es nicht das erste Bier.

„Willste raufkommen?“

„Nee, danke, du siehst ja…“

„Ach komm, nur ein kurzes Bierchen!“

Warum ich tatsächlich anhielt und zu ihm hinaufging, ist mir bis heute schleierhaft. Vielleicht lag es am Sauerstoffmangel im Gehirn oder am Kräutergarten, an dem ich kurz zuvor vorbeigelaufen war, der meine Sinne vernebelte. Anscheinend dachte ich auch, dass ich die Treppe zu der Wohnung in den dritten Stock gut in mein Fitnessprogramm einbauen könnte. Jedenfalls saß ich wenige Augenblicke später leicht verschwitzt bei meinem Kumpel auf dem Sofa, um mich herum nur unbekannte Leute, die sich ein Fußballspiel im Fernsehen anschauten.

„Alles Arbeitskollegen“, hatte mein Kumpel bei der Begrüßung gesagt. „Alle nett.“

Einer von den Kollegen war offenbar richtig nett. Er war erst nett zu sich selbst gewesen, hatte eine beachtliche Sammlung leerer Schnapsfläschchen vor sich aufgebaut und fing jetzt an, nett zu mir zu sein.

„Wissu auchn Schnabbs?“, lallte er mich an, während er einen Arm um mich legte und seinen Schweißfleck unter der Achsel auf meiner Schulter platzierte.

„Nee danke, ich wollte nur mal kurz Pause machen…“

„Ach komm, nur ein kleiner Schnaps“, schaltete sich jetzt mein Kumpel dazu und wedelte mit einem Fläschchen vor meiner Nase herum.

Anscheinend war die Sauerstoffversorgung in meinem Kopf immer noch unterbrochen, denn ich griff zu und kippte den Stoff unter lautem Gejohle der anderen hinunter.

Eine halbe Stunde und vier weitere Schnäpse später schaffte ich endlich den Absprung. Der Kollege mit dem Schweißfleck war zwischenzeitlich auf meiner Schulter eingeschlafen. Ich schob ihn beiseite, verabschiedete mich von meinem Kumpel und ging leicht wankend durch die Wohnungstür in den Hausflur. Der Weg nach unten war nicht mehr so leichtfüßig wie der Aufstieg vorhin. Mir kam es vor, als würde ich manche Treppenstufe doppelt sehen.

An der frischen Luft ging es mir gleich besser. Ich schaute auf die Uhr. Zog ich die kleine Unterbrechung von eben ab, lag ich immer noch gut in der Zeit. Ich trabte los. Nach wenigen Metern rammte ich den Außenspiegel eines parkenden Autos und kurz darauf stolperte ich gegen eine Mülltonne, die in einer Einfahrt stand. Ich machte mir darüber keine Gedanken.

Schließlich fand ich meinen Rhythmus wieder. Das ist ja für einen Läufer ganz wichtig, der Rhythmus. Nach dem Wohngebiet bog ich in einen dunklen Feldweg ab, der nach zwei Kilometern in das nächste Wohngebiet führte.

Auch hier schienen Laster und Sünde, Sodom und Gomorrha ein Heim zu haben. Kurz nach dem Einlauf in die Siedlung kam ich an einem Vorgarten vorbei, in dem ein zünftiges Grillfest stattfand. Konzentriert, den Blick starr geradeaus, lief ich am Zaun entlang und spürte die Blicke der Partygäste, die auf weißen Gartenstühlen aus Plastik saßen und auf ihr Grillfleisch warteten.

„Hey, Hey, Hey!“, feuerte mich der Mann am Grill an während er in die Hände klatschte. „Wie wärs mit nem kleinen Steak als Stärkung?“

„Nein, verbindlichsten Dank, der Herr, wirklich nett gemeint, aber wie sie sehen, betätige ich mich momentan sportlich und da passt ihr Nahrungsangebot leider nicht ins Programm. Aber ich wünsche ihnen und ihren charmanten Gästen noch einen erheiternden Abend…“ Diese Worte hatte sich mein Gehirn schon sauber zurechtgelegt, doch mein Mund war schneller.

„Ja aber gernstens doch, Alter!“, hörte ich mich entsetzt sagen, während ich dem Grillmeister wackelig zuwinkte. Ich hopste über den Gartenzaun, strauchelte bei der Landung auf einem Buchsbaumbusch, rempelte an einer Pappel vorbei und ließ mich ächzend in einen freien weißen Gartenstuhl fallen.

Sofort hatte ich ein saftiges Schweinenackensteak vor mir auf dem Teller, dazu ein frisch gezapftes Bier und den nächsten Schnaps zum Verdauen. Ich langte ordentlich zu. Schließlich war ich jetzt schon fast fünf Kilometer gelaufen und meine Reserven waren am Ende. Und da man nicht unbedingt mit vollem Magen weiterlaufen sollte, blieb ich noch ein paar Minuten sitzen und hörte dem rotnasigen Zeitgenossen neben mir zu, während der weiter Schnäpse an die Runde verteilte. Auch hier wurde Nettigkeit offenbar groß geschrieben. Irgendwann lag ich bei Rosi im Arm. Der Grillmeister, der anscheinend auch der Gastgeber der Nachbarschaftsfeier war, hatte Musik aufgelegt und so schunkelte ich mit der Rentnerin im rosa Rollkragenpullover zwischen Briefkasten und Rhododendron hin und her.

Plötzlich durchfuhr mich ein Blitz.

„Ich muss weiter“, sagte ich zu Rosi und gab ihr einen Abschiedskuss auf die Wange. „Warte nicht auf mich, du findest einen besseren.“

Ich sprang über den Zaun zurück auf die Straße, holte mir dabei eine ordentliche Schürfwunde am Oberschenkel und verschwand in der Nacht.

Beim Blick auf die Uhr stellte ich fest, dass irgendwas nicht stimmte. Die Zeiger waren verschwommen und es sah so aus, als würde ich bereits seit mehr als vier Stunden unterwegs sein.

„Kannnochnichsein“, lallte ich leise und setzte meinen Weg fort.

Irgendwas hatte ich falsch gemacht. Mir war schwindelig und leicht flau im Magen. Wahrscheinlich hätte ich das Fleisch nicht essen dürfen. Schwein vertrage ich doch nicht so gut.

Auch mit dem Weg war etwas nicht in Ordnung. Er war irgendwie schmaler als sonst. Im Zickzackkurs konnte ich ihn nur bewältigen und ständig stieß ich rechts an die Zäune der Vorgärten oder links an parkende Autos. Wie in einem Flipperautomat. Ein Motorrad fiel scheppernd um und auf einmal tat meine Schulter weh. Wahrscheinlich vom Zusammenstoß mit einem Zigarettenautomaten.

Kurz bevor ich wieder zu Hause ankam, musste ich aber noch eine weitere Pause einlegen. Am Anfang meiner Straße befindet sich eine Bushaltestelle. Auf der Bank davor entdeckte ich ein paar Jugendliche, die anscheinend eine kleine Privatparty mit alkoholischen Getränken aus der Plastiktüte feierten.

„Eeeyy Juuungs!“, rief ich, während ich auf die Gruppe zu stolperte.

Erschrocken blickten die Kids auf. Dann fingen sie an zu lachen.

„Ey Yo Digga! Geiles Outfit, Alter! Voll Swag!“, sagte einer, während er auf mein neongelbes Laufshirt zeigte.

„Dangeschöön“, erwiderte ich, riss ihm die Bierdose aus der Hand und leerte den Inhalt in einem Zug. Die Teens grölten. Ich rülpste. Die Teens applaudierten. Ich grüßte militärisch und lief weiter.

Bis nach Hause war es jetzt nicht mehr weit. Oder? Wie hieß die Straße nochmal? Ja, hier war ich richtig. Lief ich vorwärts oder rückwärts? Ein grelles Licht in blau. Polizei?

Schließlich stocherte ich mit meinem Schlüssel an der Haustür herum. Von drinnen hörte ich meine Frau verzweifelt telefonieren: „Er wollte eigentlich nur kurz joggen gehen, Herr Kommissar!“

Die Tür wurde aufgerissen. Meine Frau stand mit dem Telefonhörer in der Hand und mit eisiger Miene im Gesicht im Flur. Ich hatte Erbrochenes auf meinem Laufshirt, dazu Kratzer im Gesicht und irgendwie hatte sich eine Hundeleine um mein Fußgelenk gewickelt.

„Wo kommst du denn jetzt her?!“, keifte sie.

„Ich war nur kurz joggen“, sagte ich so ernst wie möglich.

Dann stolperte ich nach oben und wickelte mich zufrieden in meinen Laufklamotten in die Bettdecke ein. 6:42 Stunden für sieben Kilometer, dazu elf Schnäpse und drei Bier: das muss mir erst mal jemand nachmachen, dachte ich.

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4 Gedanken zu “Wenn Joggen eskaliert (8:00)

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