Angekommen (7:30)

Macht Laufen wirklich Spaß? Viele Außenstehende können die Läuferszene nicht wirklich verstehen und auch ich war am Anfang ziemlich skeptisch. Doch das gibt sich.

Am Anfang macht Laufen natürlich noch keinen Spaß. Ich erinnere mich noch sehr gut an meine allerersten Kontakte mit dem Laufsport, und zwar im Rahmen des Schulsports, irgendwann ab der siebten Klasse, denke ich. Sobald das Wetter etwas wärmer wurde, trieb uns unser Sportlehrer an die frische Luft. Weitsprung, Kugelstoßen oder Sprinten stand auf dem Lehrplan. Doch bevor dieser Spaß losgehen sollte, mussten wir uns warmlaufen.

Der Sportlehrer hatte verfügt, dass die Klasse beim Warmlaufen zusammenbleiben sollte und um das zu gewährleisten, wählte er zu Beginn einen der schwächeren Schüler als Pacemaker aus, der während der Aufwärmphase nicht überholt werden durfte. Oft gehörte ich zu diesen ausgewählten Bremsklötzen, die sich bei den Aufwärmrunden an die Spitze des Feldes setzen mussten. Schon nach wenigen Metern hatte ich keine Lust mehr. Rechts und links neben mir hielten sich die Laufcracks, meist die Fußballspieler unter uns, mehr schlecht als recht zurück. Während ich halb bewusstlos über die Innenbahn torkelte, wählten die Sportskanonen absichtlich die Außenbahn, um einen längeren Weg zu haben oder ließen sich zurückfallen, nur um dann mit voller Kraft wieder nach vorne zu sprinten. Absichtlich langsam laufen ist gar nicht so leicht, das weiß ich heute.

Zum Warmlaufen absolvierten wir eine oder zwei Stadionrunden. Kamen wir zwischendurch am Sportlehrer vorbei, rief uns dieser eindringlich in Erinnerung „Niemand schneller als Stefan!“. Vielen Dank auch. Während der zweiten Runde überlegte ich oft, ob ich mich nicht einfach fallenlassen und totstellen sollte, um dieser Tortur zu entgehen. Doch mein Stolz war größer und so schleppte ich mich immer tapfer ins Ziel. Langstreckenlaufen war früher eine Qual für mich. Dafür ließ ich die anderen dann im Kugelstoßen hinter mir.

Eine positivere Einstellung zum Laufen bekam ich erst später. Der Eintritt in den Ruderverein eröffnete mir völlig neue Perspektiven. Im Winter mussten Alternativen zum Rudertraining auf dem Wasser gefunden werden, also ging es unter anderem auf die Laufstrecke. Diesmal mit Anleitung. Ich weiß noch, wie ich zusammen mit einer kleinen Anfängergruppe zum ersten Mal eine größere Laufrunde in Angriff nahm. Auf Anweisung des Trainers stoppten wir alle paar hundert Meter und gingen ein paar Schritte. Anschließend ging es in ähnlichen Etappen weiter. Die nächsten Laufeinheiten auf dieser Strecke sahen ähnlich aus, allerdings mit immer größeren Abständen zwischen den Pausen. So tasteten wir uns langsam an die komplette Strecke heran. Am Ende schaffte ich die sieben Kilometer ohne Stopp. Ich jappste und keuchte und flehte zwischendurch um eine Pause, doch der Trainer trieb mich durch jede Schwächephase bis ins Ziel. Am Ende war ich überglücklich, durchgelaufen zu sein. Der Weg ist das Ziel? Nein, das Ziel ist das Ziel. Der Weg war steinig und fordernd. Eine Qual. Doch mit dem Überqueren der Ziellinie war die Tortur vergessen. Der Weg war nicht schön, doch er hatte sich gelohnt. Das Ziel war erreicht und das fühlte sich großartig an.

Von da an fiel mir das Laufen immer leichter. Dunkle Winterabende verbrachte ich regelmäßig auf der Laufstrecke, mal in der Gruppe, mal allein. Meine Zeiten wurden besser. Die Beine schmerzten immer weniger.

Mein allererster Wettkampf stand an. Zehn Kilometer durch meine Heimatstadt. Ich blieb unter einer Stunde. Gar nicht so schlecht für den ehemaligen Warmlaufmoppel aus dem Schulsport.

Es sind positive Erlebnisse, Verbesserungen und Ergebnisse, die den Spaß am Laufsport ausmachen. Zwischendurch habe ich mich öfter gefragt, warum ich das überhaupt mache. Dieses Laufen. Sport überhaupt. Stundenlange Trainingseinheiten. Bei Regen und Schnee. Im Dunkeln. Hinterher zitternd unter der Dusche, darauf wartend, dass die Wärme in die Glieder zurückkehrt. Geduld ist das Stichwort. Geduld ist wichtig, um zu erkennen, dass dieser ganze Aufwand schließlich zum Erfolg führt. Und auch, wenn ich in vielen Bereichen des Lebens nicht die nötige Geduld und Ausdauer mitbringe, beim Laufen habe ich es irgendwie geschafft. Meine Ungeduld habe ich sozusagen geduldig ausgehalten.

Einen weiteren Wendepunkt beim Laufen erlebte ich vor ca. sieben Jahren. In den Jahren davor war meine Sportlichkeit immer weiter abgeebbt. Bis zum Abitur hatte ich das Rudern noch leistungsmäßig betrieben. Tägliches Training, Teilnahme an den Deutschen Meisterschaften. Beim Laufen hatte ich die zehn Kilometer am Ende unter 45 Minuten geschafft. Doch dann kamen Bundeswehr und Studium. Viele neue Eindrücke, neue Orte und neue Menschen weit entfernt vom heimischen Sportverein. Neue Prioritäten. Partys, rauchen, ausschlafen. Sport wurde zur Nebensache. Den jährlichen zehn Kilometern in meiner Heimatstadt blieb ich treu, doch mit Sport hatte das nichts mehr zu tun. Tradition, Nostalgie, irgendwie sowas. Ich genoss es, Student zu sein. Mit allem, was dazugehört. Und was wird ein guter Student nach seinem Abschluss? Richtig, ein guter Praktikant. Wieder neue Erfahrungen, neue Orte, neue Leute.

Den Wendepunkt in diesem Lotterleben stellte ein Abend im Januar 2012 dar. Ich war mittlerweile Volontär und auf dem Weg in ein geregeltes Berufsleben. Für eine Geburtstagsfeier war ich mal wieder in der Heimat zu Gast. Party, rauchen, ausschlafen – so sah auch diesmal das Programm für das Wochenende aus. Doch nach dem Ausschlafen hatte sich irgendwas geändert. Ich hatte plötzlich ernsthaft keine Lust mehr aufs Rauchen. Zugegeben, das gab es schon öfter, doch diesmal blieb das Gefühl länger. Vielleicht hatte es daran gelegen, dass ich mir für die Party spezielle französische Zigaretten ohne Filter besorgt und ausschließlich diese konsumiert hatte. Wir hatten diese Tabakware vor ein paar Jahren auf einem Festival kennengelernt und ich wollte sie zur Feier des Tages der Gruppe präsentieren. Schon wieder Nostalgie. Doch der Nachgeschmack war furchtbar. Ich hatte auch nach Tagen noch das Gefühl, als hätte ich mir rechts und links jeweils eine dieser Zigaretten in die Backen gestopft, so schmeckte das. Bei der nächsten Partygelegenheit ließ ich die Zigaretten für einen Abend komplett weg und war überrascht, wie gut es mir am nächsten Tag ging.

So kam es, dass ich erfolgreich mit dem Rauchen aufgehört habe. Ich hatte zwar nicht regelmäßig und schon gar nicht täglich geraucht, vielmehr nur am Wochenende auf Partys oder bei einem Kaffee, doch ich war schon sehr froh, als mir klar wurde, dass ich mir das Rauchen erfolgreich abgewöhnen konnte. Auch dabei hat mir der Laufsport geholfen.

Ich befasste mich nun wieder ernsthaft mit dem Laufen. Ich ließ mich beim Kauf von neuen Laufschuhen professionell beraten und meldete mich bei einem Online-Laufforum an, in dem Laufstrecken abgespeichert und Ergebnisse erfasst werden konnten. Ich ging jetzt ausschließlich mit Stoppuhr auf die Laufstrecke, um die Zeiten sekundengenau erfassen zu können. Nach jedem Lauf protokollierte ich so meine Daten, freute mich über schnellere Zeiten und den wachsenden Kilometerstand. Dieser Fortschritt und die erkennbaren Verbesserungen haben sehr dazu beigetragen, dass ich nicht wieder mit dem Rauchen angefangen habe. Neben den nackten Zahlen habe ich natürlich auch eine Verbesserung im Wohlbefinden festgestellt. Meiner Lunge ging es besser und ich wurde leistungsfähiger. Mehr Argumente gegen das Rauchen brauchte ich nicht.

Das Projekt Nichtraucher hatte bestens geklappt. Daraus ergab sich eine neue Motivation für weitere sportliche Erfolge…

Fortsetzung folgt

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