Ich bin Deutscher. Alles ist scheiße. (3:00)

Ich bin gegen alles.

Ich bin gegen neue Stromtrassen, doch ich benötige in meinem Haushalt ganz dringend einen Wäschetrockner, eine Brotschneidemaschine und einen elektrischen Dosenöffner. Und alle paar Wochen kommt etwas neues dazu.

Ich bin gegen neue Umgehungsstraßen, doch wenn die LKWs mitten durch mein Dorf rasen, rege ich mich auf.

Ich bin gegen neue Bahntrassen, doch wenn ich eines der Sonderangebote, die ich mir im Prospekt angekreuzt habe, morgen früh nicht rechtzeitig im Markt bekomme, raste ich aus.

Ich bin gegen Hunde, vor allem wegen der Hundehaufen, in die ich überall hineintrete, doch die Fußgängerzone ist übersät mit meinen ausgespuckten Kaugummis und weggeworfenen Zigarettenresten.

Ich bin gegen Kinder, vor allem wegen des Lärms, doch dass die Deutschen im Schnitt nur 1,4 Kinder zur Welt bringen, regt mich auf. Wer bezahlt denn meine Rente?

Ich bin gegen Ausländer, aber auf die leckere Pizza und den günstigen Schneider um die Ecke möchte ich nicht verzichten. Gut, vielleicht bin ich nicht gegen alle Ausländer, nur gegen die, die sich nicht benehmen können. Also bin ich gegen asoziale Ausländer. Im Grunde bin ich eigentlich nur gegen asoziale Menschen. Manchmal bin ich also auch gegen mich.

Ich bin gegen Idioten, trotzdem marschiere ich jede Woche bei einer Pegida-Demo mit und verabrede mich nach Fußballspielen zu Schlägereien hinter dem Stadion meines Lieblingsverein.

Ich bin gegen Massentierhaltung, doch wenn das Hähnchen im Supermarkt mehr als drei Euro kostet, rege ich mich auf.

Ich bin gegen Globalisierung, doch wenn ich am ersten Advent Melonen, Spargel und Heidelbeeren essen kann, freue ich mich.

Ich bin gegen Unterbezahlung, doch ein normaler Haarschnitt sollte nicht mehr als zehn Euro kosten.

Ich bin gegen die Weitergabe meiner persönlichen Daten, trotzdem sammele ich Payback-Punkte ohne Ende und lade jeden Tag ein Bild von meinem kleinen Kind bei Facebook hoch.

Ich bin gegen Umweltverschmutzung, trotzdem kaufe ich ständig neue Plastiktüten, schütte literweise Weichspüler in meine Wäsche und fahre die drei Kilometer zur Arbeit jeden Tag mit meinem Turbodiesel.

Ich bin gegen Atomkraft. Und natürlich bin ich auch gegen Kohlekraft. Aber überall Windräder und Sonnenkollektoren? Das sieht doch scheiße aus!

Ich bin Deutscher. Mir geht es gut. Ich habe einen festen 38-Stunden-Job, zwei gesunde Kinder, eine gut gelaunte Ehefrau, ein großes Haus und ein funktionierendes Auto. Ich lebe in Frieden, werde nicht unterdrückt, habe genug zu Essen und werde wegen meiner Meinung nicht politisch verfolgt. Meine Frau darf wählen, arbeiten, Sport treiben, Auto fahren und anziehen, was sie möchte. Und mein Sohn darf später homosexuell werden, ohne um sein Leben fürchten zu müssen.

Meine Kinder können in die Schule gehen. Jeden Tag.

Wenn wir krank sind, können wir den Arzt um die Ecke besuchen.

Ich lebe in Deutschland, einem der reichsten und modernsten Länder der Erde. Dass ein Hurrikan oder ein Tsunami mein Haus zerstört, ist ziemlich unwahrscheinlich. Und wenn, dann ist meine Existenz davon nicht bedroht. Ebenso wenig, wenn ich meinen Job verlieren sollte.

Ich bin Deutscher. Mir geht es verdammt nochmal saumäßig gut.

Trotzdem rege ich mich jeden Tag auf.

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Ein Gedanke zu “Ich bin Deutscher. Alles ist scheiße. (3:00)

  1. Pingback: Manche feiern, manche sterben (8:30) | Der neue Stefan

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