Der Mähroboter (6:00)

Die Frau kümmert sich um die Kinder und den Haushalt, der Mann um das Auto und den Garten. So ist das – zumindest bei mir zu Hause. Und diese Aufteilung finde ich nur gerecht, gibt es doch für den Mann und seinen Garten ebenso viele technische Spielereien, wie für die Frau, die sich in der Küche über einen Wischroboter, eine automatische Futterstation für die Katze und einen Zwiebelhäcksler mit Reißleine freut.

Während die Frau heutzutage das Rührei in einer Plastikschale in der Mikrowelle zubereitet, vergnügt sich der Mann an der frischen Luft mit einem ergonomischen Spaten, einem rückenschonenden Unkrautrupfgerät oder einem der fantastischsten Erfindungen des 21. Jahrhunderts: dem Mähroboter. Dieses Ding, das aussieht, wie eine umgedrehte Wäschewanne mit Rädern unten dran.

Bis vor kurzem war ich noch stolz auf meinen Aufsitzrasenmäher, mit dem ich die unendlichen Weiten meines Anwesens vor und hinter meinem Haus stutzen konnte. Doch Zeit ist ein Luxusartikel und so wurden die zwei bis drei Stunden, die ich auf dem kleinen Trecker über die begrünten Wiesen tuckerte, immer mehr zur Qual, bescherten sie mir doch viel Zeit zum Nachdenken über die Aufgaben in Garten, Haus und Familie, die da noch kommen sollten. Hier musste noch die neue Schaukel für die Kinder aufgebaut werden, dort löste sich langsam die Dachpappe von der Gartenhütte, die Zeit mit den Kindern war ja sowieso viel zu knapp und eigentlich müsste ich auch der Schwiegermutter mit dem neuen Computer helfen.

Mit dem ewigen Zeitverzug war jetzt Schluss. Ich legte mir einen Mähroboter zu – und stieg damit im Ansehen meiner Nachbarn gleich in die nächste Liga auf.

Bereits während des ersten Testlaufes, nachdem ich, wie vorgeschrieben, die Induktionsschleife im Garten verlegt und die Ladestation an der Hauswand positioniert hatte, während also mein neues Spielzeug leise surrend über den Rasen rollte, hörte ich hinter mir ein anerkennendes Räuspern.

„Ist das der neue 310er?“, fragte mein Nachbar vom Grundstück rechts neben mir. Viel mehr als „Guten Morgen“ oder „Frohes neues Jahr“ sagten wir in der Regel nicht zueinander.

„Äh, ja…“, antwortete ich, während ich verstohlen nach der Verpackung mit der Typenbezeichnung schielte.

„Der soll ja Steigungen bis zu 40 Grad schaffen“, sagte mein Nachbar.

„Ja, das ist richtig…“, sagte ich und blickte mich um, auf der Suche nach solch einem steilen Berg in meinem Garten.

Mein Nachbar lehnte sich mit hochgekrempelten Ärmeln auf den Gartenzaun und schob seine Mütze ein Stück zurück.

„Mulcht der denn auch?“

„Ja, äh, sicher…“

„Ich arbeite ja noch mit dem 220er. Will aber mal gucken, ob ich nicht zum 365er wechsele, der läuft mit Solarenergie. Sehen Sie, da kommt er, der Manfred.“ Hinter meinem Nachbarn tuckerte am Tulpenbeet ein Mähroboter vorbei, der meinem zum Verwechseln ähnlich sah.

„Man…fred?“

„Ja, so haben wir unseren Rasenmäher getauft. Hat Ihrer keinen Namen?“

„Äh, ich hab‘ den erst seit heute…“

„Na, wie auch immer, Sie können ja gerne mal aufn Bierchen rüberkommen, während die beiden Jungs im Garten spielen.“

Mein Nachbar verabschiedete sich lachend und ließ mich nachdenklich zurück. Bierchen trinken mit dem Nachbarn, dabei fachsimpeln über technische Einzelheiten, dem neuen Spielzeug einen Namen geben – daran hatte ich nicht gedacht. Die Zeitersparnis durch den automatischen Rasenmäher drohte durch den Aufstieg in eine neue Gesellschaftsschicht und die damit verbundenen Verpflichtungen aufgefressen zu werden.

Ich ging zurück ins Haus. In der Küche holte meine Frau gerade das Rührei aus der Mikrowelle.

„Der Nachbar meint, unser Rasenmäher braucht einen Namen“, sagte ich.

„Wie wäre es denn mit Rasputin?“, sagte sie. „Rasputin der Rasenmäher.“

„Sei nicht albern“, erwiderte ich.

Nach kurzer Zeit hatte es sich in der gesamten Nachbarschaft herumgesprochen, dass auch ich jetzt einen Mähroboter besaß. Ohne Zweifel war das das Verdienst meines Nachbarn vom Grundstück rechts neben mir. Ich habe mich nach ein paar Tagen tatsächlich mit ihm auf ein Bierchen getroffen. Dabei erzählte er mir von seinen Nachbarn, von dem rechts neben ihm und von dem gegenüber, und von dem Erwin und dem Hubert, den beiden Mährobotern, die dort wohnten.

Ich war erstaunt. Offensichtlich hatte sich in den vergangenen Jahren um mich herum ohne mein Wissen eine Parallelgesellschaft gebildet, dessen Fundament ausschließlich der Besitz eines automatischen Rasenmähers war. Ich hatte das Gefühl, plötzlich Mitglied in einer uralten Bruderschaft mit geheimnisvollen Ritualen zu werden.

Im Laufe der nächsten Wochen lernte ich meine Nachbarn um mich herum immer besser kennen. Tatsächlich hatten fast alle einen Mähroboter und ständig wurde ich eingeladen. Hier gab es ein Bierchen, dort mal ein Käffchen, und jedes Mal stand das Grüppchen Männer bei einem der Nachbarn im Garten, in einer Hand ein Getränk, die andere in der Hosentasche, und alle schauten dem Erwin, dem Manfred oder dem Hubert dabei zu, wie sie ihre Runden drehten.

Jetzt müssen die anderen aber auch mal meinen Rasputin kennen lernen, dachte ich irgendwann. Und ich plante etwas großes, nicht nur am Gartenteich stehen, mit den Händen in den Taschen und so.

Ich stellte ein kleines Sommerfest auf die Beine. Meinen Rasen bearbeitete ich extra drei Tage lang nicht, denn jeder Nachbar sollte seinen Mäher mitbringen und bei mir frei laufen lassen.

Das Fest war ein voller Erfolg. Fast alle Nachbarn waren mit ihren Mährobotern gekommen. Nur bei dem schräg links gegenüber von mir gab es Probleme. Sein Modell war bereits sechs Jahre alt und kam nicht mit der Induktionsschleife auf meinem Grundstück klar. Beschämt stand der Nachbar den ganzen Nachmittag allein am Apfelbaum.

Ich hatte viel Wert darauf gelegt, dass die Männer ihre ganze Familie mitbrachten. Während die Frauen bei meiner Gattin in der Küche standen und das Rührei in der Mikrowelle vorbereiteten, beaufsichtigte ich die Kinder, die, eines nach dem anderen, zwischen Gemüsebeet und Buchsbaumhecke von Rasputin hin und her gefahren wurden, auf den ich einen alten Kindersitz aus dem Auto geschraubt hatte.

Gefachsimpelt wurde natürlich auch unter den Männern, die sich alle um den Grill versammelt hatten, in der einen Hand ein Getränk, die andere in der Hosentasche.

„Wie geht es denn deinem Henry?“, war da zu hören, „hat der immer noch die Probleme mit den kleinen Steinen?“

„Nee, das geht wieder. Ich habe mir jetzt Titanklingen zugelegt. Der säbelt wieder wie ’ne Eins. Und dein Waldemar? Dem ging doch so schnell die Puste aus.“

„Ja, da musste ich den Akku austauschen. Ich hab‘ schon das Schlimmste befürchtet, doch von der Reparatur hat der sich bestens erholt.“

Am Ende entbrannte eine lebhafte Diskussion darüber, was für die Bodenhaftung besser sei: Vollgummireifen oder Räder aus Hartplastik.

Die letzten Gäste gingen um halb zwei Uhr nachts. Niemand verließ meinen Garten ohne ein überschwängliches Lob für die Rühreier aus der Mikrowelle.

Vor wenigen Tagen erschütterte jedoch eine Tragödie unsere kleine Rasenmähergemeinschaft. Erwischt hat es Karl, keinen Robomäher, sondern der Kater eines Nachbarn ein paar Häuser die Straße runter. Karl kam eines Abends mit verstümmeltem Schwanz nach Hause. Viel fehlte nicht an seinem Schweif und das Tier wird sich davon wahrscheinlich wieder erholen, doch der Schnitt ist so glatt, dass ihn nur eine fast nagelneue Klinge verursacht haben konnte. Vermutlich aus Titan.

Ich habe jedenfalls sofort die beiden Meerschweinchen meiner Kinder im Keller eingeschlossen. Nicht, dass ein außer Kontrolle geratener Henry plötzlich durch unseren Garten säbelt.

Advertisements

4 Gedanken zu “Der Mähroboter (6:00)

  1. Pingback: Happy Brechreiz to you (3:00) | Der neue Stefan

  2. Pingback: Muttipedia (5:30) | Der neue Stefan

  3. Pingback: Mit Hosenscheißer auf Hauskauf (8:00) | Der neue Stefan

  4. Pingback: In den Fängen einer Fahrgemeinschaft, Teil 2 (6:30) | Der neue Stefan

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s