Mein Lieblingsplatz im Zug – Teil 2: Sitznachbarn sind auch nur Menschen (8:00)

Der perfekte Sitzplatz im Zug ist von vielen Faktoren abhängig. Im ersten Teil von Mein Lieblingsplatz im Zug habe ich zunächst die geografischen Gegebenheiten beleuchtet (Lage, Lage, Lage!). Im zweiten Teil geht es nun um die Menschen, die die Qualität meines Lieblingsplatzes ganz entscheidend beeinflussen können. Manche essen, manche telefonieren, manche machen Geräusche. Manche machen alles gleichzeitig. Und manche sind auch ganz putzig. Meistens Frauen.

Der Telefonierer

Die am häufigsten störenden Fahrgäste sind meiner Meinung nach die Telefonierer. Ein Telefonat ist ja eigentlich auch nichts anderes als ein Gespräch mit einem anderen Menschen, doch aus irgendeinem Grund meinen manche Leute, sie müssten am Telefon besonders laut sprechen, weil sich der andere so weit weg befindet. Und wenn neben mir „Nagelpilz!“ ins Handy geschrien wird, sorry, dann kann ich auch nicht mehr weghören. Geschäftliche Anrufe kann ich ja noch verstehen, vor allem, wenn Frau Müller verständigt werden muss, weil man das Meeting aufgrund von Zugverspätungen nicht pünktlich erreichen kann. Doch wenn eine Frau früh morgens, noch bevor der erste Kaffee seine volle Wirkung entfalten konnte, sich erst freundlich lächelnd neben mich setzt und ihr Telefonat anschließend mit den Worten „Hallo, na, wie geht’s dir? Och, ich habe grad Zeit und dachte, ich klingel mal kurz durch“ beginnt, raste ich aus!

Eine Normvariante des Telefonierers ist der WhattsApp-Sprachnachrichten-Sprecher. Wenn die Leute sich dabei mal beobachten könnten! Da sitzen erwachsene Menschen zusammengekauert in ihrem Sitz, halten ihr Smartphone wie ein Diktiergerät in der Hand und sabbeln ohne Punkt und Komma drauflos! Minutenlang, ohne Pause! Lass den anderen doch auch mal zu Wort kommen, denke ich. Doch dann schiele ich auf das Display und erkenne, dass dort die Aufnahme für eine WhatsApp-Sprachnachricht läuft. Seit 21 Minuten! Wie kann man denn auf diese Weise ein gescheites Telefonat führen?!

Der Esser

Essen im Zug ist eine feine Sache. Ich selbst nutze die Zeit morgens gerne für ein Frühstück mit Vollkornbrot und Kaffee. Und manchmal hole ich mir abends einen Schokoriegel oder ein belegtes Brötchen und verknuspere beides direkt auf meinem Sitz. Doch manche Menschen nehmen derart asozialen Proviant mit in den Zug, dass es teilweise an Körperverletzung grenzt. Manchmal sitze ich in Gedanken versunken über meinem Laptop oder Buch und plötzlich weht der Geruch von Willis Würstchenbude durch den Waggon. Ganze Hauptgerichte in Styroporverpackungen werden dann durch die Gänge geschleppt und landen ausgerechnet neben mir. Sehr beliebt sind Hamburger, Currywürste und Chicken Nuggets, alles natürlich mit Pommes rotweiß, oder komplette Chinagerichte mit den zwölf Kostbarkeiten der Geschmacksverstärker.

Es gibt natürlich auch Speisen, die nicht riechen. Sandwiches zum Beispiel oder Salat. Belegte Brötchen oder vergleichbare süße Teigwaren vom Bäcker werden allerdings immer nur soweit aus der Papiertüte herausgezogen, dass man einmal abbeißen kann. Der Rest bleibt in der Tüte und wird von außen umklammert, wahrscheinlich, um die Finger oder die Hose sauberzuhalten. Das Knistern, mit dem mein Sitznachbar mir dann jeden weiteren Bissen ankündigt, geht mir nach kurzer Zeit noch mehr auf den Sack als riechende Pommes. Und die Höchststrafe ist das Knabbern von Karotten oder Paprikastreifen, bei denen jedes Abbeißen wie ein Gewehrschuss durch den ganzen Zug hallt!

Der Krachmacher

Den Krachmacher hatten wir eben schon in Form des Karottenknabberers. Doch auch ohne Lebensmittel können manche Menschen für einen ansehnlichen Geräuschpegel sorgen. Da ist zum Beispiel der Raschler, der seine Zeitung mit einer solchen Wucht umblättert, als wolle er die schlechten Nachrichten am liebsten direkt aus dem Papier herausschleudern. Oder der Musikliebhaber, der alle Umsitzenden durch die Lautstärke aus seinen Kopfhörern an seinen Lieblingssongs teilhaben lässt und dazu auch noch mit dem Fuß auf dem Boden im Takt mitstampft. Neben den Telefonierern gehören auch die Nachrichtenschreiber zu den Krachmachern, die ihre Tastentöne auf dem Handy nicht ausgeschaltet haben, ebenso die YouTuber, die sich Videos bei voller Lautstärke anschauen. Natürlich dürfen auch die Schnarcher, Huster, Schniefer und Räusperer hier nicht fehlen. Ein gewisses Maß an Körpergeräuschen in unregelmäßigen Abständen kann ich durchaus ertragen, doch wenn die RäuRa, die Räusperate, zu hoch wird, muss auch ich zu Kopfhörern greifen.

Der Stinker

Körpergeruch ist ein unergründliches Geheimnis der Menschheit. Trotz modernster Antitranspirationsprodukte ziehen immer noch unzählige Menschen immense Duftwolken hinter sich her. Die meisten merken es offensichtlich nicht, bei anderen gehört es zum Körperkult oder sie finden sich damit ab, weil sie nicht anders konnten, als aus Zeitgründen die letzten 500 Meter zum Bahnhof zu sprinten. Doch es ist nicht nur Schweiß, der einem unangenehm in die Nase steigt. Hier zeigen sich auch Überschneidungen zu den Essern. Irritiert bin ich, wenn der üble Geruch so gar nicht zum netten Erscheinungsbild der Person passt. Da setzte sich beispielsweise einmal eine junge, hübsche Studentin neben mich, die die Wartezeit auf den Zug offensichtlich (oder heißt es hier offenriechend..?) in der Imbissbude am Bahnhof verbracht hatte. Ihr angenehmer Anblick wurde durch die Wolke aus Frittenfett, die sie umgab, gnadenlos niedergemacht und ich war froh, als ich endlich aussteigen konnte.

Der Dicke und die Jacke

Ich bin ja auch nicht gerade der schmalste, doch im Zug versuche ich, mit Fremden nicht allzu sehr auf Tuchfühlung zu gehen. Andere denken da offenbar anders. Da setzt sich zum Beispiel jemand neben mich, der die Kontrolle über seine Leibesfülle verloren zu haben scheint. Zwischen uns befindet sich zwar die Armlehne, doch darunter quillt mir von der anderen Seite der fremde Oberschenkel entgegen. So sehr kann ich mich gar nicht verbiegen, um damit nicht in Berührung zu kommen. Schlimm ist auch, wenn die Menschen in aller Eile in den Zug hetzen, sich in voller Wintermontur auf den Sitz fallen lassen und sich erst anschließend aus ihrem Daunenmonster schälen, weil ihnen heiß wird. Dann klatscht mir plötzlich ein schneefeuchter Ärmel aufs Buch oder ich werde halb von einer Fellkapuze bedeckt. Der Nachbar schiebt dann zwar ein lächelndes „T’schuldigung“ herüber, doch auf die Idee, aufzustehen und die Jacke im Gepäckfach über sich zu verstauen, kommt er nicht.

Das schmale, hübsche Mädchen

Trotz der zahlreichen Störenfriede gibt es natürlich auch unzählige angenehme Sitznachbarn im Zug. Nachhaltig fasziniert bin ich auch hier wieder vom weiblichen Geschlecht. So gibt es diverse junge Damen auf diesem Planeten, die sich offenbar mit einer dreijährigen Ballettausbildung auf ihre Zugfahrt vorbereitet haben. Die können sich derart zusammenfalten, dass sich ihr Gesäß und ihre Fußsohlen gleichzeitig auf der Sitzfläche befinden. Gleichzeitig! Aus meiner Sicht ist die Sitzfläche manchmal nicht größer als ein Frühstücksbrettchen. Aus der Sicht dieser Damen muss sie dagegen eine regelrechte Liegewiese sein. Die schlummern dann genüsslich ein, strecken alle Viere von sich und bleiben dabei komplett auf ihrer Seite. Faszinierend!

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13 Gedanken zu „Mein Lieblingsplatz im Zug – Teil 2: Sitznachbarn sind auch nur Menschen (8:00)

  1. Ich musste herrlich schmunzeln. Ich bin selbst Zugbegleiterin und das ist mein täglicher Wahnsinn :D

    Ich bin natürlich auch in meiner Freizeit im Zug unterwegs und kenne deswegen diese Zugtypen zu gut. Heute saß ich am Gang und jemand wollte an seine Tasche, die über mir verstaut war. Leider war seine Hüfte genau auf Augenhöhe von mir und kam mir immer näher :D Da musste ich mich auch ein bisschen wegfrehen.

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  2. Ohjeee…. Du hast mein Beileid. Zum Glück ist die Bahn gerade nicht attraktiv für mich, und die Arbeitswelt will mich grad auch nicht, so dass ich nicht zum Bahnfahren gezwungen werde… aber ich erinnere mich wage. Schrecklich war das. Aber ich glaub, ehrlich, es hat sich auch mal ein Politiker neben mich gesetzt, da bin ich heut noch überzeugt davon. (Man verzeihe mir bitte meine üble Ruhrpottgrammatik und es ist schon spät.) …. und mir wird schlecht von Wurstbrotgestank, da bleibt nichts heilig. Ich freue mich schon auf meine nächste Bahnfahrt. Was ich ja lustig finde ist, wenn man so ankommt, vom Bahnsteig in den Zug, keinen Platz findet und durch den ganzen Waggong strollt, überall aneckend mit einem ständigen „Tschuldigung“ auf den schmalen Lippen, und die Blicke der Leute! Herrlich, diese Angst, dieses Entsetzen, wird sie sich zu mir setzen, oder gleichweise aggressiv, nein, die Tasche bleibt auf dem Sitz! Hahhhaha…. Nein, eigentlich ist es ein Drama und alle die das täglich durchmachen, haben wie gesagt mein ehrliches Beileid. Wobei ich zugeben muss, ich stehe meistens auf dem Bahnsteig und hasse gleichwohl meine Sitznachbarn-to-be, weil ich in ihnen einen Arbeitspendler vermute und ihre herrschsüchtige Arroganz glotzt ihnen schon aus den Augen, also meistens, und das finde ich zum Kotzen. Nichts für ungut… ;-) Ein Arbeitspendler zu sein ist halt schon ein Hinweis darauf, was Besseres zu sein, scheinen manche zu denken… Die schrecklichste Fahrt meines Lebens war einmal früh morgens in einem Wagen voller Pendler, und ich war jung und hatte glaub ich keine Fahrkarte (damals konnte man die noch im Zug kaufen und ich war gern schnell und hopp und weg, und so, und dann diese arroganten Blicke! Und heutzutage wäre das Gedankengut wohl folgendes: arbeitslos und ausländisch, ist ja wieder typisch, und will alles gratis, am besten noch vordrängeln, ja, Bahnfahren bedeutet, fremde Leute heiraten für eine halbe Stunde oder mehr, ganz schön furchtbar. Aber auch erst seit Handy und Co…. früher gab’s ständig Gespräche zwischen Reisenden, da konnte kein Handy dagegen anstinken…)…

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  3. „Andere denken da offenbar anders. Da setzt sich zum Beispiel jemand neben mich, der die Kontrolle über seine Leibesfülle verloren zu haben scheint. Zwischen uns befindet sich zwar die Armlehne, doch darunter quillt mir von der anderen Seite der fremde Oberschenkel entgegen.“
    Was schlägst du vor? Im Gang kann er ja wohl auch unmöglich stehen bleiben, da kämest du ja dann nicht mehr durch oder schlimmer, beim Vorbeidrängeln landet eine Handtasche oder ein Hintern in deinem Gesicht.
    Oder sollte der Dicke doch bitte aus Rücksicht auf seine Mitmenschen keine öffentlichen Verkehrsmittel benutzen?

    Ich bin auch kein Freund von „auf Tuchfühlung gehen“, aber ich sehe keine humane, respektvolle Lösung für das Problem. Mit einmal duschen oder einem Deo ists an der Stelle ja nicht getan.

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