Angekommen – Teil 2 (5:00)

Ich hatte es also geschafft, mit dem Rauchen aufzuhören. Und daran hatte der Laufsport einen ganz erheblichen Anteil (siehe Angekommen Teil 1).

Ich lief jetzt wieder regelmäßig und nahm mir auch abends nach der Arbeit immer mal wieder Zeit dafür. Auch das war oftmals nicht nur von Spaß geprägt, vor allem im Winter nach 19 Uhr. Doch für einen Lauf im März muss man eben im Winter trainieren. Und auch wenn das Training im ersten Moment keinen Spaß macht, weil es dunkel und kalt ist und der Gegenwind sich seinen Weg durch jede Ritze bahnt, irgendwann wird einem warm und die Straße gleitet nur so unter einem hinweg. Man passiert schummrige Laternen in einer winterlichen Abendatmosphäre, einsame Wege, völlige Ruhe. Nur das Geräusch der Laufschuhe und der dampfende Atem vorm Gesicht. Und dann ist man froh, dass man doch noch rausgegangen ist. Mal wieder etwas getan hat.

Dann kommt der Wettkampftag im März. Ein Hauch von Frühling liegt in der Luft. Sonne. Kurze Laufhose. Gute Laune im Ziel. Das macht unglaublich viel Spaß.

So ging das ein paar Jahre ziemlich erfolgreich weiter. Irgendwann reichte mir der Lauf in meiner Heimatstadt nicht mehr aus und ich meldete mich für einen weiteren Lauf in der Nachbarstadt an. Mein Lauftraining musste ich nun etwas ausweiten. Bislang war nach dem Lauf im März erstmal Schluss gewesen. Nun nahm ich diesen Lauf als Vorbereitung für die nächste Veranstaltung im April. Neue Strecke, neue Motivation. Und schon beim zweiten Anlauf in der Nachbarstadt knackte ich die 50-Minuten-Marke auf der Zehn-Kilometer-Strecke. Zweimal konnte ich eine 49er-Zeit über diese Distanz noch wiederholen. Ich hatte endlich wieder ein zufriedenstellendes sportliches Level erreicht und wollte daran unbedingt anknüpfen. Ich träumte schon wieder von den 45er-Zeiten, die ich als junger Leistungssportler geschafft hatte. Alles schien bestens. Doch dann kam der Krebs.

Meine Krebserfahrung war das einschneidendste Erlebnis meines Lebens. Vor allem die zweite Operation hatte große Auswirkungen auf meine Beweglichkeit. Nach dem Eingriff in der Leistengegend lag ich zwölf Tage lang nahezu unbeweglich im Krankenbett. Eine Steigerung gab es nur in der Anzahl der Toilettengänge sowie den ersten Gehversuchen auf dem Flur mit Hilfe der Schwester. Bei meiner Rückkehr nach Hause brauchte ich unendlich lange, um die Treppen in unsere Dachgeschosswohnung zu bewältigen. Körperlich musste ich wieder bei null anfangen.

Vielleicht war es Trotz, vielleicht ein natürlicher Überlebensinstinkt: Bereits kurz nach meiner Krebsdiagnose im August 2016, vielleicht sogar noch am selben Tag, fasste ich den Entschluss, etwas Großes daraus zu machen. Schreiben über den Krebs wollte ich unbedingt. Musste ich. Und laufen wollte ich auch wieder. Am besten einen Marathon. Irgendwann, aber jetzt erst recht! Seitdem bereite ich mich darauf vor. Ernsthaft. Ich habe mir dafür aber ziemlich viel Zeit eingeräumt. Ein paar Jahre wird das noch dauern.

Sport funktioniert mittlerweile wieder richtig gut. Angefangen mit dem Ruderergometer über kleinere Laufrunden bin ich jetzt wieder bei den zehn Kilometern angekommen. Kürzlich waren es sogar mal zwölf. Ein Halbmarathon als nächstes Ziel ist bereits schwach erkennbar, doch ich reize die Anmeldefrist bis zum Schluss aus, bevor ich mich endgültig entscheide. Eine Zeit peile ich dabei nicht an. Je länger die Distanz, desto wichtiger ist es, überhaupt durchzuhalten.

Durchhalten. Etwas schaffen. Ziele erreichen. Das macht Spaß.

Harte Arbeit macht natürlich erstmal keinen Spaß. Und gerade am Anfang liegt ein großer Haufen harter Arbeit vor einem. Ausdauer im Laufen muss erarbeitet werden. Anfänglich sollten die Ziele nicht allzu hoch gesteckt werden. Kleine Erfolge können auch motivieren, z.B. das Absolvieren einer bestimmten Strecke ohne Pause. Manchmal war es für mich auch schon ein Erfolg, abends überhaupt laufen gegangen zu sein, obwohl ich mich vorher hin- und hergerissen fühlte. Der innere Schweinehund ist manchmal sehr mächtig, doch ihn zu bezwingen, macht Spaß. Zu erkennen, dass man schneller wird, dass einem das Laufen leichter fällt, macht Spaß. Den Winter über zu trainieren und dann im Frühling beim ersten Wettkampf des Jahres ein tolles Resultat zu erlaufen, macht Spaß. Es macht Spaß, zu erkennen, dass sich das Training gelohnt hat und dass man mit seinem Plan auf dem richtigen Weg ist.

Und irgendwann macht tatsächlich auch das Training Spaß! Dann kommen diese perfekten Tage, an denen einfach alles stimmt. Die Sonne glitzert, die Vögel zwitschern und ein warmer Windhauch begleitet einen auf der Strecke. Es geht hinaus aus dem Ort, raus aufs freie Feld, vorbei an blühendem Raps oder wogendem Korn. Die Kilometermarken rauschen nur so an einem vorbei. Augen schließen. Gesicht in die Sonne. Angekommen.

Werbeanzeigen

2 Gedanken zu „Angekommen – Teil 2 (5:00)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.