Krasser Typ (3:30)

Aufregung und Nervenkitzel, das ist es, was ich von Zeit zu Zeit brauche. Manchmal wird mir langweilig und dann sitze ich so da und denke: Jetzt muss etwas passieren! Dann reicht mir der Kick nicht mehr, den ich bekomme, wenn ich merke, dass ich mich im Supermarkt an der schnelleren Kasse angestellt habe. In solchen Momenten fahre ich los und suche mir eine Straße, an dessen Anfang das Verkehrsschild mit der Aufschrift „Achtung Straßenschäden“ steht. Ganz bewusst biege ich in diese Straße ab, auch wenn das einen Umweg bedeutet, und fahre sie genüsslich entlang. Mein Puls rast, während ich mich den Schlaglöchern widme. Ich beschleunige auf 36 km/h. Erlaubt sind nur 30. Mein Auto übersteht solche halsbrecherischen Aktionen meistens unbeschadet, doch es hätte ja auch anders kommen können…

Reicht dieser Adrenalinstoß nicht aus, fahre ich wieder nach Hause und bereite mich auf den nächsten Thrill vor. Ich mache mir etwas zu Essen. Dafür schneide ich rohes Fleisch. Anschließend zerteile ich Tomaten. Und zwar mit dem selben Messer. Ich blicke der Gefahr einer Salmonellenvergiftung direkt ins Auge. Ich bin mir sicher, ich gewinne den Kampf.

Die Tomaten habe ich zuvor übrigens im Kühlschrank gelagert. Mir doch egal, was die Experten sagen.

Nach dem Kochen lüfte ich die Küche und lasse dabei die Heizung an.

Vom Essen bleibt leider etwas übrig. Das möchte ich aufheben. Doch ich warte nicht, bis sich das Gekochte abgekühlt hat, sondern fülle es, noch lauwarm, in einen Plastikbehälter und stelle diesen sofort in den Kühlschrank. Zum Nachtisch greife ich bewusst nach einem Joghurt, dessen Haltbarkeitsdatum bereits einen Tag abgelaufen ist. Der Plastikbecher landet dann im Restmüll. Nehmt das, Vorschriften!

Am nächsten Tag stehe ich zufrieden auf. Ich fühle mich gesünder denn je. Nach dem Duschen das Badezimmer lüften? Heute nicht. Auch den Duschvorhang lasse ich nicht ausgebreitet trocknen. Der soll sich mal nicht so anstellen.

Anschließend mache ich mir die Ohren sauber. Und zwar mit Wattestäbchen, obwohl auf der Verpackung der Hinweis „Nicht in den Gehörgang einführen“ steht. Bäm! Danach wasche ich Wäsche. Zwei Hosen für 30 Grad landen im Waschgang für 40 Grad. Na, und?

Ich bin heiß. Ich will mehr.

Ich gehe auf den Balkon und gieße die Blumen, obwohl die gerade in der prallsten Mittagssonne stehen. Dann verlasse ich das Haus, denn ich muss einkaufen. Wenige Meter neben einer roten Fußgängerampel überquere ich die Straße. Anschließend gehe ich mit einer Aldi-Plastiktüte in den Lidl. Nachmittags kaufe ich mir einen Döner. Nachdem ich den gegessen habe, fahre ich sofort weiter ins Schwimmbad und gehe schwimmen. Mit vollem Magen! Krass, oder? Wieder zurück auf meinem Sofa nehme ich Antibiotika, obwohl ich nicht krank bin, und trinke ein Bier. Anschließend setze ich mich an den Computer, schalte das Virenprogramm aus und surfe im Internet. Woo Hoo!!

Für das kommende Wochenende habe ich mir etwas ganz besonderes vorgenommen. Es soll Frost geben, also werde ich zunächst mein Auto freikratzen während der Motor läuft. Danach möchte ich mir einen Coffee to go kaufen und den sofort trinken, obwohl dort „Achtung heiß“ draufsteht. Und später fahre ich weiter in die Stadt und suche mir eine U-Bahn-Station. Denn dort gibt es Rolltreppen mit dem Vermerk „Benutzung auf eigene Gefahr“. Wie gemacht für mich. Schließlich möchte ich in eine Bahn einsteigen, obwohl der Durchsagenmensch gerade „Zurückbleiben bitte“ gesagt hat.

Und vielleicht werde ich abends auch noch ohne Licht Fahrrad fahren. Auf der linken Seite. Oder in der Fußgängerzone.

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