Neues von untenrum (6:30)

Ein kleiner Schock war es schon, als der Arzt mir sagte, dass ich erneut operiert werden müsste. Meine Erwartungen an den Kontrolltermin, bei dem ich eine kleine Hautirritation untersuchen lassen wollte, waren eigentlich nur, dass mir eine Salbe verschrieben werden würde. Vielleicht noch eine Probe oder einen Abstrich nehmen oder was auch immer, aber mehr nicht. Ich hatte nicht damit gerechnet, für eine OP nochmal wiederkommen zu müssen. Dann erklärte mir der Chefarzt der Urologischen Abteilung der Rostocker Uniklinik allerdings, dass eine ambulante Operation ausreichen würde.

Drei Wochen später, nach der Besprechung der Ergebnisse, sollte ich mich dann auch wieder entspannen können. Doch bis dahin sollte es eben noch drei Wochen dauern.

Zwei Jahre nach meiner Krebserfahrung und den beiden krebsbezogenen Operationen war ich nach Rostock eigentlich nur zurückgekehrt, um ein Bläschen, das sich unweit der damals operierten Stelle gebildet hatte, untersuchen zu lassen. Mein niedergelassener Urologe, der, wie so viele andere, mit Peniskrebs nicht so viel Erfahrung hatte, wie die Kollegen in Rostock, hatte mir zu diesem Schritt geraten. Und natürlich war dieser Schritt richtig.

Nach einem kurzen Blick auf die Stelle war die OP beschlossene Sache. Ein Stück Haut sollte entfernt und zusätzlich zwei Proben genommen werden. Dabei handelte es sich um eben diese paar Zentimeter Haut, an denen manche Männer so hingen. Andere ließen sie sich aus religiösen oder gar sexuellen Gründen entfernen: die Vorhaut. Bei mir war nichts dergleichen der Fall. Ich fragte mich nur, warum diese kleine Korrektur vor zwei Jahren nicht gleich miterledigt worden war.

Mit den Worten „Ich glaube aber nicht, dass es wieder Krebs ist“ schüttelte mir der Chefarzt zum Abschied die Hand. Die Operation sollte neun Tage später durchgeführt werden.

Nun also wieder eine OP. Na gut. Bei genauerer Betrachtung musste ich mir eingestehen, dass ich vielleicht doch damit gerechnet hatte. Schon länger hatte ich das Gefühl, dass da untenrum bei mir nochmal nachjustiert werden müsste. Das war schon ok. Und Rostock war ja ganz nett, vor allem im Sommer, also sollte die Gemütslage in einer solchen Situation nicht noch durch Kälte und Eis gedrückt werden.

Allerdings bedeuteten diese Termine für mich erneut lange Autofahrten nach Rostock und zurück. Von meiner niedersächsischen Heimat aus war es zu der Zeit nicht so einfach, dorthin zu gelangen. Über die Autobahn musste ich die Route über Hamburg nehmen und aufgrund mehrerer Baustellen mit Staus rechnen. Über die Landstraße, meine vor zwei Jahren bevorzugte Route, stellten sich mir mittlerweile ebenfalls mehrere Baustellen, gesperrte Ortsdurchfahrten und Umleitungen in der Weg, welche zu einer Verlängerung der Fahrtzeit um mindestens eine Stunde führten. Der Zug war auch keine Alternative, da die eigentliche Intercity-Direktverbindung von meiner Heimatstadt nach Rostock durch eine Bahnbaustelle bei Bad Kleinen unterbrochen war. Die alternative Streckenführung der Bahn beinhaltete eine Route durch halb Norddeutschland mit mehrmaligem Umsteigen. Je nach Uhrzeit wurde mir sogar eine Übernachtung oder eine Etappe mit dem Bus in die Planung eingebaut. Keine Alternative.

Das Gespräch mit dem Narkosearzt sollte am Donnerstagmittag, die OP aber erst am darauffolgenden Tag stattfinden. Meine Frau und ich starteten also am Donnerstag mit einem der ersten Hahnenschreie, um mit der Route über Hamburg rechtzeitig in Rostock anzukommen. Meine Frau hatte ich als seelischen Beistand (auf diesem Gebiet hatte sie bereits vor zwei Jahren herausragende Leistungen abgeliefert) und als Fahrerin für die Rückfahrt nach der OP dabei. Nach einer vierstündigen Autofahrt erreichten wir die Uniklinik überpünktlich gut 30 Minuten vor dem Termin.

Ich war also bereit für das Narkosegespräch. Die urologische Ambulanz allerdings nicht. Denn als ich mich an der Anmeldung vorstellte und erwähnte, dass ich gleich einen Termin hätte, erntete ich von der Schwester nur ein verdutztes „Nee, ne?“

In vorauseilendem Gehorsam hatte die Dame meine Krankenakte nämlich schon in die innerbetriebliche Post Richtung Tagesklinik gegeben, in der ich am nächsten Tag operiert werden sollte.

„Steht der denn drin?“, fragte die Schwester eine Kollegin über die Schulter hinweg.

„Ja, er steht drin“, antwortete diese nach einem kurzen Blick hinein.

Unter mehreren Entschuldigungen („Ich kann hier leider nicht weg“) wurde ich also rüber in die Tagesklinik geschickt, um meine Akte zu holen. Ich ärgerte mich nur mäßig über dieses Missmanagement, denn wir hatten ja noch genug Zeit und auf diese Weise konnte ich auch schon mal prüfen, wo ich mich am nächsten Tag einzufinden hatte. Die beiden Schwestern in der Tagesklinik empfingen mich kurz darauf ebenfalls sehr nett, gaben mir die Akte und eine geheime Spezialtelefonnummer mit, unter ich abends meine genaue OP-Uhrzeit für den nächsten Tag erfragen sollte und wir vertagten uns auf morgen.

Mit der Akte in der Hand kehrte ich in die Ambulanz zurück, nur um mit einer weiteren Wegbeschreibung im Gepäck den Weg zum Narkosearzt anzutreten. Dabei hätte eigentlich nur die Zimmernummer 21 gereicht. Um die nächste Ecke herum begann der Gang mit Nummer 38, der Rest war Physik und kognitive Kombination.

Das Narkosegespräch dauerte nur fünf Minuten. Nach wie vor vertrug ich Vollnarkosen offenbar sehr gut und hatte keine Allergien oder blutverdünnenden Medikamente vorzuweisen. Die Unterschrift unter den Aufklärungsbogen besiegelte das Gespräch.

Der offizielle Teil für diesen Tag war vorüber. Meine Frau und ich belohnten uns mit Kaffee und Kuchen in der Rostocker Innenstadt, einem ausgiebigen Mittagsschlaf im Hotel und abends vorzüglichen Hamburgern, ebenfalls in der City.

Unter der speziellen Geheimnummer (oder geheimen Spezialnummer) erfuhr ich zwischendurch, dass ich für den nächsten Tag auf Platz zwei der OP-Liste stand und mich gegen acht Uhr morgens an der Patientenanmeldung einfinden sollte. Klang gut, hielt ich alles ein, kam aber natürlich anders.

Fortsetzung folgt.

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