Friesenjung‘ für einen Tag – mit Bildergalerie (8:00)

Der kotzende Ottifant in der Mitte des Raumes wird per Knopfdruck aktiviert. Daneben steht eine Vitrine, die unter anderem ein altes Kaugummi und ein Schälchen mit Bartstoppeln beherbergt. In weiteren Glasschränken lagern unzählige Auszeichnungen wie Bambi, Goldene Kamera und Comedypreis. Unter der Treppe sitzt ein Abbild des Meisters auf der Toilette. Wir befinden uns im „Otto Huus“ in Emden, einer Stadt, die man für einen Tages- oder Wochenendausflug durchaus berücksichtigen kann.

Die 50.000 Einwohner zählende Stadt Emden liegt südlich von Krummhörn, ganz im Westen des ziemlich weit im Norden Niedersachsens angesiedelten Ostfrieslands. Durch ihre Lage an der Emsmündung ist die Stadt geprägt von Wasser und Hafenwirtschaft. Kanäle und Gräben durchziehen die Stadt und zu den Freizeitangeboten gehören Bootsfahrten über teilweise historische Wasserstraßen.

Das „Otto Huus“ steht mitten im Zentrum von Emden. Für nur zwei Euro pro Person lassen sich zahlreiche Originalstücke aus der Schaffenszeit von Otto Waalkes, einem der Urgesteine der deutschen Humorszene, bestaunen. Neben dem bereits erwähnten, angeblich ersten Kaugummi des Künstlers befinden sich vor allem Requisiten aus nahezu jedem Ottofilm darunter, vom ersten Film bis zu den Zwergen. Die Ausstellung erstreckt sich über zwei übersichtliche Stockwerke und auch der entspannte Rundgang dauert nicht länger als 20 Minuten.

Vom „Otto Huus“ aus lassen sich weitere Sehenswürdigkeiten der Stadt fußläufig erkunden. Wer die Ampel direkt vorm Haus überquert, der passiert den Ratsdelft, ein altes Hafenbecken, in dem heute mehrere Museumsschiffe liegen. Am Geländer lehnen die „Delftspucker“, eine Bronzeplastik, die drei Hafenarbeiter darstellt, die gelangweilt ins Wasser spucken. In unregelmäßigen Abständen spritzt tatsächlich ein kräftiger Wasserstrahl über den Fußweg und macht nichtsahnende Touristen nass.

Der Ratsdelft liegt am Rathausplatz und damit auch direkt am Rathaus von Emden. Wie die meisten historischen Gebäude der Stadt wurde auch das frühneuzeitliche Rathaus im Zweiten Weltkrieg fast komplett zerstört und anschließend wieder neu errichtet. Das gesamte Erscheinungsbild der Innenstadt ist heute noch geprägt von der Wiederaufbauarchitektur der 50er- und 60er-Jahre. Die Struktur des ursprünglichen Rathausgebäudes ist beibehalten worden. Durch einen Gang im Erdgeschoss gelangt man durch das Gebäude hindurch auf die andere Seite und damit in die Brückstraße. Sie führt vorbei an der neuen Kirche der Evangelisch-reformierten Gemeinde und endet schließlich am „Roten Mühlenzwinger“, in dem sich heute ein Kindergarten befindet.

Auf den Spuren von Otto Waalkes in Emden

Wer vom „Otto Huus“ aus in die andere Richtung geht, der erreicht über Große Straße, Burgplatz und Cirksenastraße eine weitere Sehenswürdigkeit für Otto-Waalkes-Fans, und zwar das ehemalige Wohnhaus des Komikers. Der Stadtteil Transvaal ist geprägt von Arbeiterhäusern, mal freistehend, mal in Reihe. Fans verlassener Fabrikgebäude werden von den Überresten des ehemaligen Ültje-Werks fasziniert sein.

Das Mehrfamilienhaus, in dem der kleine Otto Waalkes aufgewachsen sein soll, steht in der Godfried-Bueren-Straße 67. Weder Schild noch Gedenktafel heben dieses Haus von den Nachbargebäuden ab. Zumindest bei Google gibt es einen entsprechenden Hinweis. Wer die Haustür des Gebäudes erreicht hat, der erblickt jedoch ein untrügliches Zeichen für das frühe Wirken des ostfriesischen Humorkönigs. In die backsteinerne Umrandung der Tür hat der Meister, wahrscheinlich aus pubertierendem Übermut heraus, seinen Namen hineingeritzt. „O. Waalkes, 13.10.63“ ist dort zu erkennen. Auf der anderen Seite prangt ein etwas markanteres „O. Waalkes 1963“. Welches die wirkliche Handschrift des kleinen Ostfriesen widerspiegelt, wird nicht klar. Vielleicht beides? In seiner Biografie erwähnt Waalkes diese Ritzerei jedenfalls. Mindestens eine ist somit echt.

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Ist Ostfriesland so bekannt, weil Otto hier geboren wurde? Oder ist der Komiker nur deshalb so berühmt, weil er aus Ostfriesland kommt? Mag sein, dass sich beide Seiten gegenseitig befruchtet haben. Das weite Land und die wettergegerbten Einwohner mögen Otto sicherlich zu zahlreichen Ostfriesenwitzen inspiriert haben. Und der Humorprofi dankte es seiner Heimat, indem er sie immer wieder in seinen Filmen thematisierte und sie damit deutschlandweit berühmt machte.

Deichromantik am Pilsumer Leuchtturm

Einer der bekanntesten Otto-Drehorte ist der Pilsumer Leuchtturm, ca. 25 Kilometer vom „Otto Huus“ entfernt. Der markante, gelb-rot-gestreifte Leuchtturm taucht im Film „Otto – Der Außerfriesische“ auf. Wer ein kleines Stück deutsche Filmgeschichte mit einem typisch ostfriesischen Deichspaziergang an der Nordsee verbinden möchte, der ist hier richtig gut aufgehoben.

Der Besucherparkplatz befindet sich ein paar hundert Meter vor dem Leuchtturm. Ein Parkticket für 2,50 Euro reicht für entspannte drei Stunden, in denen man auf der Deichspitze bis zum Turm und wieder zurück spazieren kann. Bei sonnigem Wetter und strahlend blauem Himmel hebt sich der bunte Leuchtturm farbenfroh von seiner Umgebung ab und es ergeben sich zahlreiche Fotomotive aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln.

Erst auf den zweiten Blick offenbart sich die Vielfalt der zunächst eintönigen, platten Landschaft. Da ist der sattgrüne Deich, dessen Grasbewuchs von Schafen in Schach gehalten wird, die wie weiße Tupfen über der Landschaft verteilt sind. Auf der windgeschützten Seite hinter dem Deich breitet sich eine vielfältige Marschlandschaft mit Schilfgras, Wasserläufen und Scharen von Gänsen aus. Vor dem Deich auf der Küstenseite erstreckt sich ein scheinbar endloser Weg entlang des Wattenmeeres. Das tiefere Wasser der Nordsee ist für lange Zeit nur zu erahnen.

Zurück auf dem Parkplatz kann sich der Ausflügler mit einem typisch ostfriesischen Krabbenbrötchen an der Imbissbude stärken. Der Spaziergang durch den Sturm oben auf dem Deich ist herausfordernd, an einem milden Frühlingstag wie diesem allerdings keine frostige Angelegenheit.

Historisches Krabbenstädtchen Greetsiel

Wir verlassen nun den Wirkungskreis von Otto Waalkes und machen noch einen kurzen Abstecher ins ca. fünf Kilometer entfernte Greetsiel. Dieses kleine, typisch ostfriesische Fischerdörfchen hat sich in den vergangenen Jahren zu einem wahren Touristenmagneten entwickelt. Entsprechend voll sind die öffentlichen Parkplätze. Gegen Gebühr kann man sein Auto am Supermarkt abstellen. Wer Glück hat, erwischt einen Platz am Straßenrand, auf dem die Parkscheibe ausreicht.

Anders als in Emden ist in Greetsiel noch alles beim Alten. Im Ortszentrum prägen historische Gebäude das Stadtbild und in den schmalen Gassen reihen sich Restaurants und Cafés an Souvenirläden und Ferienwohnungen. Zentraler Anlaufpunkt ist der kleine Hafen, in dem zahlreiche Fischkutter festgemacht sind. Etwas weiter oberhalb der Hafenkante hat man einen schönen Blick auf die Szene. Mit etwas Fantasie verschwinden die neuzeitlichen Touristenmassen und es erscheint das Bild einer kleinen Krabbenstadt vor 300 Jahren. Nicht ohne Grund ist dem kleinen, gekrümmten Meerestier eine Skulptur am Hafen gewidmet.

Auch in Greetsiel ist man ziemlich schnell durch. Den historischen Stadtkern hat man nach einem kurzen Spaziergang vollständig erkundet. Zur Belohnung entspannen wir uns mit einem Eis am Alten Greetsieler Sieltief mit Blick auf die Zwillingsmühlen. Anschließend geht es am imposanten Nationalparkhaus, an der kleinen Greetsieler Kirche und an der alten Schule vorbei wieder hinaus aus dem Ort. Die Parkscheibe hat gerade so gehalten.

Damit endet der Blitzausflug nach Ostfriesland. Und während wir über die Autobahn in den Sonnenuntergang reiten, erklingt von irgendwoher die Melodie „Bin ein Friesenjung‘, bin ein kleiner Friesenjung‘ und ich wohne hinterm Deich…“

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